460 Yuvanjaya-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

460. Die Erzählung von Yuvanjaya (Yuvanjaya-Jātaka)

„Umringt von Freunden und Ministern“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die große Weltentsagung. Eines Tages nämlich sprachen die in der Lehrhalle versammelten Mönche: „Freund, wenn der mit den zehn Kräften Ausgestattete das weltliche Leben beibehalten hätte, wäre er in diesem ganzen Weltsystem der weltbeherrschende König geworden, ausgestattet mit den sieben Kostbarkeiten [1], versehen mit den vier Wunderkräften, von mehr als tausend Söhnen umgeben. Er aber gab eine solche Fülle der Herrlichkeit auf, nachdem er den Nachteil eingesehen, der in den Lüsten liegt; zur Mitternachtszeit bestieg er mit seinem Gefährten Channa das Ross Kanthaka, eilte fort und betätigte am Ufer des Anoma-Flusses die Weltflucht. Nachdem er sechs Jahre lang schwere Werke der Abtötung geübt, erlangte er die völlige Erleuchtung.“ So schilderten sie die Vorzüge des Meisters. — Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er weiter: „Ihr Mönche, nicht nur jetzt hat der Vollendete die große Weltflucht ausgeführt, sondern auch früher schon ging er fort, indem er die Herrschaft über die zwölf Yojanas große Stadt Benares aufgab.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem lebte in der Stadt Ramma ein König namens Sabbadatta.

§D. Diese Stadt Benares nämlich hatte im Udaya-Jātaka [Jātaka 458] den Namen Surundhana, im Cullasutasoma-Jātaka [Jātaka 525] den Namen Sudassana, im Sona-Nanda-Jātaka [Jātaka 532] den Namen Brahmavaddhana und im Khandahala-Jātaka [Jātaka 542] den Namen Pupphavati; in diesem Yuvanjaya-Jātaka aber hieß sie die Stadt Ramma. So veränderte sich von Zeit zu Zeit immer wieder ihr Name. —

Dort besaß der König Sabbadatta tausend Söhne. Seinem ältesten Sohne, Yuvanjaya mit Namen, gab er das Amt des Vizekönigs.

Eines Tages bestieg dieser in der Frühe seinen herrlichen Wagen und begab sich von großem Prunke umgeben nach dem Parke, um dort zu spielen. Da sah er an den Spitzen der Bäume, der Gräser, der Zweige, an den Fäden und Geweben der Spinnen u. dgl., an der Spitze des Rohres, das davon wie Perlengewebe aussah, Tautropfen und er fragte den Wagenlenker: „Lieber Wagenlenker, was ist denn dies?“ Er hörte die Antwort: „Dies, o Fürst, sind Tautropfen, die zur Zeit der Kälte gefallen sind.“ Nachdem er sich dann den Rest des Tages im Parke ergangen hatte und am Abend zurückkehrte, sah er die Tautropfen nicht mehr und fragte daher: „Lieber Wagenlenker, wo sind die Tautropfen? Ich sehe sie jetzt nicht.“ Jener antwortete: „O Fürst, beim Aufgang der Sonne sind sie alle zergangen und in die Erde eingedrungen.“

Als dies der Prinz hörte, wurde er sehr bewegt und dachte bei sich: „Die Lebensbedingungen dieser Wesen hier gleichen den Tautropfen an den Spitzen der Gräser. So lange ich noch nicht von Krankheit, Alter und Tod bedrückt bin, muss ich mich von meinen Eltern verabschieden und die Welt verlassen.“ Indem er so den Tautropfen zum Ausgangspunkt nahm, sah er die drei Existenzen [6], als ob sie brennten. Ohne zuerst in sein Haus zu gehen, begab er sich zu seinem Vater, der in der geschmückten Gerichtshalle saß, begrüßte ihn, trat ihm zur Seite und sprach, indem er ihn um die Erlaubnis zur Weltflucht bat, folgende erste Strophe:

§1. „Umringt von Freunden und Ministern
begrüß ich dich, den Landesfürsten.
Die Welt möcht ich verlassen, König;
dies möge mir der Fürst gestatten.“

Der König aber verbot es ihm und sprach dabei folgende zweite Strophe:

§2. „Wenn es an Lüsten dir gebricht,
so werd ich dich damit erfüllen;
wer dich verletzt, den halt ich ab.
Verlasse nicht die Welt, mein Sohn.“

Als dies der Prinz hörte, sprach er folgende dritte Strophe:

§3. „Nicht an den Lüsten mir 's gebricht
und keinen gibt 's, der mich verletzt.
Doch eine Zuflucht möcht ich schaffen,
die nicht vom Alter wird bewältigt.“

Indem der Meister dies offenbarte, sprach er folgende Halbstrophe :

§4a. So bat den Vater hier der Sohn
und auch den eignen Sohn der Vater.

Die andere Halbstrophe sprach der König:

§4b. „Die Städter bitten dich, mein Sohn,
flieh nicht die Welt, Yuvanjaya.“

Der Prinz aber sprach wiederum folgende Strophe:

§5. „Halt mich nicht auf, o Völkerfürst,
der ich die Welt verlassen will;
nicht will vergiftet von den Lüsten
ich in des Alters Macht gelangen.“

Auf diese Worte blieb der König ohne Widerrede. Als aber die Mutter des Prinzen hörte: „O Fürstin, dein Sohn lässt sich von seinem Vater die Erlaubnis geben, die Welt zu verlassen“, da rief sie: „Was erzählt ihr da?“ Atemlos setzte sie sich in ihre goldene Sänfte, begab sich rasch nach dem Gerichtssaale und sprach bittend folgende sechste Strophe:

§6. „Ich bitte dich, mein lieber Sohn,
ich halte dich zurück, mein Kind;
noch lange wünscht' ich dich zu sehen.
Flieh nicht die Welt, Yuvanjaya.“

Als dies der Prinz hörte, sprach er folgende siebente Strophe:

§7. „Wie auf des Grases Spitz' der Tau
den Sonnenaufgang nicht hielt aus,
so ist es mit der Menschen Leben;
o Mutter, halt mich nicht zurück!“

Aber auch nach diesen Worten bat sie ihn immer wieder. Darauf wendete sich der Bodhisattva an seinen Vater und sprach folgende achte Strophe:

§8. „Sie sollen meine Mutter nehmen
und auf den Wagen heben, Fürst;
nicht sei die Mutter mir im Wege,
wenn ich den Strom will überschreiten [7].“

Als der König diese Worte seines Sohnes vernommen, sagte er: „Liebe, setze dich in deine Sänfte und steige wieder in deinen Palast Rativaddhana [8] hinauf.“ Auf diese Worte des Königs hin vermochte sie nicht mehr zu bleiben, sondern sie entfernte sich umgeben von der Schar ihrer Frauen und stieg nach dem Palast hinauf. Dort blieb sie stehen und blickte immer nach der Tür des Gerichtssaales, um zu sehen, wie es mit ihrem Sohne gehe.

Als aber die Mutter fortgegangen war, bat der Bodhisattva abermals seinen Vater. Der König konnte ihn nicht mehr zurückweisen, sondern er gab ihm die Erlaubnis mit den Worten: „Mein Sohn, bringe also deinen Wunsch in Erfüllung, verlasse die Welt.“ Nachdem er ihm aber diese Erlaubnis gegeben, begrüßte auch der jüngere Bruder des Bodhisattva, der Prinz Yudhitthila, seinen Vater und ließ sich von ihm die Erlaubnis geben, indem er sagte: „Vater, erlaubt auch mir die Weltflucht.“ Darauf grüßten die beiden Brüder ihren Vater, gaben die Lüste auf und verließen, von einer großen Menschenmenge umgeben, die Gerichtsstätte. Die Fürstin aber blickte den Bodhisattva an und klagte: „Nachdem mein Sohn die Welt verlassen, wird die Stadt Ramma leer sein.“ Und sie sprach folgendes Strophenpaar;

§9. „Lauft zu ihm hin, sagt: ‘Heil sei dir [9]’,
leer wird jetzt die Stadt Ramma werden;
erlaubt ward es Yuvanjaya
vom Könige Sabbadatta.

 

§10. Der unter tausend war der Erste,
der Jüngling, der dem Golde glich,
der Prinz hat nun die Welt verlassen
und gelbe Kleider trägt der Starke.“

Der Bodhisattva aber hatte noch nicht die Welt verlassen; er grüßte nämlich noch seine Eltern, nahm seinen jüngsten Bruder, den Prinzen Yudhitthila mit sich, verließ die Stadt und ließ die Volksmenge wieder umkehren. Darauf zogen die beiden in den Himalaya hinein, errichteten sich an einem schönen Platze eine Einsiedelei und betätigten die Weltflucht der Weisen. Sie erlangten die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse, und indem sie sich zeitlebens von den Wurzeln und Früchten des Waldes nährten, gelangten sie in die Brahmawelt.

Dies schildert die Schlussstrophe, die der völlig Erleuchtete sprach:

§11. So übten Weltflucht die zwei Prinzen
Yuvanjaya, Yudhitthila;
die Eltern ließen sie im Stich,
vernichteten des Todes Bande [10].

 

§A2. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er noch hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch schon früher warf der Vollendete ein Reich von sich und verließ die Welt.“

 

§C. Darauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals waren die Eltern eine Großkönigsfamilie, der Prinz Yudhitthila war Ānanda, Yuvanjaya aber war ich.“

Ende der Erzählung von Yuvanjaya


[1] Diese sind: der Wagen, der Elefant, das Ross, die Juwelen, die Königin, die Versammlung der Hausväter und der Kronprinz.

[6] Die drei Existenzen sind die sinnliche, die körperliche und die unkörperliche; Gegensatz Nirvana.

[7] Nämlich den Strom der Weltlichkeit, der Lüste u. dgl. Wer ihn überschritten hat, wird des Nirvana teilhaftig.

[8] Auf Deutsch: „Vermehrung der Freude“.

[9] Nach dem Kommentator sagt dies die Königin zu den sie umgebenden Frauen.

[10] Damit sind gemeint: Lust, Hass, Verblendung, Stolz und Irrglaube.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)