Sutta Nipata II.7 284-315

SUTTA-NIPĀTA, Lehr-Dichtungen

II:7. Getreu der Brahmanen-Satzung (Brāhma-Dhammika-Sutta) - [Pali]

 

So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene zu Sāvatthi, im Jeta-Hain im Kloster des Anāthapindika. Da kamen zu ihm mehrere wohlhabende Brahmanen aus Kosala, die alt waren, bejahrt und hochbetagt, in vorgerücktem Alter, zu hohen Jahren gelangt. Beim Erhabenen angekommen, tauschten sie mit ihm freundliche, höfliche Begrüßung aus und setzten sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend, sprachen jene wohlhabenden Brahmanen zum Erhabenen also: "Leben wohl heute, Herr Gotama, die Brahmanen nach brahmanischer Satzung?" - "Nein, o Brahmanen, nicht leben heute die Brahmanen nach brahmanischer Satzung." - "Gut wäre es dann, wenn uns der Herr Gotama von der brahmanischen Satzung der alten Brahmanen sprechen würde, falls dies dem Herrn Gotama nicht beschwerlich ist!" - "So höret denn, Brahmanen, merket gut auf! Ich werde es Euch erklären." - "Gewiß, o Herr", antworteten jene wohlhabenden Brahmanen dem Erhabenen. Der Erhabene nun sprach also:

 

284

Die früheren Weisen waren selbstbeherrschte Büßer.
Entsagend den fünf Lüsten, dem eigenen Heile lebten sie.

 

285

Nicht waren Herden diesen Priestern eigen, nicht Geld noch Gut besaßen sie.
Das Wissen war ihr Gut und Korn und sie bewachten einen heiligen Schatz.

 

286

Das, was für sie bereitet war, die Speise an den Türen aufgestellt,
Solch Glaubensspende hielten sie für recht, den danach Suchenden zu geben.

 

287

Provinzen, Länder, die im Wohlstand lebten, versahen huldigend diese Priester
Mit Kleidung mannigfach gefärbt, mit Ruhelagern und Behausung.

 

288

Unangreifbar, unverletzlich waren Priester, ihr satzungstreues Leben schützte sie.
Es wies sie keiner jemals fort, wenn vor den Türen der Familien sie erschienen.

 

289

Achtundvierzig Jahre verbrachten sie in jugendlicher Keuschheit.
Nach Wissen strebend und nach rechtem Wandel,
so lebten diese früheren Priester [1].

 

290

Nicht nahmen Priester sich ein anderes Weib [2]
und kauften sich auch ihre Gattin nicht.
In Liebe nur zusammen leben, solch Ehegemeinschaft schätzten sie.

 

291

Nicht außerhalb der rechten Zeit, nicht in der Zeit der weiblichen Periode
Geschah es, daß sich der Priester seiner Gattin nahte.

 

292

Keuschheit und Sittlichkeit, Geradheit, Milde und Askese,
Sanftmut, Geduld, gewaltlos Leben lobten sie.

 

293

Der unter ihnen Bester war, ein Brahma-Gleicher, stark im Streben,
Selbst nicht im Traume gab er sich geschlechtlicher Betätigung hin.

 

294

Nachstrebend dessen Vorbild, einige von verständiger Art,
Sie priesen gleichfalls hier die Keuschheit, die Sittlichkeit und die Geduld.

 

295

Um Reiskorn, Ruhelager und Gewand, um Öl und Butter baten sie.
In rechter Weise es erlangend, als Opfer brachten sie dies dar.
Vollzogen wenn das Opfer ward, nicht ließen sie je Kühe schlachten.

 

296

Wie Mutter, Vater, Brüder oder andere Verwandtschaft,
So sind auch Kühe unsere besten Freunde, die uns mit Heilmitteln versehen.

 

297

Sie geben Nahrung, geben Kraft, auch Schönheit, Glück verleihen sie.
Weil jenen Priestern dies bekannt, nicht ließen sie je Kühe schlachten.

 

298

Voll Anmut und von hohem Wuchs, mit Schönheit und mit Ruhm begabt,
Kraft ihrer Tugend waren Priester sie, und eifrig waren sie in ihren Pflichten.
So lange sie auf Erden weilten, gedieh im Glücke dies Geschlecht.

 

299

Dann kam der Umschwung. Denn allmählich sahen sie
Den Glanz des Herrschers und die schön geschmückten Frauen,

 

300

Mit edlen Rossen angeschirrte Wagen und Decken, bunt und schön gefertigt,
Die Häuser, in Gemächer eingeteilt, in allen ihren Teilen gut bemessen,

 

301

Ringsum die Rinderställe und schöner Dienerinnen Schar.
Solch reichen menschlichen Besitz begehrten diese Priester dann.

 

302

Da machten sie zurecht sich Sprüche und suchten dann Okkāka [3] auf:
Gar großer Reichtum, viel Besitz ist dir zu eigen!
So opf're! Groß ist deine Habe! Opf're! Groß ist dein Besitz!'

 

303

Darauf, beeinflußt von den Priestern,
der Herr des Kriegsgespanns, der König,
Das Pferde- und das Menschenopfer,
das Opfer, das man "Pflock-Wurf" nennt,
das Soma-Opfer und das "Unbeschränkte",
Solch Opfer bracht' er dar und gab den Priestern Reichtum.

 

304

Rinder, Ruhelager und Gewänder und reich geschmückte Frauen auch,
Mit edlen Rossen angeschirrte Wagen und Decken, bunt und schön gefertigt.

 

305

Prächtige Häuser, in ihren Teilen wohl gegliedert und bemessen,
Mit Kornvorräten vieler Art gefüllt, gab er den Priestern als Besitz.

 

306

Als diesen Reichtum sie erhalten, ihn aufzuspeichern fanden sie Gefallen,
Von ihren Wünschen gänzlich eingesponnen, wuchs mehr noch ihr Begehren an.
Und wieder machten sie zurecht sich Sprüche und suchten dann Okkāka auf:

 

307

"Wie Wasser und die Erde, wie Gold und Schätze, wie das Korn,
So sind die Kühe für den Menschen! Bedürfnis sind sie für die Lebewesen!
So opf're! Groß ist deine Habe! Opf're! Groß ist dein Besitz!"

 

308

Darauf, beeinflußt von den Priestern, der Herr des Kriegsgespanns, der König,
Viel hunderttausend Rinder ließ er schlachten für das Opferfest.

 

309

Die niemanden verletzen, nicht mit den Hufen und mit Hörnern nicht,
Die Kühe, Ziegen gleich so sanft, die uns mit Milch die Eimer füllen,
Sie ließ der König bei den Hörnern packen und mit der Waffe sie erschlagen.

 

310

Darauf die Himmelswesen, Ahnen und Gott Indra, Asuren und Dämonen auch,
Sie alle klagten: 'O welch Frevel!', daß unterm Messer Kühe fielen.

 

311

Drei Arten Krankheit gab es früher nur:
das Wünschen, Hungern und das Altern.
Doch achtundneunzig stiegen auf, seit man das Vieh zur Schlachtbank führt.

 

312

Seit solcher Frevel der Gewalttat vorkam, zum alten Brauch ist er geworden.
Unschuldige, sie wurden hingeschlachtet,
und Opferpriester fielen ab vom Recht.

 

313

Solch übler alter Brauch, getadelt wird er von Verständigen.
Es tadelt ihn das Volk, wenn es solch Opfernden erblickt.

 

314

Als so, was recht ist, niederging,
Spaltung trat ein bei Bürgern und bei Niedern,
Der Adel spaltete sich vielfach, und auch das Weib verachtete den Gatten.

 

315

Adelsstand und auch die Schein-Brahmanen [4]
und all die anderen unterm Schutz der Sippe,
Hinweg sich setzend über ihre Abkunft, gerieten in die Macht der Lüste sie.

 

 

Nach jenen Worten sprachen jene wohlhabenden Brahmanen zum Erhabenen also: "Vortrefflich, Herr Gotama! Vortrefflich, Herr Gotama! Wie wenn man Umgestürztes aufrichtet, Verdecktes enthüllt, einem Verirrten den Weg weist, in die Finsternis eine Leuchte bringt, auf daß Sehende die Dinge erkennen können, - ebenso ward vom Herrn Gotama in mannigfacher Weise die Lehre verkündet. So nehmen wir denn unsere Zuflucht zum Herrn Gotama, zur Lehre und zur Mönchsgemeinde. Als Anhänger möge uns der Herr Gotama betrachten! Von heute an bis zum Ende unseres Lebens haben wir Zuflucht genommen!"


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[1] Vgl. hierzu Anguttara-Nikāya, V.192.


[2] Ein anderes Weib; K: aus einer anderen als der Brahmanen-Kaste.


[3] Okkāka (Sanskr. Iksvāku), ein mythischer König der sogen. Sonnen-Dynastie, von der auch Suddhodana, des Buddha Vater, abstammen soll. Vgl. v. 991.


[4] Schein-Brahmanen (brahma-bandhu); s. Vers 241 Anm.