521 Tesakuna-Jataka

Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

521. Die Erzählung von den drei Vögeln (Tesakuna-Jātaka)

„Vessantara, dich frage ich“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, um dem König von Kosala eine Ermahnung zu geben. — Als nämlich der König kam, um die Predigt zu hören, wandte sich der Meister an ihn und sprach: „O Großkönig, ein König muss nämlich mit Gerechtigkeit regieren; denn in der Zeit, in welcher die Könige ungerecht sind, zu derselben Zeit sind auch die vom Könige Abhängigen ungerecht.“ Nachdem er ihn so in der im vierten Buche angegebenen Art [1] ermahnt, die Nachteile und Vorteile des Betretens und Nichtbetretens der bösen Wege auseinandergesetzt und ferner durch Vergleichung mit dem Traum u. ä. den Nachteil, der in den Lüsten liege, ausführlich dargelegt hatte, sprach er zu ihm: „O Großkönig,

§0.1 Hier für den Tod gibt 's kein Versprechen,
keine Bestechung kennt man da,
Kampf gibt es nicht und keinen Sieg;
denn alle sind dem Tod verfallen.

Wenn diese Menschen in die andere Welt gehen, gibt es außer den von ihnen selbst getanen guten Werken keine andere Hilfe. Daher muss man es beständig unterlassen, dem Niedrigen zu dienen; um der Ehre willen darf man nicht nachlässig sein; voll Eifer muss man in Gerechtigkeit die Herrschaft führen. In der Vorzeit, obwohl der Buddha noch nicht erschienen war, beharrten die Könige bei der Weisen Ermahnung, regierten gerecht und erreichten dann bei ihrem Scheiden den Götterhimmel.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte von jenem folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.


(§B1. Die Adoption der drei Vögel)

Ehedem war der König Brahmadatta, der zu Benares regierte, kinderlos; obwohl er danach verlangte, bekam er weder einen Sohn noch eine Tochter. Als er eines Tages mit großem Gefolge nach seinem Parke gezogen war und sich während des Tages im Parke ergangen hatte, ließ er sich am Fuße eines herrlichen Sala-Baumes sein Lager hinbreiten und schlief ein wenig. Als er erwachte, sah er den Sala-Baum an und gewahrte dort ein Vogelnest. Zugleich mit diesem Anblick stieg ein Liebesgefühl in ihm auf; er rief einen Mann herbei und sagte zu ihm: „Steige diesen Baum hinauf und sieh, ob in diesem Nest irgend etwas ist oder nicht.“ Jener stieg hinauf und sah darin drei Eier, was er dem König meldete. Dieser sagte: „Lasse über sie nicht den Hauch deiner Nase strömen“, breitete in einem Kästchen eine Flocke Baumwolle aus und befahl jenem: „Lege darauf die Eier und steige vorsichtig damit herab.“

Nachdem er ihn so hatte heruntersteigen lassen, nahm er das Kästchen in die Hand und fragte seine Minister: „Von welchem Vogel sind dies die Eier?“ Diese erwiderten: „Wir wissen es nicht; die Jäger werden es wissen.“ Darauf ließ der König die Jäger zu sich kommen und fragte sie. Diese antworteten: „O Großkönig, das eine ist das Ei einer Eule, das zweite das eines Maynah-Vogels [2], das dritte das eines Papageien.“ Der König fragte weiter: „Wie können aber in einem Neste die Eier dreier Vögel sein?“ Jene versetzten: „Ja, o Fürst, wenn keine Gefahr vorhanden ist, geht das gut Niedergelegte nicht zugrunde.“

Voll Freude dachte der König: „Diese sollen meine drei Söhne sein“; er übergab die drei Eier drei Ministern und sprach zu diesen: „Diese werden meine Söhne sein; pflegt sie gut und sagt es mir, wenn sie aus der Eierschale herausschlüpfen.“ Jene behüteten sie trefflich.

Zuerst zerbrach das Eulen-Ei. Der Minister ließ einen Jäger rufen und sagte zu ihm: „Sieh nach, ob es ein Weibchen oder ein Männchen ist.“ Als jener es untersucht hatte und berichtete, es sei ein Männchen, ging jener zu dem Könige und sprach: „O Fürst, ein Sohn ist dir geboren.“ Erfreut gab ihm der König viel Geld und entließ ihn mit den Worten: „Ziehe meinen Sohn gut auf und gib ihm den Namen Vessantara!“ Jener tat so.

Wenige Tage darauf zerbarst das Maynah-Ei. Nachdem auch dieser Minister das Junge von einem Jäger hatte untersuchen lassen und gehört hatte, es sei ein Weibchen, ging er zum Könige hin und sagte ihm: „O Fürst, eine Tochter ist dir geboren.“ Hocherfreut gab auch ihm der König Geld und schickte ihn fort mit den Worten: „Ziehe mir meine Tochter gut auf und gib ihr den Namen Kundalini.“ Jener tat so.

Abermals nach Ablauf weniger Tage zerbarst auch das Papageien-Ei. Auch dieser Minister ließ es von einem Jäger untersuchen, und als dieser feststellte, dass es ein Männchen sei, ging er zum Könige hin und sprach zu ihm: „O Fürst, ein Sohn ist dir geboren.“ Erfreut gab ihm der König Geld und entließ ihn mit den Worten: „Feiere für meinen Sohn ein Fest mit großem Prunke und gib ihm den Namen Jambuka.“ Jener tat so.


(§B2. Die Frage an Vessantara)

So wuchsen die drei Vögel in den Häusern der drei Minister mit der Ehrung von Königskindern auf. Der König gebrauchte von ihnen die Ausdrücke: „Mein Sohn, meine Tochter.“ Darüber spotteten die Minister zu einander: „Seht, was der König tut; zu Wesen, die zum Reich der Tiere gehören, sagt er beständig ‘mein Sohn, meine Tochter’.“ Da dachte der König bei sich: „Diese Minister kennen nicht die Ausdehnung der Wissensfülle von diesen; ich werde sie ihnen bekannt machen.“

Darauf schickte er einen Minister zu Vessantara hin und ließ ihm sagen: „Euer Vater möchte Euch eine Frage vorlegen; wann soll er kommen und fragen?“ Der Minister kam hin, begrüßte ehrfurchtsvoll den Vessantara und richtete ihm seine Botschaft aus. Da rief Vessantara den Minister herbei, der ihn aufzog, und sagte: „Mein Vater möchte mir eine Frage vorlegen; wenn er aber hierher kommt, muss man ihm die nötige Ehrung zuteil werden lassen.“ Und er fragte: „Wann kommt er?“ Der Minister antwortete: „Am siebenten Tage von heute an soll er kommen.“ Als dies Vessantara hörte, schickte er den anderen fort mit den Worten: „Mein Vater soll am siebenten Tage von heute an kommen.“ Jener ging hin und meldete dies dem Könige.

Am siebenten Tage ließ der König in der Stadt die Trommel herumgehen und ging in das Haus, wo sein Sohn wohnte. Vessantara erwies dem Könige große Ehrung und ließ ihm auch unter den Sklaven, Dienern usw. große Ehrung erweisen. Als der König in des Vessantara Hause gespeist hatte und großer Ehrung teilhaftig geworden war, kehrte er in seinen eigenen Palast zurück, befahl, im Hofe des Palastes einen großen Pavillon zu errichten, ließ dann dies in der Stadt durch Trommelschlag bekannt geben und setzte sich in dem reich geschmückten Pavillon nieder, umgeben von einer großen Menschenmenge. Dann schickte er zu seinem Minister und ließ ihm sagen, er solle den Vessantara herbeibringen. Der Minister ließ Vessantara sich auf eine goldene Bank setzen und brachte ihn so herbei. Der Vogel setzte sich auf den Schoß seines Vaters, scherzte mit ihm, flog wieder fort und setzte sich dort auf seine Bank. Darauf sprach der König, um ihn inmitten der großen Volksmenge nach der Königstugend zu fragen, folgende erste Strophe:

§1. „Vessantara, dich frage ich,
o Vogel, Heil sei dir beschieden:
wenn man die Herrschaft führen will,
was ist am besten da zu tun?“

Als dies Vessantara hörte, beantwortete er eigentlich die Frage nicht; sondern um ihn der Nachlässigkeit zu beschuldigen, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Fürwahr, schon lange hat mein Vater
Kamsa, der Herrscher von Benares,
nachlässig mich, den Eifrigen,
den Sohn der Vater schelten lassen.“

Nachdem er ihn mit dieser Strophe angeklagt, fuhr er fort: „O Großkönig, ein König muss drei Tugenden betätigen, wenn er in Gerechtigkeit seine Herrschaft führen will.“ Und um die Königstugend zu schildern, sprach er:

§3. „Zum ersten halt' er von sich fern
die Falschheit, sowie Zorn und Spott,
dann üb' er seine Pflichten aus;
dies nennt man Pflicht, du edler Fürst.
 
§4. Die Tat, die, wenn vorher getan,
du zweifellos musst büßen, Vater,
die falsch in Leidenschaft man tut,
sollst du nicht abermals begehen.
 
§5. Du Reichsvermehrer, in dem Reiche
von einem nachlässigen Fürsten
verloren gehen alle Güter;
dies nennt man dann die Schuld des Königs.
 
§6. Siri und Lakkhi [3] auch, mein Vater,
sprachen, als man sie danach fragte:
An einem Mann voll Kraft und Eifer
freu' ich mich, wenn er frei vom Neide.
 
§7. An einem Mann voll Neid und Bosheit,
der seines Tuns Erfolg verdirbt,
erfreut sich nur die Unglücksgöttin,
o König, die das Glück zerbricht.
 
§8. Darum sei freundlich gegen alle
und wohl behütet auch bei allen.
Vertreib das Unglück, großer König;
dem Glücke biete eine Wohnung.
 
§9. Ein Mann, der von dem Glück begleitet
voll Mutes ist, erhabnen Geistes,
der rottet, o du Kasi-Herrscher,
die Feinde aus mit Stumpf und Stiel.
 
§10. Auch Sakka, aller Wesen Herr [4],
er lässt nicht nach in seinem Streben;
zum Guten er die Kraft betätigt,
zum Eifer neigt er seinen Sinn.
 
§11. Gandharvas [5], Väter [6] sowie Götter
stehn einem solchen stets zur Seite;
wer unablässig ist voll Eifers,
dem geben Götter das Geleite.
 
§12. So unablässig, ungetadelt [7]
sollst, Vater, du die Pflicht erfüllen.
Strenge dich an bei deinen Taten;
ein Träger findet nicht das Glück.
 
§13. Dieses sind also deine Pflichten;
dies mög' dir zur Belehrung dienen,
genug um Freunde zu beglücken,
genug um Feinde zu vernichten.“ —

Nachdem so der Vogel Vessantara mit einer Strophe die Nachlässigkeit des Königs gerügt und mit elf Strophen ihm die Tugenden auseinandergesetzt hatte, war mit Buddha-Anmut die Frage beantwortet. Die Volksmenge war im Herzen hocherfreut über das Wunderbare, noch nie da Gewesene und gab hundertfach ihren Beifall kund. Voll Freude wandte sich der König an seine Minister und fragte: „He, ihr Minister, da mein Sohn Vessantara so gesprochen hat, wessen Obliegenheiten hat er damit erfüllt?“ Sie antworteten: „Man muss ihn zum großen Schützer des Heeres machen, o Fürst.“ Darauf sagte er: „Darum gebe ich ihm die Stelle eines großen Schützers des Heeres“, und stellte Vessantara auf diesen Platz. Von da an bekleidete jener die Stelle eines großen Schützers des Heeres und vollführte die Aufträge seines Vaters.

Damit endet die Frage an Vessantara.


(§B3. Die Frage an Kundalini)

Abermals schickte der König nach Ablauf weniger Tage auf dieselbe Weise, wie vorher angegeben, zu Kundalini einen Boten und begab sich am siebenten Tage zu ihr hin. Nachdem er zurückgekehrt war, setzte er sich inmitten des Pavillons nieder, ließ Kundalini herbeibringen, und indem er sie, als sie sich auf die goldene Bank gesetzt hatte, nach der Königstugend fragte, sprach er folgende Strophe:

§14. „Kannst du, Kundalini, und glaubst du
zu wissen, die verwandt den Fürsten:
wenn einer gut regieren will,
was soll er da am besten tun?“

Als diese so vom König nach der Königstugend gefragt war, antwortete sie: „Vater, du stellst mich, glaube ich, auf die Probe, um zu sehen, was so ein Weibchen sagen wird. Die ganze Königstugend will ich in zwei Sprüche zusammenfassen und dir verkündigen.“ Und sie sprach:

§15. „Zwei Sprüche sind es nur, mein Vater,
in denen alles ist enthalten,
dass man 's erhält, wenn man 's nicht hat,
dass man 's bewahrt, wenn man 's besitzt.
 
§16. Minister suche aus, o Vater,
die klug sind und verstehn, was nützt,
die scharf sehen, begabt zu allem,
nicht trinken, nichts zugrunde richten.
 
§17. Und wer dir, Vater, treu behütet
die Schätze, die du nur besitzest,
wie für den Wagen sorgt der Lenker,
der möge deine Arbeit tun.
 
§18. Halt deine Leute gut im Zaum,
richt auf dich selbst dein Auge hin;
gib einen Schatz und eine Schuld
nicht hin für anderer Gewinn.
 
§19. Erkenne selbst Gewinn, Verlust,
erkenne selbst, was du getan;
bestrafe den, der strafenswert,
sei günstig dem, der Gunst verdient.
 
§20. Selbst lehre deine Untertanen,
was nützlich ist, o Landesherrscher;
nicht mögen ungerechte Diener
dir Geld und Land zugrunde richten.
 
§21. Tu nicht zu rasch das Nötige
und lass auch andre nicht so handeln;
denn das zu schnell getane Werk
hat hinterdrein der Tor zu büßen.
 
§22. Nicht gib dich, ohne zu vergessen,
dem allzu starken Zornesausbruch;
denn durch den Zorn gar viele edle
Familien sind untergegangen.
 
§23. Erheb dich nicht zu deinem Schaden
im Glauben, du allein seist Herr;
und lass die Frauen und die Männer
durch dich in Unglück nicht geraten.
 
§24. Wenn keine Furcht mehr hat ein König
und an die Lüste nur gedenkt,
gehn ihm verloren alle Güter;
dies nennt man dann des Königs Schuld.
 
§25. Dieses sind also deine Pflichten,
dies' mög' dir zur Belehrung dienen;
sei eifrig jetzt in guten Werken,
kein Trinker und kein Gutzerstörer.
Sei tugendhaft, du großer König;
ins Unglück [8] stürzt der Lasterhafte.“

So erklärte auch Kundalini mit elf Strophen die Tugend. Hochbefriedigt wandte sich der König an seine Minister und fragte: „He, ihr Minister, da meine Tochter so gesprochen hat, wessen Obliegenheiten hat sie damit erfüllt?“ Sie antworteten: „Die des Schatzmeisters, o Fürst.“ „So übertrage ich ihr also das Schatzmeisteramt“, fuhr der König fort und setzte Kundalini in diese Stelle ein. Von da an bekleidete sie dieses Amt und vollführte die Aufträge ihres Vaters.

Ende der an Kundalini gerichteten Frage


(§B4. Die Frage an Jambuka)

Abermals nach einigen Tagen schickte der König in der oben angegebenen Art zu dem weisen Jambuka einen Boten, ging selbst am siebenten Tage dorthin und genoss viele Ehrung. Dann kehrte er nach Hause zurück und setzte sich in der Mitte des Pavillons nieder. Der Minister ließ den weisen Jambuka auf einer mit Gold zusammengehaltenen Bank Platz nehmen und kam herbei, indem er die Bank auf dem Kopfe trug. Der Weise setzte sich seinem Vater auf den Schoß, spielte mit ihm, kehrte dann zurück und setzte sich wieder auf seine Bank. Darauf sprach der König, um ihm seine Frage vorzulegen, folgende Strophe:

§26. „Wir haben schon gefragt die Eule
und ebenso Kundalini;
jetzt sage du mir, Jambuka,
worin die höchste Kraft bestehe.“

Indem so der König dem großen Wesen seine Frage vorlegte, fragte er nicht in derselben Art wie bei den anderen, sondern er machte einen Unterschied in der Frage. Ihm erwiderte aber der Weise: „So höre also, o Großkönig, mit gespannter Aufmerksamkeit; ich werde dir alles erklären.“ Und wie wenn er auf eine ausgestreckte Hand eine Börse mit tausend Goldstücken legte, begann er folgendermaßen seine Lehrunterweisung:

§27. „Fünffach ist in der Welt die Kraft
bei einem hoch erhabnen Manne.
Und zwar die Kraft der Arme wird
genannt die niedrigste der Kräfte;
des Reichtums Kraft, Langlebender,
wird als die zweite Kraft bezeichnet.
 
§28. Der Diener [9] Kraft, Langlebender,
wird als die dritte Kraft bezeichnet;
dann der Familie Kraft ist wohl
die vierte Kraft ohn' allen Zweifel.
Doch jene Kraft, mit der der Weise
kann übertreffen alle diese [10],
 
§29. die ist die erste aller Kräfte,
die beste Kraft, die Kraft der Weisheit.
Wenn auf der Weisheit Kraft er fußt,
findet der Weise, was er wünscht.
 
§30. Wenn auch ein träger Fürst ein Reich
erhält, das blühend und vorzüglich,
besiegt ihn wider seinen Willen
ein andrer und erwirbt es sich.
 
§31. Wenn auch von edelstem Geschlechte
ein Fürst ist, der ein Reich erhalten,
wenn er unweise, Kasis Herrscher,
kann er nicht leben mit dem ganzen.
 
§32. Weisheit beurteilt das Gehörte,
Weisheit vermehret auch den Ruhm;
wenn hier ein Mann ist weisheitsvoll,
so findet Glück er auch im Leide.
 
§33. Zur Weisheit niemand kann gelangen,
der nicht zuvor gut aufgemerkt,
der nicht die hoch Gelehrten aufsucht,
die Tugendhaften nicht verehrt.
 
§34. Wer Recht und Unterschiede kennt
und unablässig zeitig aufsteht,
der Pflicht nachgeht zur rechten Zeit,
dem wird zuteil die Frucht der Arbeit.
 
§35. Wer zweckloses Betragen hat,
wer zwecklosen Dingen sich hingibt,
wer nachlässig ist in der Arbeit,
gelangt niemals zu seinem Ziel.
 
§36. Doch wer seinen Verstand betätigt,
wer zweckmäßigem Tun sich hingibt,
wer nicht nachlässt in seiner Arbeit,
kommt zur Erreichung seines Ziels.
 
§37. Bedenken muss man seinen Nutzen
und das Erworbene bewahren.
Dieses befolge, lieber Vater;
verdirb 's nicht durch Untätigkeit.
Denn wenn untätig ist ein Tor,
wohnt er in einem Haus von Rohr [11].“

Nachdem so der Bodhisattva in dieser Art die fünf Kräfte gepriesen, die Kraft der Weisheit hervorgehoben und, wie wenn er an die Mondscheibe streifte, dies erklärt hatte, gab er noch in folgenden zehn Strophen dem Könige eine Ermahnung [12]:

§38. „Übe Gerechtigkeit, o König,
bei deinen Eltern, edler Fürst;
wenn du hier übst Gerechtigkeit,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§39. Übe Gerechtigkeit, o König,
bei Weib und Kindern, edler Fürst;
wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§40. Übe Gerechtigkeit, o König,
unter den Freunden und Ministern;
wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§41. Übe Gerechtigkeit, o König,
bei deinen Reitern, deinen Heeren;
wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§42. Übe Gerechtigkeit, o König,
in deinen Dörfern, deinen Flecken;
wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§43. Übe Gerechtigkeit, o König,
in deinen Ländern, deinen Völkern;
wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§44. Übe Gerechtigkeit, o König,
gegen Asketen und Brahmanen;
wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§45. Übe Gerechtigkeit, o König,
gegen die Tiere und die Vögel;
wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§46. Übe Gerechtigkeit, o König;
gerechter Wandel bringt das Glück.
Wenn du Gerechtigkeit hier übst,
o König, kommst du in den Himmel.
 
§47. Übe Gerechtigkeit, o König;
Indra, die Götter und die Brahmas [13]
wurden durch rechten Wandel Götter;
lasse nicht nach, gerecht zu sein.“

Nachdem er diese zehn Strophen über den gerechten Wandel gesprochen hatte, sagte er, um ihn noch weiter zu ermahnen, folgende Schlussstrophe:

§48. „Dies sind meine Ermahnungen,
dies ist die Vorschrift, die ich gebe;
du weisheitsvoller Tugendpfleger,
finde damit dein volles Glück!“

So lehrte das große Wesen, wie wenn es den himmlischen Ganges herabströmen lassen wollte, mit Buddha-Anmut die Wahrheit. Die Volksmenge ließ ihm hohe Ehrung zuteil werden und gab tausendfach ihrem Beifall Ausdruck. Hocherfreut wandte sich der König an seine Minister und fragte: „He, ihr Minister, da mein Sohn, der mit einem der jungen Frucht des Rosenapfelbaumes [14] gleichenden Schnabel geschmückt ist, so gesprochen hat, wessen Obliegenheiten hat er da erfüllt?“ „Die des Heerführers, o Fürst“, war die Antwort. Der König fuhr fort: „So gebe ich dir hiermit das Amt des Heerführers“, und setzte damit den Jambuka in dieses Amt ein. Von da an vollführte er in der Stelle des Heerführers die Aufträge seines Vaters.

Den drei Vögeln wurde große Ehrung zu teil; die drei lehrten, was in geistlichen und weltlichen Dingen gut war. Der König beharrte bei der Ermahnung des großen Wesens, verrichtete gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und gelangte dadurch in den Himmel. Nachdem die Minister dem Leichnam des Königs die letzten Ehren erwiesen hatten, meldeten sie dies den Vögeln und sagten: „Herr Jambu-Vogel, der König hat veranlasst, dass über Euch der weiße Sonnenschirm ausgespannt werde.“ Das große Wesen aber versetzte: „Mich verlangt nicht nach der Königswürde; führet ihr mit Eifer die Regierung!“ Nachdem er noch eine Menge Volkes in den Geboten befestigt hatte, ließ er mit den Worten: „So nehmt die Entscheidungen vor“, die Art des rechten Urteils auf eine goldene Platte einritzen und zog sich dann in den Wald zurück. Seine Ermahnung aber hatte vierzigtausend Jahre lang Bestand.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung zum Zwecke einer Ermahnung für den König beendigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ānanda, Kundalini war Uppalavanna, Vessantara war Sāriputta, der Vogel Jambuka aber war ich.“

Ende der Erzählung von den drei Vögeln


[1] In keinem Jātaka des vierten Buches findet sich eine deutliche Beziehung darauf.

[2] Gracula religiosa, eine Star-Art.

[3] Siri (skr. „sri“) ist die Göttin des Glückes, Lakkhi (skr. „laksmi“) ebenfalls.

[4] „Bhutapati“ ist auch sonst ein Beiname Indras. Der Kommentator fasst das Wort verkehrterweise als Anrede an den König.

[5] Eigentlich die himmlischen Musikanten, dann überhaupt die niederen Götter.

[6] Ein andrer Name für die Götter des Brahmahimmels.

[7] Doch wohl wegen des Metrums für „akuttho“, weil es ähnliche Bedeutung haben muss wie „appamatto.“ Francis übersetzt allerdings „however reviled“.

[8] Wörtlich: „in die vier Strafexistenzen“.

[9] Wörtlich: „der Minister“.

[10] Francis nimmt hier am Ende der Strophe einen Punkt an und übersetzt: „and all of these a man that 's wise most certainly will claim.“ Doch gibt obige Deutung einen viel besseren Sinn; auch der Kommentator hat diese Auffassung.

[11] Wörtlich: durch Untätigkeit sitzt ein Tor gewissermaßen in einem Haus aus Rohr, das der Wind umblasen kann.

[12] Diese Strophen stehen auch im Jātaka 501 Strophen 26.1-26.10.

[13] Vgl. Jātaka 501 Anm. 12 [Gemeint sind die vier Mahabrahmas oder Erzengel, unter denen entweder die Welthüter („lokapala“) oder die obersten Götter verstanden werden].

[14] Eugenia jambu. Von diesem Baume hatte der Vogel den Namen.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)