Sutta Nipata II.13 359-375

SUTTA-NIPĀTA, Lehr-Dichtungen

II:13. Rechtes Wanderasketentum (Sammā-Paribbājaniya-Sutta) - [Pali]

 

(Der Titel (Sammā-paribbājaniya-sutta) wie auch der Refrain (paribbajeyya) beziehen sich auf den Paribbajaka (wtl: der Umherwandernde), eine vor-buddhistische Bezeichnung des Wandermönchs, welcher die letzte der vier Lebens-Stadien (ashrama) des Brahmanen darstellt, folgend auf die Stufe des sesshaften Waldeinsiedlers. Vgl. v. 537.

K gibt als anderen Titel "Mahā-samaya-sutta" und zwar weil diese Sutte angeblich bei jener 'großen Festversammlung' (mahāsamaya) der Götterwesen gesprochen worden sein soll, von der die gleichnamige Rede der 'Langen Sammlung' handelt. Das Gleiche wird vom K auch von fünf weiteren Sutten behauptet (Vor dem Zerfall; Streit und Zwietracht; Die kurze und die große Entgegnung; Schnell). Hierfür geben diese selber freilich keinen Anhalt.)

 

359 (DER FRAGENDE)

Den Muni frage ich, dem hohe Weisheit eignet,
Der flutdurchkreuzend kam zum Anderen Ufer,
Der ganz erlöst ist, fest in seinem Herzen:
Wenn Häuslichkeit gelassen und gebannt die Lüste,
Wie mag ein Mönch recht, als Asket, die Welt durchwandern? [1]

360 DER ERHABENE

Für wen die Glück-Beschwörung [2] gänzlich abgetan,
Vorzeichen, Träume und Orakel auch,
Vom Makel jeder Glücks-Beschwörung völlig frei,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern?

361

Die Leidenschaft verwinden soll der Mönch
Zu menschlichen und göttlichen Genüssen.
Hat er die Werdung überschritten, tief erfaßt die Lehre,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

362

Verleumdungen den Rücken kehrend,
Geb' auf der Mönch den Ärger und die Habsucht.
Von Zu- und Abgeneigtsein ganz entledigt,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

363

Nicht mehr für lieb und unlieb etwas haltend,
Von Haften frei, von allem unabhängig [3],
Befreit von Dingen, die ihn fesseln könnten,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

364

Nicht seh' er in den Daseins-Stützen einen Kern,
Und von den Greifobjekten wende er den Willen. [4]
Dann, unabhängig, nicht von anderen lenkbar,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

365

Hat ganz verstanden er die Lehre, wird er nicht mehr irren
Im Wort, im Denken oder auch im Handeln.
Nach der Nibbāna-Stätte inniges Verlangen tragend,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

366

Wer sich nicht aufbläst, weil man ihn verehrt,
Und, wenn gescholten, nicht verärgert wird;
Wen Speisen-Spende nicht betört,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

367

Vom Gieren frei sich machend und von neuer Werdung [5],
Steht ab der Mönch von jeglicher Gewalttat [6].
Von Ungewißheit ledig und von innerem Stachel frei,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

368

Ein Mönch, der weiß, was seiner würdig,
Wird keinem Harm tun in der Welt.
Die Lehre kennend als der Wirklichkeit gemäß,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

369

In dem sich auch verborgene Neigung nicht mehr findet,
In dem des Unheilsamen Wurzeln sind getilgt,
Der frei von Sehnen, frei von Hoffen,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern. [7]

370

Ein Trieb-Vernichter, Dünkel-Überwinder,
Hinweggeschritten über jede Bahn der Lust,
Bezähmt, erloschen, festen Herzens,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

371

Vertrauend, wissend, Sicherheit erschauend [8],
Nimmt nicht Partei der Weise unter den Parteien.
Gier, Haß und Widerstreit verwindend,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

372

Ein reiner Sieger, der den Schleier hob,
Der Dinge mächtig, Meisterkenner, ohne Wunschesregung,
Erfahren in dem Wissen, das Gestaltung endet,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

373

Wer bei vergangenen und künftigen Dingen
Gedanken sich zu machen hat gelassen [9],
Entgehend [10] dem als Kundiger der Reinheit,
Befreiend sich vom ganzen Sinnenreich [11],
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.

374

Wissend um die Hohe Stätte [12]
Und die Lehre tief erfassend,
Triebaufhebung hüllenlos erblickend,
Nach der Daseins-Stützen völliger Vernichtung,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.  

375 (DER FRAGENDE)

So eben, wahrlich., ist es, o Erhabener!
Wer derart lebt als ein bezähmter Mönch,
Entgangen allem, was ihn fesseln kann,
Recht wird er als Asket die Welt durchwandern.
 

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[1] Die Textworte pāramgatam (kam zum Anderen Ufer) und bhikkhu (Mönch) sind in der Siamesischen Ausgabe, als im Metrum überzählig, eingeklammert.


[2] Glücks-Beschwörung. Dies ist eine der Bedeutungen des Wortes mangala (s. Anm. v. 268).

Vom Makel jeder Glücks-Beschwörung völlig frei. K: "Außer den 38 mangala-Arten (s. Mangala-sutta, v. 258f.) gelten alle anderen als mangaladosa, d.h. makelhafte oder falsche Glücks-Beschwörungen."


[3] Von allem unabhängig (anissito kuhiñci). K unterscheidet zwei Arten von 'Abhängigkeiten', nämlich: Abhängigkeit von Begehren (tanhānissaya) und von falschen Ansichten (ditthi-nissaya), d.h. die irrationalen und die intellektuellen Abhängigkeiten, entsprechend den zwei Haupt-Bedingungen des Daseins und damit des Leidens: Begehren (tanhā) und Nichtwissen (avijjā).


[4] Zur ersten Verszeile vgl. v. 5.

Daseins-Stützen (upadhīsu). K erklärt mit khandh'upadhi, d.h. die in den fünf Daseinsgruppen bestehenden Daseins-Stützen (upadhi).

Von den Greifobjekten (ādānesu) ādānam = Nehmen, Greifen; vielleicht hier eine Abkürzung metri causa von up-ādāna (Greifen, Haften, Anhangen) oder upādāna-kkhandha. K: "Hiermit werden eben jene (vorerwähnten Daseins-Stützen bzw. -Gruppen) bezeichnet, weil sie nämlich ergriffen werden müssen, um immer wieder neu zu erstehen (oder 'greif-bar' sind; ādātabbatthena)."


[5] Vom Gieren frei sich machend und von (neuer) Werdung (lobhañca bhavañca vippahāya). Wir haben hier wieder eine ebenso ungewöhnliche Zusammenstellung des Begriffes 'Dasein' oder 'Werden' (bhava) mit einem Ausdruck für Begehren, wie in den Komposita v. 175 (s. Anm), 637, 639, 640, wo er zusammen mit Ergötzen, Gelüsten und Begehren vorkommt. Auch in v. 361 folgt bhava auf die Erwähnung von rāga (Leidenschaft, Lust). Diese auffällige und kaum unbeabsichtigte Übereinstimmung läßt unsere Wiedergabe von bhava in allen oben genannten Versen (s. Anm. 175) zweifelhaft erscheinen. Sie wurde jedoch beibehalten, da sich u. W. in der Pali-Literatur keine anderen Bedeutungen für bhava finden, als die beiden von uns verwandten: 1) 'Werdung', d.i. Dasein, Existenz, Werden (v. 361, 367); 2) (selten) 'Zustand', d.i. im Sinne einer Abstrakt-Endung statt bhāva (v. 175, 637, 639, 640).

Was jedoch der Sinnzusammenhang all dieser Stellen fordert, ist nicht ein Begriff, der etwas Objektives bezeichnet, wie 'Dasein', sondern ein subjektiver und zwar unheilsamer Zustand, wie es die oben erwähnten Synonyme von 'Begehren' sind. Passend wäre z.B. eine Bedeutung, die bhāva im Sanskrit und im Pali hat: Neigung, Zuneigung, Liebe (vgl. die Begriffsreihe khanti ditthi ruci bhāvo, sowie bhāvam karoti, 'lieben'). Wir kennen jedoch in der Pali-Literatur keinen Beleg für eine Ersetzung von bhāva in dieser Bedeutung durch bhava. Auch das Metrum fordert in unseren Versen keine solche Vokalkürzung. Ohne eine befriedigende Lösung bieten zu können, müssen wir uns begnügen, auf diese Schwierigkeit hingewiesen zu haben.

[6] Steht ab der Mönch vom Fesseln und Mißhandeln (virato chedana-bandhanāto bhikkhu; chedana bedeutet wtl. Schneiden, Verstümmeln). Diese Verszeile geht offenbar zurück auf jene bekannte stereotype Textstelle, die von Nyanatiloka als 'der Entwicklungsgang des Jüngers' (s. "Wort des Buddha") und von Dahlke als 'der Tathagata-Gang' bezeichnet wird (z. B. Majjh. 38). Es heißt dort unter den für einen Mönch unzulässigen Dingen: "Er steht ab vom Verstümmeln, Schlagen, Binden . . ." (chedana-vadha-bandhana . . . pativirato hoti).


[7] Zeile a/b = v.14a/b; zu Zeile c vgl. v. 1090/91.


[8] Sicherheit erschauend (niyāma-dassī); s. Anm. v. 55.


[9] Gedanken sich zu machen hat gelassen (kapp'atīto). Kappa wird an dieser Stelle von den meisten Übersetzern (Fausböll, Chalmers, Hare, Seidenstücker) und auch im PTS-Wörterbuch als 'Zeit' aufgefaßt. Doch auch im PTS-Wörterbuch findet sich keinerlei Beleg dafür, daß kappa, außer einer bestimmten Zeitperiode ('Weltalter', Skr. kalpa; s. v. 517), auch die Zeit im Allgemeinen bezeichnet. In Übereinstimmung mit dem im Sn häufigen kappam neti (z. B. v. 535) wurde daher vorgezogen kappa auch hier als ein Synonym für sam-kappa aufzufassen, das seinerseits, z.B. als das 2. Pfadglied, mit vitakka (Gedanke), gleichgesetzt wird. An dieser Stelle sind es besonders die sich an Vergangenes und Künftiges knüpfenden Wunsch- und Zweck-Gedanken; zum Gebrauch von samkappa in diesem Sinne vgl. Anm. zu v. 766. Zu dieser Bedeutung von kappa gehört auch pakappita (das Erdachte, Ersonnene) - gleichfalls häufig im Sn. K bemerkt zu dieser Stelle: aham maman'ti kappanam sabbam pi vā tanhāditthi-kappam atīto, "sich hinwegsetzend über Gedanken des Ich und Mein oder über alle Gedanken des Begehrens und falscher Ansicht."

[10] Entgehend dem . . . (aticca). K gibt zwei alternative Erklärungen: 1) = atikamitvā (hinausgegangen seiend). "Worüber geht er hinaus (oder: Wem entgeht er)? Über die drei Zeiten. Der Heilige hat nämlich die vergangene Zeit überwunden, d.h. Nichtwissen und Karma-Gestaltungen (d.i. die zwei ersten, auf die vergangene Existenz bezüglichen Glieder der 'Bedingten Entstehung'), die zukünftige Zeit, nämlich Geburt, Alter usw. (d.h. die zwei letzten Glieder) und auch die gegenwärtige Zeit, nämlich 'Bewußtsein' bis 'Dasein' (die acht mittleren Glieder der Reihe). 2) = atīva (überaus); hiernach wäre zu übersetzen: "in hohem Maße Kundiger der Reinheit.''

[11] Kundiger der Reinheit (suddhi-pañño); auch in v. 526. Reinheit (suddhi) ist ein im Sn häufiges Synonym für Erlösung (vimutti).

Vom ganzen Sinnenreich (sabb'āyatanesu); d.i. von den sechs inneren und sechs äußeren Sinnen-Grundlagen.


[12] Die Hohe Stätte (padam); hier wohl gleichbedeutend mit amatapada (die todlose Stätte), d.h. Nibbāna. K faßt es allerdings als den viergliedrigen 'Satz' (pada) der Edlen Wahrheiten auf.


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