III

PETA-VATTHU

Buch III

III,9: Der betrügerisch Entscheidende

König Seniyo Bimbisāro von Magadha, ein Stromeingetretener, sah im buddhistischen Feiertag (Uposatha) solchen Segen, daß er außer den vier normalen Feiertagen des Monats (Voll-, Neu-, Halbmond) noch zusätzlich zwei weitere einhielt, also sechs. Viele seiner Untertanen folgten seinem Vorbild. Da er allen den Segen des Feiertags gönnte, pflegte er diejenigen, die zu ihm kamen, manchmal teilnahmsvoll zu fragen, ob sie wohl den Feiertag einhielten.

Diese Frage wurde eines Tages auch einem Richter gestellt. Der war unehrlich, korrupt, bestechlich, betrügerisch. Er nahm Geschenke an und entschied dann zugunsten des Schenkenden. Auf die Frage des Königs schämte er sich nun aber einzugestehen, daß er nichts vom Feiertag hielt und ihn daher nicht einhielt. So belog er den König und sagte: "Ich halte ihn ein." Auf dem Rückweg vom Königspalast fragte ihn ein Bekannter, wie er denn den heutigen Feiertag begangen habe. Da gestand der Richter, daß er in Gegenwart des Königs Furcht gehabt habe, die Wahrheit zu gestehen, daß er nie den Feiertag einhielte. Der andere meinte: "Und wenn du heute auch nur noch den halben Feiertag einhältst, dann ist das besser als nichts."

Der Beamte stimmte zu, ging nach Hause, wusch sein Angesicht, verzichtete auf das Abendessen und sonstige weltlichen Dinge, sondern widmete sich feiertäglichen Betrachtungen. Als er kurz vor Mitternacht zu Bett gehen wollte, war seine karmische Lebenszeit abgelaufen. In seinem leeren Magen erhoben sich stechende Blähungen und in den Gedärmen heftige Koliken. Daran starb er dann.

Er erschien wieder als ein Vemānika-Peta in einer Bergeshöhle hausend. Obwohl er nur einen halben Feiertag eingehalten hatte, erlebte er göttliches Glück. Wegen seiner Bestechlichkeit und seiner Lüge vor dem König riß er sich zu anderer Zeit sein eigenes Fleisch vom Rücken und verzehrte es. Als der ehrwürdige Nārada vom Geierkulm kam, sah er das Gespenst:

 

(498)
Nārada:
Du trägst ja Blumen, Krone, Schmuck,
und deine Glieder strömen Sandelduft,
gar heiter ist dein Angesicht,
und wie die Sonne strahlest du.
 
(499)
Das übermenschliche Gefolg,
so scheint's, ist deine Dienerschar.
Zehntausend Mädchen da umgeben dich,
Armbänder ziern aus Muscheln sie
und goldne Bänder in den Haarn.
 
(500)
Von großer Macht scheinst du zu sein,
Haarsträubendes ich aber seh:
Vom eignen Rücken reißt dein Fleisch
du ab, und das verzehrst du dann.
 
(501)
Was hast du Böses denn getan
in Taten, Worten und im Geist,
daß du als Ernte für dies Werk
vom eignen Rücken reißt dein Fleisch
und daß du es verzehrst sodann?
 
(502)
Peta:
Zu eignem Schaden handelt ich,
als ich noch in der Welt gelebt,
ich hintertrug, und ich belog
mit Täuschung und mit Krummheiten.
 
(503)
Als ich in die Versammlung ging
und ich die Wahrheit sagen sollt,
verachtete das Rechte ich
und wandte mich dem Unrecht zu.
 
(504)
So frißt der Mensch sich selber auf,
der hinterrücks was hinterträgt,
so wie ich heute essen muß
vom eignen Rücken hier mein Fleisch.
 
(505)
Du, Nārada, hast dieses also jetzt gesehen.
Die anderer sich nehmen an, die sollten sagen:
"Nicht hintertragen und nicht lügen mögest du,
damit dein eigen Fleisch du mußt nicht fressen."

Bemerkungen:

Diese Erzählung ist im Grunde dieselbe wie im Jātaka 511. Dort ist der Hauspriester des Königs der bestechliche Richter. Zur Rede gestellt, sagt er dort:

"Ich habe schon frühe gegessen; ich will aber nach Hause gehen, meinen Mund ausspülen, das Uposatha betätigen und am Abend nichts mehr verzehren. Auch bei Nacht will ich die Tugend bewahren; so werde ich zur Hälfte das Uposatha gehalten haben." (Dutoit, Jātaka Bd. V, S. 2)

Nur über den Tod des Täters wird in Jātaka 511 nichts berichtet. Er wurde im Himālaya ein Vemānika-Peta, der nachts göttliches Glück genaß, aber am Tage mußte er mit langen Fingernägeln sein Rückenfleisch abreißen und es verzehren, wobei er vor Schmerzen brüllte.

"Wenn aber die Sonne unterging, so verschwand dieser sein Körper, und ein göttlicher Körper ward ihm wieder zuteil. Reich geschmückte göttliche Tänzerinnen umringten ihn mit mannigfachen Instrumenten in der Hand; indem er so göttliches Glück genaß, stieg er in einen göttlichen Palast in dem entzückenden Mangowalde hinauf." (S. 3 f.)

Der Pāliausdruck für "hinterrücks reden" (pitthi-mamsiko) heißt "Rückenfleischer",d.h. sich ins eigene Fleisch schneiden (ebenso Sn 244 und J 220). Die Überschrift "Der betrügerisch Entscheidende" (kuta-vinicchayiko) kommt auch in J 511 vor.

Nicht so leicht verständlich ist, wieso das einmalige Einhalten eines halben Feiertages so viel Glück bringt und die Hälfte des sonstigen gewohnheitsmäßigen üblen Wandels als korrupter Richter aufzuzehren vermag. Es könnte sein, daß die gute Haltung in der Sterbestunde hier den Ausschlag gibt und, zusammen mit anderen guten Wirkensarten von früher, für einige Zeit zu halber Göttlichkeit führt, während das überwiegende Böse sich erst später voll auswirkt.

Ebenso fragwürdig ist, daß hier soviel von Hintertragen die Rede ist, während der Richter vor dem König doch nichts hintertrug, sondern nur einfach log. Aber die Verbindung von Lügen und Hintertragen läßt sich aus der Existenz her leicht einsehen. Nehmen wir einmal einen Beispielsfall aus der Gegenwart:

Ein Baumeister hat einem Reichen einschönes Haus gebaut. Der Reiche aber zahlt ihm keinen Lohn, sondern behauptet wahrheitswidrig, er hätte schon gezahlt. Der Baumeister verklagt ihn bei Gericht. Der Reiche geht im Dunkeln durch die Hintertür zum Richter, gibt ihm Geld und erzählt ihm einiges Ungünstige von dem Baumeister. Der Richter läßt sich bestechen und sagt bei der Gerichtsverhandlung das Ungünstige: "Sie verkehren häufig in Homosexuellen Lokalen." Oder: "Sie haben Ihre Alimente nicht gezahlt." Oder: "Sie waren Informant der Stasi." Oder: "Sie haben im Fragebogen der Militärregierung 1946 unterschlagen, daß sie im Krieg bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt waren." usw. - alles tatsächliche Fälle. Dadurch wird der Kläger öffentlich ins Unrecht gesetzt, obwohl diese Dinge gar nicht das geringste mit dem zu entscheidenden Fall zutun haben. Sie sollen nur den Kläger schlecht machen und suggerieren: Wer so etwas tut, der lügt auch vor Gericht. Und so wird die Klage abgewiesen. Der Richter hat hier hinterhältig Wahrheiten aufgetischt und dann ein lügnerisches Urteil wahrheitswidrig gesprochen.

Die Ernte im Jenseits für Hintertragen ist verständlich: Er frißt sich selber auf. Er schadet sich selber. Er widerspricht sich selber. Er quält den Körper, dessen Qual er stillen will. Diese Mischung aus Hintertragen und Lügen nennen wir Verleumden.

Die Todesursache wird von Gehmann übersetzt: "His span of life was cut short by a stake blown down from his poor abode through a high wind."(S. 220) Richtig aber die neue Übersetzung von 1980: "Sharp, acute pains that were caused by the strong wind arising tram his empty condition cut short his span of life." (S. 219) Gemeint ist hier der innere Wind und die Leerheit der Eingeweide, nicht ein äußerer Wind und ein ärmliches Haus.


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