Sutta Nipata II.12 343-358

SUTTA-NIPĀTA, Lehr-Dichtungen

II:12. Vangīsa (Vangīsa-Sutta) - [Pali]

 

(Im K auch Nigrodhakappa-Sutta genannt. Vangīsa erscheint im Kanon öfters als ein begabter Dichter und Improvisator und wird vom Buddha im Einer-Buch des Anguttara-Nikāya als 'der Erste der improvisierenden Dichter' bezeichnet. Nach ihm ist das Vangīsathera-Samyutta des Samyutta-Nikāya genannt (s. Geigers Übersetzung Bd. I), das noch mehrere andere Verse Vangīsas enthält. Die Verse 343-358 unseres Textes finden sich, auch in Theragāthā als v. 1263-1278)

 

 

So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene bei Ālavi, am Aggālavi-Gedenkmal. Damals nun war vor nicht langer Zeit des Ehrwürdigen Vangīsa geistlicher Berater, ein Ordensälterer mit Namen Nigrodha-Kappa, beim Aggālavi-Gedenkmal erloschen. Es kam da nun dem Ehrwürdigen Vangīsa, als er verborgen, zurückgezogen weilte, dieser Gedanke in den Sinn: "Ist wohl mein geistlicher Berater erloschen, oder ist er nicht erloschen?" Und der Ehrwürdige Vangīsa, sich zur Abendzeit aus der Zurückgezogenheit erhebend, begab sich zum Erhabenen. Dort angelangt, begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend sprach der Ehrwürdige Vangīsa zum Erhabenen also: "Es ist mir da, o Herr, als ich verborgen, zurückgezogen weilte, dieser Gedanke in den Sinn gekommen: 'Ist wohl mein geistlicher Berater erloschen, oder ist er nicht erloschen?" Darauf erhob sich der Ehrwürdige Vangīsa von seinem Sitz, ordnete das Gewand über eine Schulter, faltete zum Erhabenen hin verehrend die Hände und redete ihn mit diesen Versen an:

 

(Prosa-Einleitung. - Aggālavi-Gedenkmal (agg'ālave cetiye); erklärt im K als das Haupt-Gedenkmal des Landes Ālavi. Cetiya (caitya) oder thūpa (stūpa) werden kuppelförmige Monumente genannt, die in vorbuddhistischer Zeit Grabmäler von Herrschern, Helden und Heiligen und später auch Kultstätten waren. In buddhistischer Zeit dienten sie zur Aufnahme der Reliquien zuerst des Buddha und dann von Heiligen. Sie sind seitdem auch als 'Dagoba' (aus dhātu garbha, "Reliquien-Kammer") bekannt, seinerseits entstellt zu 'Pagoda'. - K bemerkt hierzu: "Vor der Zeit des Erhabenen gab es viele solche Gedenkmahle. Sie waren die Wohnstätten von Dämonen, Schlangen-Gottheiten usw. Zur Zeit des Erhabenen haben dann Leute einige von ihnen zerstört, an ihrer Stelle Klöster errichtet und diese mit den gleichen Namen benannt. Wir haben (die obige Ortsbezeichnung) also so zu verstehen, daß der Erhabene in einem 'Aggālavi-Cetiya' genannten Kloster wohnte.")

 

343 (VANGISA)

Den Meister fragen wir, ihn den vollendet Weisen,
Den Zweifel-Löser hier in dieser Sichtbarkeit:
Es schied ein Mönch dahin hier in Aggālava,
Bekannt war er, berühmt, sein Inneres friedvoll.

344

Nigrodha-Kappa war der Name, den er trug,
Den du, Erhabener, verliehen hast dem Priester.
Er lebte, dich verehrend, nach Erlösung trachtend [1],
Sein Wille angespannt, erschauend Festen Stand [2].

345

Wir alle hier, o Sakyer, diesen Jünger,
Wir wünschen ihn zu kennen, Alles-Seher!
Bereit sind unsere Ohren, es zu hören!
Du bist der Meister uns, bist unvergleichlich!

346

Behebe unseren Zweifel und verkünd' es mir:
Ob er erloschen, laß uns wissen, Weisheitsreicher!
In unserer Mitte sprich davon, o Alles-Seher,
Wie unter Göttern Sakka mit den tausend Augen!

347

Was auch an Fesseln es hier gibt und Wege, die das Wähnen geht;
Was sich dem Unwissen verbündet, dem Zweifel eine Stätte gibt, -
Vor den Vollendeten gelangt, bestehen kann es vor ihm nicht,
Denn dies ist ja der Menschheit klarstes Auge!

348

Gewiß, wenn nicht der Mensch [3] die Flecken seines Geistes,
Wie Wind die Wolkenmassen, ganz vertreibt,
Die ganze Welt hüllt sich in Finsternis für ihn,
Die ihm selbst Leuchtendste der Männer nicht erhellen können.

349

Die Weisen sind es, die das Licht uns bringen!
Für einen solchen eben halt' ich dich, o Held!
So von dir wissend, kamen wir zum Herrn des Hellblicks:
Enthülle unserer Schar des Kappa Los!

350

Herrlichste der Worte, eile sie zu sprechen,
Dem Schwane gleich, der, reckend seinen Hals,
Allmählich anstimmt seinen Sang, klar tönend, voller Harmonie!
Wir alle wollen aufmerksam dir lauschen!

351

Ersuchend ihn, der restlos ließ Geburt und Sterben,
Den Ledigen [4] bitte ich, der Lehre Wort zu geben,
Nicht um der Menge-Menschen Neugier zu befriedigen,
Doch nach der wohlerwogenen Absicht der Vollendeten verfahrend! [5]

352

Was du mit sicherer Weisheit hast erfaßt,
Vollendete Erklärung wird es sein!
Noch einmal falte ich verehrend meine Hände:
Laß', selber kennend, nicht in Verwirrung uns, vollendet Weiser!

353

Der du die Edle Lehre kennst in ihren Höhen, Tiefen [6],
Laß', selber kennend, nicht in Verwirrung uns, vollendet Starker!
Wie ausgedörrt von Hitze, im Sommer man nach Wasser lechzt,
So hoff' ich auf dein Wort! Ergieße über uns dein Wissen!

354

Zu welchem Zwecke er den Reinheitswandel führte,
Hat diesen wohl verfehlt Kappāyana?
Ist er erloschen, oder blieb ein Haftensrest?
Wie weit er ward befreit, dies wünschen wir zu hören!

355 DER ERHABENE

Er schnitt Begehren ab nach Geist und Körper.
Des Finsteren Strömung, lang zu Grunde liegend [7],
Geburt und Sterben hat er restlos überwunden!
So hat es der Erhabene verkündet, der Beste jener ersten Fünf [8].

356 (VANGISA)

Dein Wort, o bester [9] Seher, hörend, bin ich voller Freude.
Mein Fragen war vergeblich nicht, der Heilige hat mich nicht enttäuscht!

357

So wie er sprach, hat jener Buddha-Jünger auch gehandelt:
Trugreichen Māra's stark geflochtenes Netz durchschnitt er ganz!

358

Anhangens Ursprung, o Erhabener, durchschaut ward er von Kappiya!
Dem Reich des Māra, schwer zu kreuzen, entgangen ist Kappāyana!

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[1] Nach Erlösung trachtend (mutyapekho). K erklärt als muttim apekkhamāno, nach der Befreiung verlangend. In der Schreibung des Textes mit einem einzigen t bedeutet das Wort allerdings 'Wissen' (s. mutimā, v. 539).

[2] Erschauend Festen Stand (dalhadhammadassī). K faßt es als Vokativ auf, als Anrede an den Buddha. Es ist aber wohl eher, wie die beiden vorhergehenden Begriffe, ein Epitheton des Mönchs. Dalha-dhamma, der feste, sichere Zustand, ist eine Bezeichnung für das Nibbāna.


[3] Der Mensch ist lt. K der Buddha. Die Übersetzung folgte jedoch nicht dieser Auffassung.


[4] Den Ledigen (dhonam), wtl.: Abschüttler; s. v. 786 mit Anm.

[5] Die Übersetzung der beiden letzten Verszeilen ist unsicher: Na kāmakāro hi puthujjanānam/sankheyyakāro ca tathāgatānam. K erklärt: "Weltmenschen vermögen nicht nach ihren Wünschen zu handeln; die Vollenteten aber handeln überlegt, nachdem sie mit Weisheit erforscht haben."


[6] In ihren Höhen und Tiefen (parovaram); wtl.: Hohes und Niederes. K: "Vom Gesichtspunkt des Weltlichen und Überweltlichen; Schönes und Unschönes, Fernes und Nahes." Vgl. Anm zu v. 1.


[7] Lang zu Grunde liegend (dīgharatt'anusāyitam); vgl. anusaya, die (hanghafte) Neigung.

[8] Der Beste (jener ersten) Fünf (pañcasettho). Diese nicht sichere Übersetzung folgte der ersten der im K gegebenen Deutungen, der zufolge sich dieser Ausdruck auf jene fünf Gefährten des Buddha zur Zeit reiner Schmerzensaskese bezieht, die später seine ersten Jünger wurden.


[9] Bester (Seher), (isi-)sattama; hier als Superlativ von sat (gut) genommen. K erklärt es als 'der siebente', in jener Reihe von Buddhas, die z.B. in D.14. aufgezählt sind


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