457 Dhamma-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

457. Die Erzählung von Dhamma (Dhamma-Jātaka)

„Ein Ruhmverleiher bin ich, Tugendspender“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung darauf, dass Devadatta in die Erde versunken war. — In der Lehrhalle nämlich begann man folgendes Gespräch: „Freund, Devadatta hat sich mit dem Vollendeten verfeindet und ist darum in die Erde versunken.“

Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach der Meister weiter: „Jetzt, ihr Mönche, ist dieser in die Erde versunken, weil er meinem Jina-Auge [1] einen Schlag versetzt hat; früher aber versetzte er mir einen Schlag in mein Dhamma-Auge [2], wurde dafür von der Erde verschlungen und gelangte in die Avici-Hölle.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer der niederen Götterwelten [3] seine Wiedergeburt als ein Göttersohn namens Dhamma (= Recht), Devadatta aber hieß Adhamma (= Unrecht). Von ihnen bestieg Dhamma mit himmlischem Schmuck geziert seinen göttlichen Wagen, umgeben von der Schar der Göttermädchen. Während die Menschen, nachdem sie ihre Abendmahlzeit eingenommen hatten, ein jeder an seiner Haustür in fröhlichem Gespräch miteinander saßen, erschien er am Vollmonds-Uposatha-Tage bei Dörfern, Märkten und Residenzen in der Luft und sprach: „Gebt das Töten von lebenden Wesen und die anderen Betätigungen der zehn Untugenden [4] auf, erfüllet die Tugend der Muttersorge, der Vatersorge und die dreifache Art guten Wandels [5]. So werdet ihr Himmelsbewohner werden und große Ehrung erlangen.“ Indem er so die Menschen die zehn Betätigungen der Tugend lehrte, brachte er den ganzen Jambu-Erdteil auf den rechten Weg. Adhamma aber sagte: „Tötet die lebenden Wesen“, usw., und indem er auf diese und ähnliche Weise die Menschen in den zehn Untugenden befestigte, machte er den ganzen Jambu-Erdteil verkehrt. Ihre Wagen aber begegneten einander in der Luft. Da fragten ihre Begleiter: „Zu wem gehört ihr, zu wem gehört ihr?“ Als sie antworteten: „Wir gehören zu Dhamma, wir zu Adhamma“, da gingen sie zur Seite und kamen in Streit. Auch Dhamma redete Adhamma folgendermaßen an: „Lieber, du bist Adhamma, ich bin Dhamma; der Weg passt für mich. Lass deinen Wagen beiseite fahren und gib mir den Weg frei!“ Und er sprach folgende erste Strophe:

§1. „Ein Ruhmverleiher bin ich, Tugendspender,

der stets sich an Asketen und Brahmanen freut,

des Weges bin ich wert, von Gott und Mensch geehrt,

ich Dhamma; gib den Weg mir frei, Adhamma!“

Darauf kamen folgende sechs Strophen zur Rede und Gegenrede für die beiden:

§2. „Da ich bestieg des Unrechts starken Wagen,

bin gut im Schlechten ich und stark an Kraft;

warum sollt' also ich dir heute geben

den Weg, Dhamma, der dir noch nie gehörte?“

 

§3. „Fürwahr, in frührer Zeit das Recht war sichtbar,

nach ihm erschien das Unrecht in der Welt.

Von alters her bin ich der Ältste, Beste;

geh, Jüngerer, dem Ältren aus dem Wege!“

 

§4. „Mit Bitten nicht und nicht mit schönen Worten

bewirkst du, dass den Weg ich dir abtrete.

Wir beide wollen kämpfen heut zusammen;

wer siegt im Kampfe, dem gehört der Weg.“

 

§5. „In aller Welt bin ich bekannt als stark,

von unbegrenztem Ruhm und unvergleichlich;

mit allen Vorzügen ist ausgestattet Dhamma;

wie könntest, Adhamma, du siegen?“

 

§6. „Mit Eisen kann das Gold man überwinden,

nicht kann besiegen man mit Gold das Eisen;

wenn heut den Dhamma Adhamma besiegt,

so ist 's, wie Erz besiegt das prächt'ge Gold.“

 

§7. „Wenn du so kampfesmutig bist, Adhamma,

wenn du nicht Ehrfurcht hast vor höhrem Alter,

so lass ich dir den Weg, ob gern, ob ungern,

und ich verzeihe dir die bösen Worte.“

In dem Augenblick aber, als der Bodhisattva diese Strophe sprach, vermochte Adhamma nicht mehr auf seinem Wagen stehen zu bleiben; kopfüber stürzte er auf die Erde, die sich vor ihm öffnete, und er sank in die Avici-Hölle hinab.

Als der Erhabene diesen Sachverhalt bemerkt hatte, sprach er als der völlig Erleuchtete die folgenden übrigen Strophen:

§8. Als diese Worte Adhamma vernommen,

fiel er herab kopfüber, Füße oben:

„Wenn ich trotz meiner Kampflust nicht darf kämpfen,

so ist ja ganz geschlagen Adhamma.“

 

§9. Stark-in-Geduld hat Stark-im-Kampf besiegt,

er schlug Adhamma, der versank im Boden;

froh stieg er auf den Wagen und fuhr fort

auf seinem Weg, der starke Wahrheitskämpfer.

 

§10. In wessen Hause keine Ehrung finden

die Eltern, die Asketen und Brahmanen,

der kommt, wenn er den Körper abgelegt,

wenn er gestorben ist, hinab zur Hölle,

wie Adhamma kopfüber drin versank.

 

§11. In wessen Hause aber Ehrung finden

die Eltern, die Asketen und Brahmanen,

der kommt, wenn er den Körper abgelegt,

wenn er gestorben ist, zur Seligkeit,

wie Dhamma, da den Wagen er bestiegen.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er noch hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon wurde Devadatta, da er sich mit mir verfeindet hatte, von der Erde verschlungen“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Adhamma Devadatta, sein Gefolge war das Gefolge des Devadatta, Dhamma aber war ich und sein Gefolge waren die Buddha-Anhänger.“

Ende der Erzählung von Dhamma


[1] „Jina“ = „der Sieger“, ist ein Beiname Buddhas (und auch des Mahavira, des Begründers der Jaina-Sekte).

[2] Wörtlich: „das Auge der Gerechtigkeit“. Das Wort bezieht sich aber wohl nur auf den Namen Dhamma, den der Bodhisattva in der folgenden Erzählung trägt.

[3] Im Gegensatz zu den höheren Götterwelten oder Brahmawelten.

[4] Nämlich Mord, Diebstahl, Unzucht, Lüge, Verleumdung, Barschheit, eitles Geschwätz, Habsucht, Hass und Irrglauben.

[5] Gemeint ist rechtes Benehmen in Tat, Wort und Gedanken.


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