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PETA-VATTHU

Nachwort

12. Wie kann man den Gespenstern helfen?

Das Christentum unterschied genau zwischen Hölle (gr. tartaros, lat. inferno) und Fegefeuer (gr. hades, lat. purgatorio) und sagte, daß den Wesen in der Hölle nicht zu helfen sei, während man den Armen Seelen im Fegefeuer durch Seelenmessen Erleichterung verschaffen könne. Jeder kann danach einen katholischen Pfarrer beauftragen, gegen ein kleines Entgelt eine Messe für einen Verstorbenen zu lesen. Außerdem wurde die Lehre entwickelt, daß durch die überschüssigen Verdienste Christi und der Heiligen die Kirche einen Gnadenschatz angesammelt habe, der den Armen Seelen zugänglich gemacht werden könne. Der Weg dazu wurde Ablaß (indulgentia = Nachsicht, Güte, Gnade) genannt. Gegen bestimmte Geldsummen versprach die Kirche eine Fürbitte um Straferlaß der Verstorbenen im Fegefeuer. Daraus entwickelte sich bald der Mißbrauch eines schwunghaften Ablaßhandels im ausgehenden Mittelalter. Berüchtigt wurde der Werbespot des Mönches Tetzel:
 

"Sobald das Geld im Kasten klingt,
die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt."


Diese Vergröberung war einer der Anlässe für die Reformation. Aber Luther schüttete hier, wie auch sonst, das Kind mit dem Bade aus und erklärte das Fegefeuer für nicht vorhanden. Das führte nicht nur zu einer Verkürzung des Existenzverständnisses, sondern hatte auch praktisch unbarmherzige Folgen. Protestanten, die starben, kamen wie die meisten Toten natürlich weiterhin in das Schattenreich des Hades (Gespensterwelt). Da die Katholiken nach ihrem Dogma aber alle Protestanten für Ketzer erklärten, und da alle Ketzer der Hölle verfallen seien, und da es für Höllenbewohner keine Hilfe von der Erde aus gäbe, so hielten es die Katholiken folgerichtig für nutzlos und sinnlos, für einen protestantischen Verstorbenen Seelenmessen zu lesen. Da andererseits die Protestanten die Existenz dieses Hades leugneten, gab es bei ihnen überhaupt keine Seelenmessen, denn den Höllenwesen war ja nach ihrer Auffassung nicht zu helfen. So mußten also Protestanten im Jenseits jede Hilfe durch irdische Fürbitte und Seelenmessen entbehren.

Im Pālikanon wird über die Hilfe für Petas auffällig wenig gesagt, wenn man vom Peta-vatthu absieht. In der Angereihten Sammlung wird beiläufig erwähnt, daß die Menschen sich einen Sohn wünschen, damit er für die Verstorbenen (Peta) die Opfer darbringen könne (A.V.39, ebenso D 31). Es wird ferner von fünf Arten von solchen Opferspenden gesprochen, u.a. für die Petas und für Devas (A.IV.41?? u. A.IV.61). Ausführlicher wird einzig in A.X.177 von Hilfe für die Petas gesprochen. Da kommt der berühmte Brahmane Janussoni, der viele Gespräche mit dem Buddha führte, eines Tages zu diesem und sagt:

"Wir Brahmanen, Herr Gotamo, spenden Gaben, bringen Totenopfer dar, dabei sprechend: 'Möge diese Gabe unseren abgeschiedenen Angehörigen und Blutsverwandten zugute kommen. Mögen unsere abgeschiedenen Angehörigen und Blutsverwandten diese Gabe genießen.' Kommt denn nun wirklich, Herr Gotamo, jene Gabe den abgeschiedenen Angehörigen und Blutsverwandten zugute? Genießen sie wirklich diese Gaben?"

Der Buddha erwidert, daß Höllenwesen, Tiere, als Menschen Wiedergeborene und Götter jeweils von der Nahrung ihres Bereichs leben und daß man als Mensch diesen Verstorbenen nichts widmen könne. Dann aber fährt er fort: Wenn einer die zehn falschen Tatengänge (Wirkensfährten) praktiziere und deswegen nicht Tier oder Höllenwesen werde, sondern im Petareich wiedererscheine, dann gelte:

"Dort lebt er von der Nahrung der Wesen des Gespensterreichs, und davon erhält er sich. Und was ihm hier seine Freunde und Gefährten, Angehörigen und Blutsverwandten spenden, davon zehrt er dort und dadurch erhält er sich. Das nun, Brahmane, ist der geeignete Ort, wo dem dort Weilenden jene Gabe zugute kommt."
Jeder Mensch aber habe aus diesem oder früheren Leben Angehörige, die in der Petawelt davon zehren. Überdies aber erwirke der Spender sich selber auf jeden Fall Verdienst. Wer als Mensch die zehn rechten Tatengänge pflegte und außerdem Asketen und Brahmanen versorgte, der wird bei Wiedergeburt als Mensch oder Gott Erfüllung der Sinne finden. Und selbst wer die zehn falschen Tatengänge pflegte, aber Asketen und Brahmanen gab, wird als Tier dann leichter Nahrung finden.

Und so findet man in buddhistischen Ländern noch heute den Brauch, daß Schälchen mit Essen für die Petas beiseite gestellt werden. Die Petas können davon nur die unsichtbare Substanz verzehren, und zwar aufgrund der Widmung an sie.

Nach der Vierteilung in Milindapanha (s.o.) kommt das Spenden aber drei dieser Arten nicht zugute, nämlich den von Abfall Lebenden, den Hunger-Durstigen und den Durst-Verzehrten. Letztere sind, wie gesagt, wohl die glücklichen Gespenster, die nur Durst nach Gesellschaft haben, aber genügend paradiesische Nahrung vorfinden: Die brauchen keine menschlichen Spenden. Die von Abfall Lebenden aber ernten karmisch, daß sie sich von nichts anderem ernähren können, und die ewig Hungrigen ernten, daß sie überhaupt nichts zu essen finden. Man wird aber sagen können, daß irgendwann dieser Status zu Ende ist und daß dann auch sie von Menschengaben profitieren können. Die vierte Art Petas sind nach Mil. diejenigen, die es sich erwirkt haben, daß Menschen ihnen etwas widmen, das sie dann genießen können.

Solche bisher erwähnten Spenden an Petas sind aber nur sporadische Hilfen und ändern nichts an dem Elend des Petadaseins. Im Peta-vatthu wird nun aber darüber hinaus berichtet, wie durch Verdienstübertragung (s. dazu WW 1978, S. 13 - 20 und 1980, S. 159 - 161) die Petas ihren Mangel beseitigen können und götterähnliches oder gar göttliches Dasein genießen.

Nur einmal wird im Pv berichtet, wie ein Mensch direkt einem Peta etwas gibt, das diesem zugute kommt (III,1), im übrigen aber muß ein Mensch (in I,9 ein Gott) dem Buddha oder heiligen Mönchen oder mindestens sehr tugendhaften Mönchen etwas spenden und das ihm entstehende Verdienst dann einem Peta übertragen. Ja, in einem Falle genügt es, wenn jemand an einen gläubigen Laienanhänger gibt und dies dem Peta widmet (I,10). In vielen Fällen sind es Verwandte oder Ehepartner, die dem Peta etwas widmen, aber auch - in 8 von 19 Fällen - Nichtverwandte. Die 19 Fälle von Verdienstübertragung sind zum größeren Teil in den Versen selbst enthalten (II,1- 4, 8; III,1, 2, 6; IV,1, 2, 12), sonst in der Rahmenerzählung (I,5 - 7, 9,10; II,7, 10; IV,5).

Die mindeste Wirkung der Verdienstübertragung ist, daß ein Peta nicht in die Hölle kommt (II,7) oder daß er als Peta nun zu essen hat (IV,3), in den meisten Fällen aber wird er ein Vemanika Peta oder kommt zu den Vier Großen Königen oder gar zu den Dreiunddreißig (I,10; IV,5).

Wie ist diese Verdienstübertragung nun mit dem Karmagesetz zu vereinbaren? Ein Peta muß es sich erwirkt haben, daß er sich überhaupt bei Menschen bemerkbar machen kann und daß tugendhafte oder heilige Mönche da sind, denen man spenden kann. Man kann drei Stadien unterscheiden:

1. Die oben beschriebenen Totenopfer sind auch dem ungeläuterten Menschen möglich. Er kann durch Opferspeisen das Leid der Petas ein wenig lindern. Wegen seines Mangels an Tugend kann er aber nicht weiter helfen.

2. Will jemand Petas grundsätzlicher helfen und sie aus ihrem Leiden herausholen, dann braucht er aus seinem barmherzigen Willen dafür Mittler, d.h. Geläuterte. Nur diese können sozusagen in astral konvertierter Währung auszahlen. Ihre Tugendmaterialisiert sich astral als Erfüllung der Wünsche des Peta. Es ist dieselbe Erfahrung, die auch ins Christentum Eingang gefunden hat: Der lautere Priester, der höhere Kräfte angesammelt hat und für sich wenig braucht, läßt das ihm Gegebene sozusagen weiter fließen und kanalisiert es zu einer Armen Seele.

3. Am wirksamsten aber hilft man den Petas, wenn man selber immer tugendhafter wird, wenn man selber innerlich sich dem Status der Mönche annähert. Dann strahlt man es auf die Petas aus. So heißt es in M 6: Wünscht man den Petas, den verstorbenen Verwandten große Früchte an Verdienst, dann soll man nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein.


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