III

PETA-VATTHU

Buch III

III,6: Serinī

Im Kurulande, der Gegend des heutigen Delhi, lebte in Hatthinipura eine Hure namens Serinī. Wenn Mönche des Buddha in die Stadt kamen und die Bewohner sie freudig und ehrfürchtig begrüßten, dann baten sie auch Serinī: "Komm, beteilige dich am Geben!" Sie aber weigerte sich: "Wozu soll ich diesen kahlköpfigen Asketen etwas geben? Warum soll ich etwas aufgeben für nichts und wieder nichts?"

Und so hielt sie, was sie besaß, bis zu ihrem Tode fest. Als sie starb, erschien sie als Petī. Sie lebte im morastigen Burggraben einer Grenzfestung im Norden. Ein Anhänger des Buddha, ein Kaufmann, erblickte sie nachts auf einer Geschäftsreise zu jener Grenzstadt bei deren Graben und sprach sie an:

(463)
Anhänger:
Nackt bist du, unschön anzusehn,
bist abgezehrt, die Adern frei,
o du, von der man Rippen sieht,
du Magre, sag, wer bist du wohl?
 
(464)
Petī:
Bin eine Petī ja, Herr,
ging abwärts, kam in Yamas Reich.
Nachdem ich böses Werk gewirkt,
gelangt ich in die Petawelt.
 
(465)
Anhänger:
Was hast du Böses denn getan
in Taten, Worten und im Geist,
daß du als Ernte für dies Werk
zur Petawelt hinab gelangt?
 
(466)
Petī:
Am öffentlichen Badeplatz
ich heimste halbe Groschen ein.
Genug zum Geben hatt' ich zwar,
doch schafft damit kein Eiland mir.
 
(467)
Jetzt geh ich durstig an den Fluß,
doch komm ich näher, ist er leer.
Am heißen Tag ich Schatten such,
doch komm ich näher, glüht er heiß.
 
(468)
Es bläst ein Wind da über mich,
der feurig ist und brennend heiß.
Das habe ich, o Herr, verdient
und auch manch andres Böse noch.
 
(469)
Nach Hatthinipura geh hin
und richte meiner Mutter aus:
"Die Tochter dein hab ich gesehn
auf schlechtem Gang, in Yamas Welt.
Weil übles Wirken sie gewirkt,
gelangt sie in die Petawelt.
 
(470)
Vierhunderttausend ich besaß,
- und niemand gibt's, der davon weiß
versteckte alles dies gar fein
wohl unter meinem Ruhebett.
 
(471)
Davon mög geben Gabe sie,
- ein langes Leben ich ihr wünsch
und wenn sie dann gegeben hat,
mög widmen sie mir das Verdienst.
Dann werd ich dadurch glücklich sein,
die Wünsche all sind mir erfüllt."
 
(472)
Sprecher:
"Gut", sagt er, als er das gehört
und ging nach Hatthinipura.
Zu ihrer Mutter sprach er da:

Anhänger:
"Die Tochter dein hab ich gesehn,
auf schlechter Bahn in Yamas Welt,
nachdem sie böses Werk gewirkt,
gelangt sie in die Petawelt.
 
(473)
Sie damals hat gebeten mich,
nach Hatthinipura zu gehn
und sage meiner Mutter dort:
'Die Tochter dein hab ich gesehn,
auf schlechter Bahn in Yamas Welt,
nachdem sie böses Werk gewirkt,
gelangt sie in die Petawelt.
 
(474)
Vierhunderttausend ich besaß,
- und niemand gibt's, der davon weiß
versteckte alles dies gar fein
wohl unter meinem Ruhebett.
 
(475)
Davon mög geben Gabe sie,
- ein langes Leben ich ihr wünsch
und wenn sie dann gegeben hat,
mög widmen sie mir das Verdienst.
Dann werd ich dadurch glücklich sein,
die Wünsche all sind mir erfüllt.'"
 
(476)
Sprecher:
Sie gab die Gabe also dann
und widmete ihr das Verdienst.
Da ward die Petī glücklich gleich,
ihr Leib war lieblich anzuschaun.

Bemerkungen:

Serinī hatte, wie Vers 466 (v.l.) kurz andeutet, ihr "Arbeitsfeld" an den öffentlichen Badeplätzen der Stadt. Dort verdiente sie ihr Geld, ihre "halben Groschen", wie sie es verächtlich als Petī ausdrückt, so wie wir sagen würden "ihre Kröten". Das Wort addha-māsaka (halbe Groschen) hat Gehmann (richtig aber Masefield) übersetzt mit "half a month". Zwar heißt addha-māsa halber Monat, aber māsaka heißt nur "Groschen" (die kleinste Münze damals). Sie verdiente so reichlich, daß sie 400.000 hinterließ. Und obwohl sie in Geld schwamm, wies sie milde Gaben an die Buddha-Mönche schroff ab und bezeichnete sie mit verächtlichen Worten.

Die Größe ihrer Möglichkeiten zum Geben und das Minus, das sie durch ihre geizige Haltung in die Welt setzte, bewirkten ihr Los im Jenseits. Das Nichtgeben an die Gabenwürdigsten, die Asketen des Sakyersohns, bei großem Reichtum und dann noch die Verachtung, diese drei Tatsachen führten zu ihrer elenden Existenz, während ein normales Nichtgeben nur zu mittelnormaler Petawelt führt, ohne die besonderen Leiden der Serinī, der sich alles verweigerte: das Wasser, der Schatten, der Wind.

Im Menschenleben hatte sie als Hure an den Badeplätzen herumgelungert und ihr schamloses Gewerbe betrieben. Als Petī war sie an den Morast des Burggrabens gebannt. Den tiefen Festungsgraben aber bezeichnet der Buddha als Gleichnis für Mangel an Scham (A.VII.63).

Wie der Kommentar als selbstverständlich hinzufügt, spendete die Mutter von dem versteckten Hort dem Orden und holte nach, was Serinī im Leben versäumt hatte. Die Ernte stellte sich sofort ein (Vers 476).


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