406 Gandhara-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

406. Die Erzählung von Gandhara (Gandhara-Jātaka)

„Nachdem auf sechzehntausend Dörfer“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Lehrvorschrift betreffs des Aufspeicherns von Heilmitteln.

Als nämlich der ehrwürdige Pilindiyavaccha, um die Familie des Klosterdieners zu befreien [1], sich nach dem königlichen Palaste begab und durch seine Wunderkraft den Palast in Gold verwandelt hatte, da waren die Leute davon hochbefriedigt und sandten dem Thera die fünf Arten der Heilmittel. Er aber verschenkte sie an die Versammlung der Mönche. Die Versammlung aber hatte Überfluss daran; mit allem, was sie erhielt, füllte sie Töpfe, Schüsseln und Schalen und stellte sie beiseite. Als dies die Leute sahen, dachten sie: „Diese Asketen sind habsüchtig und speichern sich Vorräte auf“; und sie wurden zornig darüber.

Als aber der Meister diese Begebenheit erfuhr, verkündigte er die Lehrvorschrift: „Was aber die kranken Mönche betrifft [2]“, und fuhr dann fort: „Ihr Mönche, die Weisen der Vorzeit, die, als noch kein Buddha erschienen war, in einer anderen Lehre die Welt verlassen hatten und nur die fünf Gebote hielten, haben doch diejenigen getadelt, die nur Salz und Zucker für den nächsten Tag aufhoben; ihr aber, die ihr in dieser so zum Heile führenden Lehre Mönche geworden seid, legt einen Vorrat an für den zweiten und dritten Tag.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem war der Bodhisattva im Reiche Gandhara der Sohn des Königs von Gandhara; nach dem Tode seines Vaters bestieg er den Thron und führte in Gerechtigkeit die Regierung. In der mittleren Gegend aber [3], im Reiche Videha, regierte ein König namens Videha. Diese beiden Könige waren Freunde geworden, ohne einander noch gesehen zu haben, und besaßen festes Vertrauen zueinander. Damals aber hatten die Menschen ein langes Leben; sie lebten dreißigtausend Jahre.

Einstmals nun begab sich der König von Gandhara am Vollmond-Uposatha-Tage, nachdem er die Beobachtung der Gebote gelobt hatte [4], in seiner Thronhalle nach dem geschmückten herrlichen Polster; und indem er durch das geöffnete Fenster nach der östlichen Himmelsgegend blickte, erklärte er beim Sitzen seinen Ministern, was in geistlichen und weltlichen Dingen passend sei. In diesem Augenblick verdunkelte Rāhu [5] die volle Mondscheibe, die sich gerade über die Fläche des Himmels bewegte. Der Glanz des Mondes verschwand. Als die Minister den Mond nicht mehr sehen konnten, teilten sie dem Könige mit, dass der Mond von Rāhu geraubt sei.

Der König betrachtete den Mond und dachte dabei: „Dieser Mond ist glanzlos geworden, weil er von einer in jemand aufsteigenden Begierde befleckt wurde. Auch für mich ist dieser königliche Hofhalt eine Befleckung. Doch ist es nicht passend für mich, dass ich gleich dem Monde, den Rāhu geraubt, meinen Glanz verliere. Wie die Mondscheibe an der klaren Himmelsfläche erstrahlt, so will ich meine Königsherrschaft aufgeben und die Welt verlassen. Von meiner Familie und meinem Gefolge werde ich mich frei machen und unter eigener Leitung leben. Dies ist passend für mich.“ Darauf übergab er seinen Ministern die Regierung mit den Worten: „Was ihr wollt, das tut.“ So legte er die Regierung über die beiden Königreiche Kasmira und Gandhara [6] nieder und betätigte die Weltflucht der Weisen. Er erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse und nahm seinen Aufenthalt im Himalaya-Gebirge, der Wonne der Ekstase sich hingebend.

Der König von Videha aber hörte, als er die Kaufleute nach dem Wohlbefinden seines Freundes fragte, dass dieser die Welt verlassen habe. Da dachte er: „Wenn mein Freund Asket geworden ist, was soll ich da mit meinem Königreiche?“ Er verzichtete auf die Königsherrschaft in der sieben Yojanas messenden Stadt Mithila, in seinem dreihundert Yojanas umfassenden Reiche Videha, in den sechzehntausend Dörfern, er verzichtete auf seine gefüllten Schatzhäuser und auf seine sechzehntausend Tänzerinnen und zog, ohne auf seine Söhne und Töchter Rücksicht zu nehmen, nach dem Himalaya. Hier nahm er das Asketenleben an, nährte sich von wildwachsenden Früchten und lebte in treuer Beobachtung seiner Regeln.

Während nun die beiden in der Beobachtung ihrer Regeln weiterlebten, trafen sie in der Folgezeit einmal zusammen. Sie erkannten einander nicht, sondern lebten von nun an einträchtig ihren Pflichten gemeinsam. Der Asket Videha aber diente dem Asketen Gandhara. —

Als einmal die beiden an einem Vollmondstage am Fuße eines Baumes sitzend ein Gespräch über Wahrheit und Recht führten, verfinsterte Rāhu die Mondscheibe, die an der Fläche des Himmels leuchtete. Der Asket Videha dachte: „Ist denn der Glanz des Mondes verschwunden?“, und schaute auf. Da sah er, dass Rāhu den Mond hinweggenommen habe, und fragte: „Wer hat denn, o Lehrer, den Mond verfinstert und glanzlos gemacht?“ Der andere erwiderte: „Mein Schüler, dieser Rāhu ist eine Belästigung für den Mond; er lässt ihn nicht leuchten. Auch ich dachte einst, als ich die von Rāhu berührte Mondscheibe sah: ‘Diese so klare Mondscheibe ist durch die Belästigung eines Fremden glanzlos geworden. Auch für mich ist dies Königreich eine Belästigung. Damit aber, wie Rāhu diese Mondscheibe verdunkelt, dies mich nicht glanzlos mache, darum will ich die Welt verlassen.’ So machte ich die von Rāhu erfasste Mondscheibe zum Ausgangspunkt meines Entschlusses, warf mein großes Königreich von mir und wurde Asket.“

Jetzt sagte der andere: „Lehrer, bist du der König von Gandhara?“ „Ja, ich bin es“, war die Antwort. Der andere versetzte: „Lehrer, ich bin der König Videha im Reiche Videha in der Stadt Mithila. Waren wir nicht gegenseitig befreundet, obwohl wir uns noch nicht gesehen hatten?“ „Was war aber für dich der Ausgangspunkt zu deinem Entschlusse?“, fragte Gandhara. Videha antwortete: „Als ich hörte, dass du die Welt verlassen habest, dachte ich: ‘Fürwahr, man hat den Vorzug der Weltflucht eingesehen.’ Indem ich so nur Euch zum Ausgangspunkt meines Entschlusses machte, gab ich mein Königreich auf und wurde Asket.“ Von da an lebten sie in vollster Eintracht und Einigkeit zusammen und nährten sich beständig von wilden Baumfrüchten.

Als sie aber so eine lange Zeit verbracht hatten, stiegen sie einmal, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, vom Himalaya herab und gelangten in ein Grenzdorf. Befriedigt über ihren heiligen Wandel gaben ihnen die Bewohner Almosen; sie errichteten ihnen mit ihrer Zustimmung im Walde Ruheplätze für die Nacht u. dgl. und ließen sie dort wohnen. Unterwegs erbauten sie für jene, damit sie dort ihr Mahl einnehmen könnten, an einem bequem gelegenen Orte eine Hütte. Wenn dann die Asketen in dem Grenzdorfe ihren Almosengang gemacht hatten, setzten sie sich in dieser Laubhütte nieder, verzehrten ihr Mahl und kehrten dann in ihre Wohnung zurück.

Die Leute aber, die ihnen Speise gaben, warfen ihnen manchmal Salz in ihre Almosenschale und gaben es ihnen oder sie gaben ihnen manchmal auch Speisen ohne Salz. Eines Tages gaben sie ihnen mehr Salz als gewöhnlich in einem Blätterkorbe. Der Asket Videha ging mit dem Salz fort und gab dem Bodhisattva zur Zeit des Mahles, soviel er brauchte. Nachdem er auch für sich das Entsprechende genommen, verwahrte er den Rest wieder in dem Blätterkorb und legte diesen in einen Grashaufen, indem er dachte: „Dies ist für einen Tag bestimmt, an dem es kein Salz gibt.“

Eines Tages nun, als es salzlose Speise gab, reichte Videha dem Gandhara die Schale mit der Almosenspeise, holte aus dem Grashaufen das Salz hervor und sprach: „Lehrer, nehmt Salz!“ Dieser erwiderte: „Heute haben wir von den Leuten kein Salz erhalten; woher hast du dies bekommen?“ Jener versetzte: „Lehrer, an einem früheren Tage gaben uns die Leute viel Salz; da dachte ich: ‘Dies soll für einen Tag sein, wo wir kein Salz erhalten’, und hob den Rest auf.“

Da beschämte ihn der Bodhisattva mit folgenden Worten: „Du törichter Mann, dein dreihundert Yojanas umfassendes Reich Videha hast du aufgegeben, hast die Welt verlassen und den Zustand der Armut erwählt. Und nun erzeugst du in dir Begierde nach Salz und Zucker!“ Und indem er ihn ermahnte, sprach er folgende erste Strophe:

§1. „Nachdem auf sechzehntausend Dörfer,
die voll von Gütern, du verzichtest,
auf hoch gefüllte Vorratskammern,
legst hier du jetzt dir Vorrat an.“

Als aber Videha so getadelt wurde, konnte er den Tadel nicht ertragen und in feindlicher Gesinnung sagte er: „Lehrer, Ihr seht Euren eigenen Fehler nicht, sondern bemerkt immer nur meine Fehler. Dachtet Ihr nicht: ‘Was bedarf ich der Ermahnung anderer? Ich will mich selbst ermahnen’, und habt deshalb das Königreich aufgegeben und die Welt verlassen? Warum ermahnt Ihr da jetzt mich?“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

§2. „Du hast Gandharas Reich verlassen,
das reich an Geld und allen Schätzen,
auf guten Rat hast du verzichtet;
warum gibst du jetzt mir Ermahnung?“

Da dies der Bodhisattva hörte, sprach er folgende dritte Strophe:

§3. „Die Wahrheit lehr ich, Videha,
was Unrecht, das gefällt mir nicht;
und während ich die Wahrheit lehre,
befleck ich mich doch nicht mit Sünde [7]!“

Als der Asket Videha diese Worte des Bodhisattva vernahm, erwiderte er: „Lehrer, auch wenn man etwas Nutzbringendes sagen will, darf man es nicht sagen, indem man den andern dabei trifft und verletzt. Du hast zu mir zu rau gesprochen, als wenn du mich mit einem stumpfen Messer rasiert hättest.“ Und er sprach folgende vierte Strophe:

§4. „Sei es auf welche Art auch immer:
wenn dadurch wird verletzt der andre,
so soll der Weise auch nicht sagen
ein Wort, das sonst viel Nutzen brächte.“

Ihm aber sagte der Bodhisattva folgende fünfte Strophe:

§5. „Mag er verletzt sein oder nicht,
das ist mir gleich, das gilt wie Spreu.
Doch während ich die Wahrheit lehre,
werd' ich von Sünde nicht befleckt.“

Nach diesen Worten aber fuhr er fort: „Ich will es, Ānanda [8], nicht so mit Euch treiben wie ein Töpfer mit ungebranntem Ton; mit beständigem Tadel, Ānanda, will ich reden. Was das Wirkliche ist, das wird bleiben.“ So beharrte er bei seinem der Heiligenermahnung [9] entsprechenden Verfahren. Wie ein Töpfer immer wieder an seine Töpfe schlägt und den ungebrannten Topf nicht nimmt, sondern nur den gebrannten, so muss man immer wieder ermahnen und tadeln, um einen Mann zu erhalten, der dem gebrannten Ton gleicht [9a]. Um dies zu erklären, sprach er jenen ermahnend folgendes Strophenpaar:

§6. „Wenn er nicht selbst die Einsicht hätte
oder nicht Zucht sich angeeignet,
so liefe mancher Mensch umher,
wie in dem Wald ein blinder Büffel.
 
§7. Weil aber hier doch manche sind,
die wohl geübt in gutem Wandel,
drum wandeln standhaft sie im Guten,
durch ihre Disziplin gebändigt [10].“

Als dies der Asket Videha hörte, sagte er: „O Lehrer, von nun an gebt mir Ermahnungen. Ich redete so mit Euch, weil ich meine Natur noch nicht gebändigt habe. Verzeiht es mir!“ Nachdem er so den Bodhisattva gepriesen, bat er ihn um Verzeihung. In völliger Eintracht zusammenlebend kehrten sie darauf in den Himalaya zurück. Hier erklärte der Bodhisattva dem Asketen Videha die Mittel zur Herbeiführung der Ekstase. Dieser wandte sie an und erreichte dadurch die Erkenntnisse und die Vollendungen. So erfreuten sich die beiden ununterbrochen der Ekstase und gelangten dann in die Brahma-Welt.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Videha Ānanda, der König von Gandhara aber war ich.“

Ende der Erzählung von Gandhara


[1] Die Geschichte ist erzählt im Mahavagga VI, 15.1.

[2] Die Vorschrift, die sich im Mahavagga VI, 15.10 findet, lautet: Alles, was für kranke Mönche geschenkt wird, muss innerhalb sieben Tagen verbraucht werden.

[3] D. h. in Zentral-Indien.

[4] An den Usopatha-Tagen hielten auch die Laien die Gebote, die sonst nur für die Mönche und Nonnen verbindlich waren; vgl. Jātaka 1 Anm. 13.

[5] Ein Dämon, der nach der Volkssage Mond und Sonne dadurch unsichtbar macht, dass er sie in den Mund nimmt; vgl. Jātaka 25 Anm. 5.

[6] Kaschmir bildete also ein Reich mit dem westlich gelegenen Gandhara (heute Kandahar), das durch die dort gefundenen buddhistischen Skulpturen mit griechischem Typus besonders bekannt ist.

[7] Zur Erklärung führt der Kommentator die Strophen 76 und 77 des Dhammapadam an.

[Triffst einen du, der dir die Fehler aufweist,
als ob verborgnen Schatz er dir enthüllte,
der weise ist und mahnend dich zurechtweist,
mit solchen Weisen mögst du Umgang pflegen;
denn einem, der mit solchen Menschen umgeht,
gereicht es zum Guten, nicht zum Schlechten.
 
Ermahne, unterweise du,
von bösen Dingen halt zurück;
so bist bei Guten du belebt,
bei Bösen aber unbeliebt.]

[8] Ānanda ist, wie aus der Schlussbemerkung des Jātaka hervorgeht, mit dem König Videha in dieser Erzählung identifiziert.

[9] D. h. so wie es Buddha selbst zu machen pflegte.

[9a] Ich interpretiere das Gleichnis folgendermaßen: Der Töpfer schlägt immer wieder an den noch nicht fertig gebrannten Topf, um am Klang zu prüfen, ob der Topf fertig gebrannt ist. Erst wenn dies der Fall ist, ist der Topf perfekt und braucht nicht mehr angeschlagen zu werden.

[10] Der Kommentator fügt folgende Strophe aus dem Khuddaka-Patha zur Erklärung bei:

„Wenn tiefe Weisheit, großes Wissen
und Disziplin man hat gelernt
und dazu wohlgesetzt kann reden,
dies ist die äußerste Vollendung.“

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