469 Mahahanha-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

469. Die Erzählung von Mahakanha (Mahahanha-Jātaka) [1]

„Der Schwarze, Schwarze“

 

§A. Dies erzählte der Meister mit Beziehung auf seinen Wandel zum Heile der Welt. Eines Tages nämlich saßen die Mönche in der Lehrhalle und sprachen untereinander folgendermaßen: „Freund, der Meister ist zum Glück für viele Leute gekommen; er hat sein behagliches Dasein aufgegeben und wandelt nur zum Heile der Welt.

So priesen sie den mit den zehn Kräften Ausgestatteten wegen seiner Tugend, für das Heil der Welt zu wirken. — Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er weiter: „Kein Wunder ist es, ihr Mönche, dass ich jetzt, wo ich die völlige Erleuchtung erlangt habe, zum Heile der Welt wandle; auch früher schon zur Zeit, da ich noch von den Lüsten beseelt war, wandelte ich zum Heile der Welt.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem herrschte in Benares zur Zeit, da Kassapa der völlig Erleuchtete war [15], ein König namens Usīnara. Als aber der völlig erleuchtete Kassapa, der durch die Verkündigung der vier Wahrheiten viel Volks von seinen Banden befreit und so die Stadt des Nirvana mit Bewohnern angefüllt hatte, zum völligen Nirvana eingegangen, ging seine Lehre nach Ablauf einer langen Zeit zurück. Die Mönche erwarben sich ihren Unterhalt durch die einundzwanzig Arten des unrechten Erwerbs [16]; sie pflogen Verkehr mit den Nonnen und bekamen Söhne und Töchter. Die Mönche ließen ab von den Mönchsregeln, die Nonnen von den Nonnenregeln, die Laienbrüder von den Regeln für die Laienbrüder, die Laienschwestern von den Regeln für die Laienschwestern. Immer mehr Menschen wandten sich den zehn Wegen des Unrechts [17] zu und betätigten diese; alle Gestorbenen kamen in die Höllen.

Damals sah der Götterkönig keine neuen Göttersöhne mehr [18] und betrachtete deshalb die Welt. Da nahm er wahr, wie die Menschen in den Höllen wiedergeboren wurden und wie die Lehre des Meisters zurückgegangen war. Als er darauf dachte: „Was soll ich tun?“, merkte er, dass es doch ein Mittel gebe, und er fasste folgenden Entschluss: „Ich will viel Volks in Furcht und Schrecken versetzen; wenn ich dann merke, dass sie voll Furcht sind, werde ich sie trösten, ihnen die Wahrheit verkündigen, auf diese Weise die zurückgegangene Lehre wieder stärken und es bewirken, dass sie ein weiteres Jahrtausend besteht.“

Er machte darauf den Göttersohn Mātali [Indras Wagenlenker] zu einem großen schwarzen Hunde mit vier Hauern so groß wie ein Bananenbaum, furchtbar anzusehen durch Strahlen, die von allen Seiten von ihm ausgingen [20], von so schrecklicher Gestalt, dass den schwangeren Frauen schon bei seinem Anblick die Leibesfrucht entfiel [21], von der Größe eines edlen Pferdes [22], schwarz von Farbe. Diesen band er an einen fünffachen Riemen fest, schmückte ihn mit einem roten Kranze und nahm selbst das Ende des Riemens in die Hand. Er selbst zog zwei gelbe Gewänder an, band sich die Haare hinter den Kopf und schmückte sich auch mit einem roten Kranze; dann nahm er einen großen Bogen, der mit einer korallenfarbigen Sehne bespannt war, und drehte einen Jagdspieß, an dessen Ende ein Diamant war, auf der Spitze des Nagels. So nahm er das Aussehen eines Jägers an und stieg ein Yojana von der Stadt entfernt auf die Erde herab. Hier rief er dreimal: „Die Welt geht unter, die Welt geht unter“, und erschreckte dadurch die Menschen. Als er in die Nähe der Stadt kam, stieß er wieder diesen Ruf aus.

Da die Menschen den Hund sahen, gingen sie in die Stadt hinein und meldeten dem Könige diesen Vorfall. Der König ließ rasch die Tore der Stadt schließen; Gott Sakka aber übersprang die achtzehn Ellen hohe Mauer und betrat mit seinem Hunde die Stadt. Voll Furcht und Schrecken liefen die Menschen in ihre Häuser und schlossen die Türen. Der große Schwarze lief auf alle Leute zu, die er sah, und erschreckte sie; so kam er vor den Palast des Königs. Im Hofe des königlichen Palastes liefen die Menschen aus Angst davon, eilten in den königlichen Palast selbst und schlossen das Tor. Auch der König Usinara nahm seinen Harem mit sich und stieg auf den Söller hinauf.

Darauf hob der große Schwarze die Vorderfüße auf, stellte sie auf das Tor und stieß ein lautes Gebell aus. Der Schall von seinem Bellen drang nach unten bis in die Avīci-Hölle, nach oben bis in den höchsten Himmel [23]; das ganze Weltsystem war ganz von dem Geräusch erfüllt. Der Schrei des König Punnaka im Punnaka-Jātaka [Vidhurapandita-Jātaka], der Schrei des Nagakönigs Sudassana im Bhuridatta-Jātaka [Jātaka 543] und dieser Schrei in diesem Mahakanha-Jātaka: diese drei Schreie waren die lautesten auf dem Jambu-Erdteil. — Die Bewohner der Stadt wurden mit Furcht und Schrecken erfüllt und kein einziger getraute sich, mit Gott Sakka zu reden.

Endlich fasste der König wieder Mut und sprach an seinem Fenster stehend Sakka mit folgenden Worten an: „Holla, du Jäger, warum hat dein Hund gebellt?“ „Aus Hunger“, war die Antwort. Der König versetzte: „Darum werde ich ihm Speise geben lassen“; und er ließ ihm die Speise geben, die für seine Hofleute und für ihn selbst zubereitet war. Diese alle schlang der Hund wie einen einzigen Bissen hinunter und bellte dann abermals. Als der König auf seine wiederholte Frage hörte, der Hund habe immer noch Hunger, ließ er alle Speise, die für die Elefanten, Pferde u. dgl. zubereitet war, herbeibringen und ihm geben. Als auch diese mit einem Schlage fertig war, ließ er ihm die Speise geben, die für die ganze Stadt zubereitet war. Aber auch diese verzehrte der Hund ebenso und bellte dann wieder.

Da dachte der König: „Dies ist kein Hund; ohne Zweifel ist dies ein Dämon. Ich will fragen, warum er gekommen ist.“ Voll Furcht fragte er danach und sprach folgende erste Strophe:

§1. „Der Schwarze, Schwarze, Schreckliche,
der da erglänzt mit weißen Zähnen,
der an fünf Riemen ist gefesselt,
was willst du mit dem Hund, du Starker?“

Als dies Gott Sakka hörte, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Er wird wohl nicht des Wildes wegen
gekommen sein, Usinara;
um Menschenleben zu vernichten,
wird dieser Schwarze losgelassen.“

Darauf fragte ihn der König: „Wie aber, du Jäger, wird dieser dein Hund das Fleisch von allen Menschen fressen oder nur das deiner Feinde?“ Er erhielt zur Antwort: „Nur das meiner Feinde, o Großkönig.“ Auf die weitere Frage: „Wer sind aber hier deine Feinde?“, erwiderte Sakka: „Diejenigen, welche sich an Unrecht erfreuen und die ungerecht handeln, o Großkönig.“ Jetzt sagte der König: „So nenne sie uns also“; und um ihm dies zu erklären, sprach der Götterkönig folgende zehn Strophen:

§3. „Mönche, die Schale in der Hand,
geschoren, in der Mönchsgewandung
sie werden ackern mit den Pflügen;
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§4. Die Nonnen, die die Welt verließen,
geschoren, in dem Nonnenkleide
werden ein weltlich Leben führen;
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§5. Mönche mit langhängenden Lippen,
mit schlechten Zähnen, schmutz'gem Kopfe,
die gehen, um Schulden einzutreiben;
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§6. Brahmanen, die die Veden kennen,
die heil'gen Verse, Opferbräuche,
werden des Lohnes wegen opfern;
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§7. Die hochbetagten Eltern auch,
wenn ihre Jugend ist geschwunden,
nähren sie nicht, obwohl sie können;
dann wird der Schwarze losgelassen [26].
 
§8. Zu ihren hochbetagten Eltern,
wenn ihre Jugend ist geschwunden,
sagen die Leute: ‘Ihr seid töricht’;
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§9. Des Lehrers Frau, des Freundes Gattin,
des Onkels Weib, des Vaters Schwester,
wenn weltlich man verkehrt mit ihnen,
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§10. Wenn, Schwert und Schild in ihrer Hand,
zu Waffen greifen die Brahmanen,
um Straßenräuberei zu treiben,
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§11. Wenn Witwensöhne weiß von Haut,
mit starkem Arm, geschickt im Bösen [27],
die Freundschaft später brechen werden [28],
dann wird der Schwarze losgelassen.
 
§12. Wenn hinterlistige Betrüger,
die nicht ans Wohl der Menschen denken,
wenn diese auf der Erde wandeln,
dann wird der Schwarze losgelassen.“

Indem er aber so sagte: „Dies, o Großkönig, sind meine Feinde“, stellte er sich, als wolle er den Hund auf diejenigen, die ihm feindlich handelten, losspringen und sie auffressen lassen. Als darüber die Volksmenge geängstigt war, zog er den Hund an der Riemenschnur wieder zu sich heran und tat, als ließe er ihn wieder ruhig stehen. Dann gab er sein Aussehen als Jäger auf, stellte sich durch seine übernatürliche Macht hell glänzend in die Luft und sprach: „O Großkönig, ich bin der Götterkönig Sakka; ich bin gekommen, weil diese Welt zugrunde geht. Jetzt nämlich füllen alle Gestorbenen, weil sie in Ungerechtigkeit gelebt haben, die Höllen; der Götterhimmel ist fast leer geworden. Von jetzt werde ich schon sehen, was mit den Ungerechten zu tun ist. Bleibe stets voll Eifer!“ Nachdem er so mit vier Strophen, die Hundert wert waren, die Wahrheiten verkündigt hatte, befestigte er die Menschen in den Geboten der Freigebigkeit; dadurch machte er die zurückgegangene Religion fähig, noch ein weiteres Jahrtausend zu bestehen. Hierauf kehrte er mit Mātali an seinen Wohnort zurück.

 


 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon wandelte ich zum Heile der Menschen“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Mātali Ānanda, Gott Sakka aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem großen Schwarzen


[1] Auf Deutsch: „Der große Schwarze“; in der Erzählung der Name des Hundes, von dem die Geschichte handelt.

[7] Über dies Maß vgl. Jātaka 466 Anm. 7. [Ein Gavuta ist der vierte Teil eines Yojana, umfasst also etwa 5 Kilometer.]

[11] Nicht Gott Brahma selbst, sondern die Brahma-Engel; ebenso wie auch im Himmel der Dreiunddreißig Götter eine Menge göttlicher Wesen lebt.

[12] D. h. er nahm sie als Laienbrüder in den Orden auf.

[13] Nämlich die Bekehrung, die einmalige Rückkehr, die Nichtrückkehr und die Heiligkeit.

[14] Die Nagas sind göttliche Schlangenwesen, die Supannas göttliche Vogelwesen.

[15] Kassapa ist der Vorgänger Buddhas in der Buddhawürde. Auf ihn werden deshalb auch alle Einrichtungen Buddhas übertragen.

[16] Vgl. die Vorgeschichte zu Jātaka 179. [Als für Mönche unzulässige Erwerbstätigkeiten werden genannt: ärztliche Tätigkeit, Botendienste, Besorgen von Aufträgen, Läuferdienste, gegenseitiges Almosen Geben.]

[17] Nämlich:

[18] Zum Lohn für gute Werke wird man in einer Götterwelt wiedergeboren.

[20] Das Wort ist im Texte etwas verdruckt; hinter „rasmi“ gehört ein Trennungszeichen. Rouse hat den Ausdruck in der Übersetzung ganz weggelassen.

[21] Rouse übersetzt: „with a fat belly, as of a woman ready to be delivered of a child“; doch steht von dem dicken Leibe nichts im Text, vielmehr geht die oben angegebene Deutung aus den Worten des Textes klar hervor.

[22] Wohl nicht, wie bei Rouse „eines edlen Hundes“, das keinen Sinn gäbe, „ajaneyya“ ohne näheren Zusatz wird fast immer auf Pferde bezogen.

[23] Dies ist die höchste der unkörperlichen Brahmawelten, die sog. Sphäre des weder sich bewusst Seins noch des sich nicht bewusst Seins.

[26] Diese Strophe steht mit kleinen Abweichungen auch im vorigen Jātaka  468 Strophe 8 sowie im Sutta-Nipata I.6 Strophe 98 und I.7 Strophe 124.

[27] „apatubha“ wohl nur wegen des Metrums für „apatubha“. „apatu“ deute ich nicht als „ungeschickt“, sondern „geschickt im Bösen“.

[28] Nach der Lesart „mittabheda“. Gemeint sind die Wohltäter, bei denen die Witwensöhne aufgezogen wurden.


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