II

PETA-VATTHU

Buch II

II,12: Der ohrenlose Höllenhund

Zu jener Zeit, als der Buddha Kassapo auf Erden weilte, lebte in der Stadt Kimbilā ein Laienanhänger jenes Erwachten, der ein Stromeingetretener war. Er hatte eine große Freundesschar, die auch dem Buddha ergeben war. Er vollbrachte viele gute Werke, legte Parks an, baute Brücken, und vor allem errichtete er dem Orden ein schönes Kloster. Zusammen mit seinen Freunden besuchte er dieses Kloster oft, um den Mönchen zu lauschen. Die Ehefrauen dieser Jüngergemeinde waren samt und sonders auch Anhängerinnen des Buddha. Auch sie besuchten gern und oft das Kloster. Einträchtig gingen sie hin und nahmen viele Gaben für die Mönche mit. Unterwegs pflegten sie sich in Rasthäusern auszuruhen.

Als die Frauen eines Tages wieder in einem Rasthaus eine Pause machten, wurde eine Gruppe Halbstarker dort auf sie aufmerksam, denn die Frauen waren alle ausnehmend schön und anmutig. So fühlten sie sich von ihnen angezogen. Die Frauen beachteten aber ihre Annäherungsversuche nicht, da sie tugendhaft waren. Da beratschlagten die Jugendlichen, was zu tun sei. Einer stellte die Frage: "Wer von uns kann wohl die Tugend einer von diesen zerstören?" Ein anderer erwiderte: "Ich kann das." Da machten sie eine Wette :"Wir wetten tausend Kahāpana. Wenn du das fertigbringst, müssen wir dir die tausend Kahāpana geben; wenn nicht, dann mußt du uns tausend geben." Aus Gier nach dem Geld und aus Furcht, die Wette zu verlieren, nahm der Jüngling seine Vina und schlug süße Töne an. Er sang mit einschmeichelnder Stimme verführerische Lieder, und durch diese Sexualmusik bestrickte er das Herz einer der Frauen. Sie pflegte mit ihm der Lust und brach die Ehe. Er aber gewann stolz die tausend Kahāpana von seinen Genossen. Diese waren aber wütend über ihren Verlust und hinterbrachten die Sache dem Ehemann. Dieser wollte den Halbstarken nicht glauben, fragte seine Frau aber, ob etwas daran sei. Sie erwiderte: "Ich weiß nichts von dergleichen." Auf diese vage Antwort erwachte sein Mißtrauen. Als sie das merkte, zeigte sie auf einen in der Nähe stehenden Hund und schwor: "Wenn ich eine solche böse Tat getan hätte, dann soll mich dieser ohrenlose Hund fressen, wo immer ich wiedergeboren werde." Da war der Mann halb beruhigt. Um ganz sicher zugehen, fragte er aber die anderen Frauen. Diese aber logen, daß sie davon nichts wüßten. Als er näher nachbohrte, schworen sie: "Wenn wir davon wissen sollten, dann wollen wir in allen künftigen Existenzen als Sklavinnen wiedergeboren werden."

Die Ehebrecherin aber hatte ein schlechtes Gewissen, das sie immer mehr quälte. Sie siechte dahin und starb bald darauf. Als glückliche Petī erschien sie am See Kanna-munda (="Ohrenlos"), einem der sieben großen Seen des Himālaya. Ihr Vimāna war an allen Seiten von schönen Lotusteichen umgeben. Als die anderen Frauen nacheinander gestorben waren, fanden sie sich samt und sonders als Sklavinnen der Petī wieder.
Angesichts der Frucht ihrer guten früheren Werke genoß die Petī am Tage himmlisches Wohl. Jede Nacht um Mitternacht aber zwang eine unsichtbare Macht sie, aufzustehen und an den Lotusteich zu gehen. Dort wartete ein schwarzer Hund in der Größe eines jungen Elefanten, schrecklich anzuschauen, mit gestutzten Ohren, glühenden Riesenaugen, scharfen Krallen, zottigem Haar und einer Zunge, die wie der Blitz heraus kam. Er warf sie zu Boden und verschlang wie ausgehungert in wilder Gier ihr Fleisch, bis nur noch das Gerippe übrig war. Dann ergriff er mit den Zähnen das Gerippe, schleifte es zum Teich und warf es hinein. Dann verschwand er. Die Petī aber erlangte sofort ihre göttliche Gestalt zurück. Sie kletterte am Ufer empor und ging zu ihrem Lager zurück.
So lebte sie 550 Jahre. Da wurden sie alle unzufrieden mit der Pracht und sehnten sich nach Männern. Nun floß aus dem See Kannamunda ein Fluß in den Ganges. Am See gab es viele herrliche Obstbäume, besonders Mangos. Da dachten die Frauen: Wenn wir einen dieser göttlichen Mangos in diesen Fluß werfen, mag ein Mann sie finden und aus Gier nach dem herrlichen Geschmack hierherkommen. Dann können wir uns mit ihm amüsieren. Sie taten so. Einige der Mangos wurden von Asketen herausgefischt und verzehrt, andere von Förstern, andere strandeten auf Sandbänken. Aber ein Mango erreichte Benares. Dort badete eines Tages der König von Benares im Ganges an einem extra Badeplatz, der von einem Kupfernetz abgeteilt war. Da verfing sich der Mango. Als die Leute des Königs den übergroßen Mango sahen, der prächtig erschien, brachten sie ihn dem König. Der war indes mißtrauisch. Er ließ aus dem Gefängnis einen zum Tode verurteilten Räuber holen und gab ihm zum Test eine Scheibe Mango. Der Mann strahlte. Nie zuvor hätte er etwas Herrlicheres gegessen. Der König gab ihm eine weitere Scheibe. Da verschwanden sein graues Haar und seine Falten, und er war wieder ein schöner Jüngling. Als der König das sah, war er verwundert und erstaunt, aß selber eine Scheibe und erfuhr auch eine Verschönerung seines Körpers. Er fragte seine Männer, wo es solche Mangos gäbe. Sie erwiderten, die gäbe es nur im Himālaya. Wie könne man sie bekommen, wollte er weiter wissen. Da verwiesen die Höflinge ihn an die Förster. Der König gab einem Förster, der in Not war, tausend Kahāpanas und schickte ihn zur Suche nach dem Mango. Nach vielen Beschwernissen gelangte der Mann schließlich an den Herkunftsort. Als die Frauen ihn sahen, wollte ihn jede für sich haben. Als er sie erblickte, wurde er aber erschreckt. Da er keine guten Werke getan hatte, die es ihm ermöglichen würden, mit Geistwesen der Lust zu pflegen, rannte er vor Schreck über die Geister davon, kehrte nach Benares zurück und berichtete alles.

Der König aber hatte keine Furcht vor Geistern, sondern war begierig, jene schönen Frauen und den schönen Mango zusehen. Er übergab die Regierung seinen Ministern und machte, wie er sagte, einen Jagdausflug, mit Pfeil, Bogen und Schwert bewaffnet. Schließlich kam er zu den Mangos. Als die Frauen ihn sahen, erschien er ihnen wie ein junger Gott. Als sie aber hörten, daß er ein Königs sei, hielten sie sich achtungsvoll zurück. Sie führten ihn zu ihrer Herrin und dienten nun auch ihm. Der König aber genoß himmlische Lust mit der Petī. Nach 150 Jahren wachte er zum erstenmal um Mitternacht auf und sah das Drama, als er ihr verstohlen zum See gefolgt war. Drei Tage lang sah er es mit an und dachte über den Sinn nach. Schließlich kam er zu dem Ergebnis, daß es ein Feind seiner Geliebten sein müsse. Er schlich ihr wieder nach und erschoß den Höllenhund mit seinem Pfeil. Dann tauchte er das Frauengerippe in den Teich, und als sie ihre göttliche Form wieder angenommen hatte, begann er sie über den Unterschied zwischen ihrem herrlichen Tagesleben und dem grausigen Nachtleben zu fragen, indem er folgende Verse sprach:

(347)
König:
Die Treppenfluchten sind aus Gold,
erheben sich vom Goldsand aus,
darin blühn herrlich Lilien auf,
schön duftend, die den Geist erfreun.
 
(348)
Viel Bäume überschatten sie,
die Teiche, die von Wohlgeruch
umweht sind und von Lotus voll,
von rotem, weißem übersät.
 
(349)
Gar lieblich strömen Duft sie aus,
sind herrlich, sanft vom Windbewegt,
die Schwäne, Reiher hört man da,
und Enten wimmeln überall.
 
(350)
Von Scharen vieler Vögelvoll,
die singen mancherlei Gesang,
die Bäume geben Früchte reich,
viel Blumen in den Wäldern blühn.
 
(351)
Nicht gibt es unter Menschenvolk
so reiche Stadt wie diese hier,
darin sehr zahlreich Schlösser sind,
aus Silber und aus Gold gebaut.
Es strahlen glänzend ringsumher
die Himmelsgegenden, die vier.
 
(352)
Hast Dienerinnen hundertfach,
die alle Wünsche dir erfülln,
Armreifen, Muscheln tragen sie
und gold durchwirkte Kleiderpracht.
 
(353)
Auch Lagerstätten hast du viel,
die alle rein aus Gold bestehn,
mit schönem Ziegenfell belegt,
mit wollnen Decken ausstaffiert.
 
(354)
Dort kannst du niederlassen dich,
und all dein Wünschen ist erfüllt,
doch wenn die Mitternacht sich naht,
dann stehst du auf und gehest fort.
 
(355)
Im Park zur Lichtung schreitest du,
nah an den Lotosteich heran,
und stehst an seinem Ufer dann,
du Schöne, in dem grünen Gras.
 
(356)
Ein Hund mit abgeschnittnen Ohr'n,
der frißt dich auf dann Glied für Glied,
und wenn du aufgefressen bist,
so daß nur dein Gerippe bleibt,
dann tauchst du unter in den Teich,
und flugs dein Körper ist wie einst.
 
(357)
Mit allen Gliedern voll begabt,
gar schön und lieblich anzusehn,
in feine Kleider eingehüllt
kommst wieder du zu mir sodann.
 
(358)
Was hast du Böses denn getan
in Werken, Worten und im Geist,
daß als die Ernte für dies Werk
der ohrenlose Hund dir frißt
die Glieder eins um andre ab?
 
(359)
Petī:
Zu Kimbila als Hausner lebt
ein gläub'ger Buddhajünger einst,
und dessen Gattin war ich da,
ohn' Tugend, Ehebrecherin.
 
(360)
Weil ich ausschweifend hab gelebt,
sprach einstmals mein Gemahl zu mir:
"Es paßt nicht, und es ziemt sich nicht,
daß du mich weiter hintergehst."
 
(361)
Da tat ich schrecklich einen Schwur
und sprach die freche Lüge aus:
"Nicht hab ich hintergangen dich,
in Werken nicht, nicht im Gemüt.
 
(362)
Wenn ich dich hintergangen hätt',
in Werken oder im Gemüt,
dann soll ein ohrenloser Hund
mir Glied um Glied wohl fressen ab."
 
(363)
Als Ernte dieses Wirkens und
für's Lügen, für dies beides sind
nun siebenhundert Jahre um,
die mir der ohrenlose Hund
die Glieder eins ums andre frißt.
 
(364)
Du Majestät, die viel vermag,
um meinetwillen kamst du her.
Vom Ohrenlosen bin ich frei,
ohn Kummer bin ich, ohne Furcht.
 
(365)
Ich bitte, Majestät, dich nun,
ich fleh dich an, die Hand zum Gruß:
Genieße übermenschlich' Lust,
ergötze, König, dich mit mir.
 
(366)
König:
Genossen hab ich volle Lust,
ergötzt hab ich genug mich hier.
Ich bitt dich einzig, Glückliche,
bring schnell mich nach Benares heim.

 


Die Petī versuchte mit allen Mitteln, den König zum Bleiben zu überreden, aber vergeblich. Voll Trauer und Trübsal brachte sie ihn dann nach Benares zurück, ließ ihm als Andenken Juwelen und kehrte weinend in ihre Einsamkeit zurück. Der König aber tat viele gute Werke und gelangte in den Himmel.
 


Bemerkungen:

Der Anfang der Erzählung mutet ungemein modern an. Eine Gruppe von Rockern, die antiautoritär verzogen sind, weiß mit ihrem Leben nichts anzufangen und sieht keine sinnvolle Aufgabe für die eigenen Kräfte. So kommen die Jünglinge auf dumme Gedanken. Da Tugend für sie ein inhaltloser Begriff ist, und da sexuelle Lust ihnen als höchster Wert geschildert wurde, wollen sie die Frauen verführen ("anmachen"). Angesichts der Überlegenheit der Frauen an Zahl und der Nähe des Rasthauses wagen sie es nicht mit Gewalt und Vergewaltigung.

Der Rädelsführer der Bande will angeben, und aus Großmannssucht prahlt er, daß er eine Frau gefügig machen werde. Mit einlullender und nieder ziehender Musik findet er bei einer der Frauen, wohl der schwächsten an Tugend Eingang. Von der üblen Sexualmusik umgarnt, gibt sie sich dem Rocker hin.

Der Unterschied zu heute ist nur, daß dergleichen damals eine große Ausnahme war, ganz besonders zu Zeiten des Buddha Kassapo, als die Menschen noch ungleich höher in der Tugend standen. Was bei uns heute an der Tagesordnung ist, war damals ein ungewöhnlicher Sonderfall. Was aus den Rowdies geworden ist, wird nun nicht berichtet, es kann nichts Gutes sein.

Die Ehebrecherin aber hatte früher so viele gute Werke getan, daß sie trotz Ehebruch und Meineid eine Vemānika Petī wurde. Auch daß sie ein solch schlechtes Gewissen hatte, zeigt, wie sehr sie im Inneren der Untugend abgeneigt war. Trotzdem hat die Untat ihre Folgen, jede Nacht. So mischt sich das Karma, süß (Vimāna) und salzig (Hund).

Der König hatte offenbar so viele tugendhafte Früchte gesät, daß er 150 Jahre in dem übermenschlichen Vimānaparadiesische Himmelslust erleben konnte, wie ein junger Gott. Es spricht auch für ihn, daß er nach dieser Zeit wieder ein Leben mit aktiver Tugend leben will, statt nur die Ernte aufzuzehren, und so handelt er ja dann auch. Daß er die Petī von dem Höllenhund befreien konnte, ist einmal sein gutes Karma und zweitens auch das ihre. Irdische Reue und 700 Jahre Hundequal, das war die Ernte ihres bösen Wirkens, die nun zu Ende war. Danach war sie eine glückliche Petī, der als einziger Unterschied zum Götterdasein nur die Gesellschaft von Männern fehlte.

Da die Menschen zur Zeit des Buddha Kassapo 20.000 Jahre alt wurden, fiel die Abwesenheit des Königs von 150 Jahren nicht so auf. Es lebten wohl noch alle seine Zeitgenossen, er war nur "verreist".


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