Sutta Nipata II.1 222-238

SUTTA-NIPĀTA, Lehr-Dichtungen

II. KLEINES BUCH (Cūla-Vagga)

II.1. Die Juwelen (Ratana-Sutta) - [Pali]

 

(Dieser Text, das Ratana-Sutta, findet sich ebenso wie das Mettā-Sutta auch im Khuddakapātha und wird gleichfalls als paritta, d.h. als Schutz-Anrufung, benutzt. Der Kehrvers läßt darauf schließen, daß unser Text von vornherein diesem Zwecke diente. Lt. K soll der Buddha diese Sutte gesprochen haben, als die Stadt Vesāli von schweren Plagen, wie Hungersnot usw., heimgesucht war und die Menge der Toten viele Dämonen angelockt hatte. Nach Rezitation dieses Textes sollen alle diese Plagen geschwunden sein.)

   

222

Die Wesen, welche hier sich eingefunden,
Ob auf der Erde, ob im Himmelsraume wohnend,
All diese Wesen mögen frohen Sinnes sein
Und aufmerksam dem Wort der Lehre lauschen.

 

223

Drum höret es, ihr Wesen alle: 
Erweist euch gütig dem Geschlecht der Menschen,
Die tags und nachts euch fromme Spende bringen
Ihr mögt sie daher schützen unverbrüchlich!

 

224

Was es an Schätzen gibt, hier und im Jenseits,
Welch köstliches Juwel sich auch in Himmeln findet,
Es kann sich keines dem Vollendeten vergleichen!
Dies köstliche Juwel, es leuchtet im Erwachten!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

225

Versiegung und Entsüchtung, Tod-Befreiung kostbar,
Erreicht vom Sakya-Weisen, innerlich gesammelt,
Nicht gibt es etwas solcher Lehre Gleiches!
Dies köstliche Juwel, es leuchtet in der Lehre!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

226

Die als 'die Lautere' gerühmt vom Höchsten Buddha,
Die man als Sammlung mit sofortiger Frucht [1] bezeichnet,
Nicht findet man, was solcher Sammlung gleich ist!
Dies köstliche Juwel, es leuchtet in der Lehre!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

227

Acht hohe Menschen, die gepriesen von den Edlen,
Die auch als vierfach Menschenpaar bekannt,
Sie, Jünger des Vollkommenen [2], sind der Gaben würdig.
Die Spende, ihnen dargereicht, bringt reiche Frucht.
Dies köstliche Juwel, es leuchtet uns im Orden!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

228

Die starken Geistes ganz sich weihten,
Von Lüsten frei, der Satzung Gotamas,
Das Ziel erreichten, in das Todbefreite tauchten,
Genießend die Erlösung, wie umsonst gewonnen [3],
Dies köstliche Juwel, es leuchtet uns im Orden!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

229

Wie in der Erde fest der Stadttor-Pfeiler steht,
Von Winden jeder Richtung unerschüttert,
Als diesem gleich künd' ich den edlen Menschen,
Der vierfach Edle Wahrheit unbeirrbar schaut.
Dies köstliche Juwel, es leuchtet uns im Orden!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen [4]!

 

230

Die diese Wahrheit, die so gut verkündet,
Mit tiefer Weisheit klar begreifen,
Mag auch sehr langsam sein ihr Fortschritt [5],
In achtes Dasein gehen sie nicht mehr ein.
Dies köstliche Juwel, es leuchtet uns im Orden!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

231

Gemeinsam mit erlangter Einsicht (dassana)
Drei Dinge kommen dann zum Schwinden:
Der Glaube an Persönlichkeit und Zweifel
Und jeder Hang zu Regeln und auch Riten.
Den vierfach niedern Welten (apāya) ist er dann entgangen,
Sechs große Übel (ābhithānāni) zu begehen nicht mehr fähig.
Dies köstliche Juwel, es leuchtet uns im Orden!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

232

Und mag er auch noch manchmal sich verfehlen [6]
In Taten, Worten oder auch im Geiste,
Nicht fähig ist er, solches zu verhelen.
Dies ist Unmöglichkeit, so heißt es [7],
Für einen, der die Hohe Stätte schaut [8].
Dies köstliche Juwel, es leuchtet uns im Orden!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

233

Wie Blütenwipfel in des Waldes Dickicht,
Zur Sommerzeit, im ersten Sommermonat,
Dem gleich wies er zum wahren Heile
Die beste Lehre, zum Nibbāna führend.
Dies köstliche Juwel, es leuchtet im Erwachten!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

234

Als Bester, der das Beste kennt,
Der Bestes gibt, das Beste bringt,
Er, ohne Gleichen, wies die beste Lehre!
Dies köstliche Juwel, es leuchtet im Erwachten!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

235

Zerstört ist Altes und nichts Neues ist im Werden!
Das Herz ist frei von Sucht nach künftigem Dasein;
Die Keime sind zerstört [9] und Wille wächst nicht mehr!
So löschen aus die Weisen dieser Lampe gleich [10]!
Dies köstliche Juwel, es leuchtet uns im Orden!
Durch diese Wahrheit möge Glück entstehen!

 

236

Ihr Wesen, die ihr euch hier eingefunden,
Ob auf der Erde, ob im Himmelsraume lebend:
Den als vollendet [11] ehren Götter und die Menschen,
Dem Buddha wollen huldigen wir! Es sei zum Glück!

 

237

Ihr Wesen, die ihr hier euch eingefunden,
Ob auf der Erde, ob im Himmelsraume lebend:
Die als vollendet ehren Götter und die Menschen,
Der Lehre wollen huldigen wir! Es sei zum Glück!

 

238

Ihr Wesen, die ihr hier euch eingefunden,
Ob auf der Erde, ob im Himmelsraume lebend:
Den als vollendet ehren Götter und die Menschen,
Dem Orden wollen huldigen wir! Es sei zum Glück!

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[1] Sammlung mit sofortiger Frucht ist eine freie, aber sinngetreue Wiedergabe von samādhim ānantarikam, wtl.: lückenlose, unmittelbare Sammlung. Hiermit ist aber nicht etwa die Stetigkeit der Konzentration gemeint, es handelt sich vielmehr um "diejenige Sammlung, die mit einem der als die vier Edlen Pfade (Sotapan usw.) geltenden Hellblick-Momente verbunden ist und daher die Ursache bildete für den unmittelbar darauf als Wirkung oder Frucht folgenden Bewußtseinsmoment (,Frucht des Stromeintritts' usw.) . . ." (Nyanatiloka, Buddh. Wörterbuch).

K erklärt im gleichen Sinne: "Wenn die Sammlung des Pfad(-Bewußtseins) aufgetreten ist, so gibt es kein Hindernis, welches das Auftreten der entsprechenden Frucht (des Stromeintritts usw.) hindern könnte.

Wie es heißt: 'Welcher Mensch gilt als zeithemmend? Gesetzt, ein Mensch befinde sich gerade auf dem Wege, das Ziel des Stromeintritts zu verwirklichen, und es sei gerade die Zeit des Weltbrandes, so würde, bevor dieser Mensch nicht das Ziel des Stromeintrittes verwirklicht hat, die Welt nicht in Brand geraten'" (Puggala-paññatti 20).


[2] Jünger des Vollkommenen (sugatassa sāvaka). Dieser Vers spricht, lt. K, von allen Jüngern, die den Hohen Pfad (d.h. des Stromeintritts usw.) betreten haben. Nur diese Jünger nämlich, nicht die Weltlinge, bilden den 'Orden' (sangha), der im Dreifachen Juwel oder der Dreifachen Zuflucht gemeint ist. Diese Jünger des Hohen Pfades werden sāvakā oder ariya-sāvakā genannt, d.h. (edle) Hörer. K bemerkt hierzu: "Wohl 'hören' auch andere; aber nachdem sie gehört haben, erfüllen sie nicht die zu erfüllende Aufgabe. Jene aber, nachdem sie gehört haben, erfüllen den zu erfüllenden lehrgemäßen Wandel und erreichen die Hohen Pfade und Ziele."


[3] Ganz umsonst gewonnen (laddhā mudhā). Der Sinn ist wohl, daß im Vergleich zum Hohen Ziel der Leiderlösung selbst die schwersten Mühen auf dem Pfade gar nicht als ein gebührender Einsatz, als ein entsprechender 'Kaufpreis' zählen können. Vgl. Santideva, Bodhicaryāvatāra: "Was die Mühe angeht, die zu allen Zeiten um dieses mit Gewißheit dahingehenden, geringen, in die Hölle stürzenden Körpers willen aufgewendet worden ist, so bedarf es für die Buddhaschaft nur des millionstel Teils dieser Anstrengung."


[4] Dieser Vers und auch die folgenden drei Strophen behandeln den Sotapan. Er ist hier charakterisiert als unbeirrbar (avecca), einer häufigen Kennzeichnung des Sotapan: dhamme aveccappasādena samannāgato (mit unbeirrbarem Vertrauen zur Lehre ausgestattet). Diese Unbeirrbarkeit des Sotapan gründet sich auf die ersten drei Erfordernisse des Stromeintritts, nämlich: unerschütterliches Vertrauen zum Buddha, zur Lehre und zur Jüngerschaft, sowie auf die Überwindung der dritten Fessel, 'Zweifel' (nīvarana)


[5] Mag auch sehr langsam sein ihr Fortschritt (kiñcapi te honti bhusappamattā); wtl.: wenn noch so sehr in Lässigkeit geraten. K: "Dies bezieht sich auf diejenigen, die, wenn sie zu solchen Stätten der Lässigkeit gelangt sind, wie Götterherrschaft oder Weltherrschaft, sehr nachlässig werden." Wir haben jedoch vorgezogen, pamatta mit seiner abgeschwächten Bedeutungsnuance, als 'langsam', wiederzugeben. Hier mag, unter anderem, derjenige Jünger-Typ gemeint sein, der charakterisiert wird als 'von langsamer Einsicht und schwierigem Fortschritt'.


[6] Da auch in dieser Strophe vom Sotapan gesprochen wird, kann es sich, wie K bemerkt, nicht um gröbere sittliche Vergehen handeln, sondern nur etwa um Verstöße gegen formale Ordensregeln, oder - bei gelegentlicher Lässigkeit bzw. Achtsamkeitsmangel - um Äußerung unnützer oder barscher Worte oder um das Auftauchen von Gedanken des Begehrens und der Abneigung.

[7] Dies ist die Unmöglichkeit, so heißt es. Dieser Hinweis auf die Texte bezieht sich, lt. K, auf folgende Stelle in M.45: "Dies ist die Art eines Menschen, der Einsicht besitzt (ditthisampanna; s. o.): hat er irgendein Vergehen begangen, das gesühnt werden muß, so bekennt er dies sofort dem Meister oder verständigen Mitmönchen, er deckt es auf, legt es dar; und hat er es bekannt, aufgedeckt, dargelegt, so übt er künftig Zügelung."

[8] Der die Hohe Stätte schaut (dittha-pada); auch dies wieder eine Bezeichnung des Sotapan; pada ist nibbāna-pada oder amata-pada, die Nibbāna- oder todlose Stätte.


[9] Die Keime sind zerstört (khīna-bījā); Als Keim (bīja) bezeichnete K das gestaltende, d.h. Wiedergeburt erzeugende Bewußtsein (abhisankhārika viññāna). Vergl v. 209.

[10] So löschen aus die Weisen, dieser Lampe gleich! K: "Es war da gerade eine der zum Kult der Stadtgottheiten brennenden Lampen verloschen. Auf diese zeigend, sprach der Buddha von 'dieser Lampe'... Daß sie wieder körperliche oder unkörperliche Wesen würden, - das Gebiet solcher und ähnlicher Bezeichnungen haben sie überschritten (paññattipatham accenti)."


[11] Als vollendet (tathāgatam). Tathāgata ist im allgemeinen eine Bezeichnung des Buddha, mit der er auch von sich selber zu sprechen pflegte. Hier aber wird das Wort auch auf die Lehre und die Jüngerschaft angewandt. Das Wort läßt, neben anderen, zwei Haupterklärungen zu: 1) tathā-gato, der So-Gegangene (s. v.467ff); 2) tath(am) āgato, der zur Wahrheit Gelangte. Vgl. hierzu Chalmers' Bemerkungen in der Einleitung (p. XIX) zu seiner englischen Sn-Übersetzung (Harvard Oriental Series, vol. 37). Die ausführliche kommentarielle Exegese dieses Begriffes, die nicht so sehr als philologische Worterklärung, sondern als ein kleines Kompendium wichtiger Lehrbegriffe von Interesse ist, liegt in einer noch unveröffentlichten Übersetzung des Verfassers im Ms vor.


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