IV

PETA-VATTHU

Buch IV

IV,6: Die Prinzen

König Pasenadi von Kosalo hatte zwei Söhne. Im Übermut und Rausch der Jugend gingen sie hemmungslos sexueller Lust nach und verführten Ehefrauen. Diese beiden Don Juans, die ihr Licht an beiden Enden anzündeten, starben dann bald und wurden Petas. In einem Graben wurden sie zerquetscht. Sie schrien erbärmlich. Des Nachts konnte man in der Menschenwelt in Sāvatthī ihr Jammergeschrei sogar hören. Die Leute waren erschrocken und entsetzt. Sie dachten, dieses böse Omen müsse zum Aufhören gebracht werden. Sie spendeten dem Orden mit dem Buddha an der Spitze großzügig und erzählten die Sache. Der Buddha aber erwiderte, daß es nicht möglich sei, das Geschrei zu beenden. Die böse Ernte könne nicht ungeschehen gemacht werden. Er könne nur die ihm gespendete Gabe den Prinzen widmen und so etwas die Qual lindern, mehr nicht. Dann begründete er den Zusammenhang:

 

(746)
Sprecher:
Sāvatthī war die Stadt genannt
am Abhang des Himālaya.
Es lebten einst zwei Prinzen dort,
des Königs Söhne waren sie.
 
(747)
Berauscht von dem, was reizend ist,
genossen sie der Sinne Lust.
Voll Gier nach gegenwärt'gem Wohl
die Zukunft kümmerte sie nicht.
 
(748)
Als Menschentum verließen sie,
als andre Welt für sie ging auf,
sah man sie nicht, doch schrien sie,
weil übles Werk sie einst getan.
 
(749)
Petas:
Obwohl da überreichlich war,
zum Geben hatten vielerlei,
wir sorgten nicht für unser Heil,
auch nicht einmal für kleinstes Glück.
 
(750)
Was war es denn für böses Werk,
daß, als gestorben wir am Hof,
im Petareich erschienen sind,
von Durst und Hunger arg gequält?
 
(751)
Buddha:
Wer hier gelebt im Herrenstand,
wird drüben nicht auch wieder Herr.
Ob hochgestellt, ob niedrig da,
die Wesen leiden Hunger, Durst.
 
(752)
Wer dieses Elend hat erkannt,
das Herrschaftsrausch da bringt hervor,
der überwindet Herrschaftsrausch,
der Mann, der geht zur Himmelswelt.
Wenn hier der Leib wird abgelegt,
der Weise auf zum Himmel steigt.

Bemerkungen:

Die Prinzen waren blind für die Zukunft und das Karmagesetz. Sie taten nicht das geringste Gute, obwohl sie im Reichtum schwelgten. Sie kannten nur die Lust. So katapultierten sie sich in die Gespensterwelt, aber nicht nur in jene Region, wo Hunger und Durst herrschen, sondern weil sie so ausschweifend in andere Ehen eingebrochen waren, litten sie höllennahe Qualen. Am untersten Ende der Gespensterwelt ernteten sie, was sie gesät hatten. Ihre Schreie waren so, daß man sie in der Menschenwelt hören konnte, ein seltener Fall. Die Bürger von Sāvatthī sahen niemanden, aber nachts hörten sie die Schreie. Am Tage schienen sie nicht durchzudringen. Das war ihnen unheimlich, und so erhofften sie vom Buddha Abhilfe. Hier aber war das nicht möglich, sowenig wie in der Hölle. Immerhin aber gibt es für höllennahe Gespenster gewisse Linderung, was es in der Hölle nicht gibt. Näheres ist davon aber hier nichtgesagt.

Das Besondere ist, daß die Prinzen trotz aller Qualen immer noch nicht wußten, warum sie so litten. Sie hielten also ihre Ausschweifung nicht für böse und schienen zu meinen, im Herrenstande sei alles erlaubt. "Für hohe Herren gelten andere Gesetze", so schien ihre Wahnidee zu sein. Daher sagt der Buddha ihnen, daß gerade dieser Hochmut der Grund ihres Leidens sei. Sie hätten als Söhne des religiösen Königs Pasenadi wissen können und müssen, was Karma ist. Sie kümmerten sich aber um nichts, hörten auf nichts und redeten sich noch ein, berechtigt der hemmungslosen Lust nachgehen zu können. So war ihnen auch im Jenseits nicht zu helfen.
Die Masefield-Ausgabe dagegen interpretiert den Satz, daß kein Ende der Schreie möglich sei, dahin, daß keine Gefahr durch die Schreie drohe, und der Kommentar sagt, daß der Buddha die Gabe den Petas widmete.


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