448 Kukkata-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

448. Die Erzählung von dem Hahn (Kukkata-Jātaka)

„Ich traue nicht dem Bösewicht“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf den Mordversuch des Devadatta. In der Lehrhalle nämlich begannen die Mönche folgendes Gespräch über die Untugend Devadattas: „Freund, mit der Aussendung der Bogenschützen [1] usw. hat Devadatta nur ein Mittel gesucht, um den mit den zehn Kräften Ausgestatteten zu töten.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon versuchte mich dieser zu ermorden.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem regierte zu Kosambi ein König namens Kosambaka. Damals hatte der Bodhisattva in der Familie der Hähne in einem Bambuswalde seine Wiedergeburt genommen und wohnte im Walde, umgeben von vielen hundert Hähnen. Unweit davon wohnte ein Habicht; dieser fing durch List die Hähne und verzehrte sie. Alle hatte er schon gefressen außer dem Bodhisattva; so war der Bodhisattva allein geblieben. Unermüdlich zog er sich zur Zeit, wenn er sich sein Futter geholt hatte, in das Rohrdickicht zurück und blieb dort.

Als ihn nun der Habicht nicht fangen konnte, dachte er: „Durch eine List werde ich ihn beschwatzen und ihn dadurch fangen.“ Unweit von jenem setzte er sich auf einen Zweig und sprach zu ihm: „Freund Hahnenkönig, warum fürchtest du dich vor mir? Ich möchte mit dir Freundschaft schließen. Der und der Ort ist reich an Nahrung; dort wollen wir beide uns unser Futter holen und miteinander in Liebe zusammenleben.“ Der Bodhisattva aber antwortete ihm: „Freund, ich habe kein Vertrauen zu dir; gehe nur!“ Der Habicht erwiderte: „Freund, du glaubst mir nicht, weil ich früher Böses tat; von jetzt an werde ich aber dergleichen nicht mehr tun.“ Doch der Bodhisattva versetzte: „Mich verlangt nicht nach einem solchen Freunde; gehe du nur!“ Nachdem er ihn so zum dritten Male zurückgewiesen, sagte er: „Zu einem Manne, der mit solchen Eigenschaften ausgestattet ist, darf man kein Vertrauen zeigen.“ Und indem er den ganzen Wald ertönen ließ, sprach er, während die Gottheiten ihre Zustimmung ausdrückten, um eine Schilderung der Wahrheit zu geben, folgende Strophen:

§1. „Ich traue nicht dem Bösewicht,

ich trau nicht dem, der Falsches sagt,

nicht dem, der an sein Wohl nur denkt,

nicht dem, der gar zu weise ist.

 

§2. Es gibt ja Leute, welche stets

voll Durstes sind wie eine Kuh;

die pflegen, mein' ich, Freundschaften

nur mit dem Wort, nicht mit der Tat.

 

§3. Die leere Hand empor sie strecken,

verwickeln sich in ihrer Rede,

die Armen! Gehe nicht zu ihnen,

die keine Dankbarkeit besitzen!

 

§4. Denn wer mit unbeständ'gem Herzen,

sei es ein Weib, sei es ein Mann,

mit seiner Freundschaft immer wechselt,

auch diesem kann ich nicht vertrauen.

 

§5. Wer zu unedlem Tun herabsteigt,

wer unbeständig allen schadet

wie ein verborgnes scharfes Schwert,

auch diesem kann ich nicht vertrauen.

 

§6. In Freundsgestalt sind hier gar manche,

gar lieblich, aber falsch im Herzen,

sie sind voll mannigfacher Listen;

auch solchen möchte ich nicht trauen.

 

§7. Wo aber Speise oder Schätze

ein solcher wahrnimmt, da begeht

Verrat der Böse und entfernt sich,

nachdem er seinen Freund getötet.“

Folgende vier Strophen wurden von dem König der Lehre gesprochen, als er der völlig Erleuchtete geworden:

§8. In der Gestalt von Freunden dienen

verhüllt dir viele deiner Feinde;

gib diese schlechten Menschen auf,

so wie der Hahn es tat beim Habicht.

 

§9. Wer einem plötzlichen Ereignis [2]

nicht rasch im Geist gewachsen ist,

der kommt in die Gewalt des Feindes

und später hat er es zu büßen.

 

§10. Doch wer ein plötzliches Ereignis

mit dem Verstande rasch durchschaut,

der wird von Feindesnot befreit,

so wie dem Hahn es ging beim Habicht.

 

§11. Gleich einer Schlinge, die im Walde ist gelegt,

halt einen solchen Ungerechten, der nur immer

will Schaden bringen, fern von sich der weise Mann,

wie mit dem Habicht tat der Hahn im Bambuswalde.

Nachdem er aber diese Strophen gesprochen, sagte er zu dem Habicht: „Wenn du an diesem Orte bleibst, werde ich schon wissen, was ich zu tun habe“, und jagte ihm damit Furcht ein. Der Habicht entfloh von dort und begab sich anderswohin.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und hinzugefügt hatte: „So, ihr Mönche, war Devadatta auch früher schon auf meine Ermordung aus“, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Habicht Devadatta, der Hahn aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Hahn


[1] Vgl. „Leben des Buddha“, S. 172 ff.

[2] Diese und die nächste Strophe finden sich (bis auf die veränderte letzte Zeile) auch im Jātaka 342 Strophen 3-4 und im Jātaka 383 Strophen 6-7; ähnlich auch noch im Jātaka 419 Strophen 8-9.


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