Sutta Nipata IV.16 955-975

SUTTA-NIPĀTA, Lehr-Dichtungen

IV.16. Sāriputta (Sāriputta-Sutta) - [Pali]

 

955 (SARIPUTTA)
Nicht habe vorher ich gesehen,
Noch ward gehört von irgendwem
Ein Meister, der so herrlich spricht.
Vom Tusita gekommen als ein Lehrer

 


Zeile d. - Diese Verszeile wird von MNidd und K auf die Herabkunft des Buddha vom Tusita-Himmel bezogen, wo er den Göttern den Abhidhamma gepredigt hatte. Als der Buddha in der Stadt Sankassa wieder die Erde betrat, sei es Sāriputta gewesen, der ihm zuerst die Verehrung darbrachte und zuerst die Grundlinien des Abhidhamma dargelegt erhielt. Um dieser legendären Deutung der Einleitungs-Verse zu entgehen, faßt K. E. Neumann tusitā als 'der Erfreuer' (tussitār) auf, was ganz unwahrscheinlich ist.


 

956

Für diese und die Götterwelt, -
So wie er (uns hier) sichtbar ist.
Der Klargeäugte, alle Finsternis verscheuchend,
Allein gewann er höchste Wonne sich.

 


Zeile a/b. - In der Übersetzung dieser Stelle wurde MNidd gefolgt, wo diese Zeilen wiederum auf den Besuch des Buddha im Tusita-Himmel und die Rückkehr von dort bezogen werden.

Zeile d. - (höchste) Wonne (rati); MNidd: "die Wonne der Entsagung, der Einsamkeit, des Friedens, der Erleuchtung."


 

957

Ihm, dem Erwachten, der da nun gekommen,
Dem haftensfrei Vollkommenen, Lehrer ohne Trug,
Ihm gilt die Ankunft der Befragung willen
So vieler, die ihm hier ergeben sind.

 

958

Für einen Mönch, den Abscheu hat ergriffen,
Der aufsucht leere Klausen, eines Baumes Fuß,
Die Leichenstätte oder lebt in Bergeshöhlen,

 

959

In solchem mannigfachen Aufenthalt
Wieviel Gefahren gibt es dort für ihn,
Bei denen nimmer schwanken soll der Mönch
Auf seiner stillen Lagerstatt?

 

960

Für den, der geht nach 'unbetretenem Land',
Wie viele Fährnisse gibt's in der Welt,
Die überwinden soll der Mönch
Auf abgeschiedener Lagerstatt?

 


Nach unbetretenem Land (agatam disam); in MNidd erklärt als amatam disam (todloses Land), was von K auch als Lesart gegeben wird.


 

961

Von welcher Art soll seine Redeweise sein?
Was sein Bereich, in dem er sich bewegt?
Welch Regeln und Gelübde soll befolgen er,
Als Mönch, der ernst entschlossen ist?

 

962

Welch Übung auf sich nehmend,
Mag er einig, weise, achtsam,
Gleichwie der Schmied beim Silber,
Die Flecken seines eigenen Geistes tilgen?

 

963 (DER ERHABENE)

Was heilsam ist für ihn, den Abscheu hat ergriffen,
Wenn einsam Weilen er sich hat erwählt;
Was dem Gesetz gemäß für ihn, der die Erleuchtung wünscht, -
Das will ich künden dir, wie es von mir erkannt.

 

964

Vor fünf Gefahren sei der Weise nicht in Furcht,
Ein Mönch, der achtsam innerhalb der Regel wandelt:
Stechfliegen, Mücken und die Schlangen,
Vierfüß'ge Tiere, störender Kontakt mit Menschen.

 


Zeile b. - Innerhalb der Regel wandelt (pariyantacārī; wtl.: innerhalb der Begrenzung wandelt). MNidd unterscheidet viererlei 'Begrenzungen': durch Sittlichkeits-Zügelung (sīlasamvara-pariyanta), durch Sinnen-Zügelung (indriyasamvara-p.), durch Maßhalten beim Mahle (bhojane mattaññutā-p.) und durch Pflege der Wachsamkeit (jāgariyānuyoga- p.):

"Was ist nun die Begrenzung durch Sittlichkeits-Zügelung? Da ist ein Mönch sittenrein; er verharrt in der Zügelung gemäß der Ordenszucht; vollkommen in Wandel und Betragen, in den kleinsten Verstößen Gefahr erblickend, übt er sich in den übernommenen Sittenregeln. Über (das Abschreckende und die Folgen eines) Zustandes sittlicher Verderbnis nachdenkend, wandelt er innerhalb der Begrenzung durch Sittlichkeits-Zügelung, nicht überschreitet er die Grenze.

"Was ist die Begrenzung durch Sinnen-Zügelung? Hat da ein Mönch mit dem Auge eine Form erblickt, so haftet er weder am Ganzen noch an den Einzelheiten usw. Über die Lehrdarlegung 'Alles brennt' (d.i. die sogen. 'Feuer-Predigt') nachdenkend, wandelt er innerhalb der Begrenzung durch Sinnen-Zügelung, nicht überschreitet er die Grenze.

"Was ist die Begrenzung durch Maßhalten beim Mahle? Da nimmt ein Mönch weise besonnen die Nahrung ein, weder zur Ergötzung . . . Über die (auf die Nahrungsaufnahme bezüglichen) Gleichnisse vom Schmieren einer Achse, vom Verbinden einer Wunde, vom 'Fleisch vom Sohn' nachdenkend, wandelt er innerhalb der Begrenzung durch Maßhalten beim Mahle, nicht überschreitet er die Grenze.

"Was ist die Begrenzung durch Pflege der Wachsamkeit? Da läutert der Mönch am Tage, auf und ab gehend oder sitzend seinen Geist von hemmenden Dingen; nachts während der ersten (und letzten der drei Nachtwachen) läutert er . . . Darüber nachdenkend, wie ein bhaddekaratta (genannter Wachsamer) verweilt, wandeit er innethalb der Begrenzung durch Pflege der Wachsamkeit, nicht überschreitet er die Grenze."

Der Ausdruck bhaddekaratta ist aus der gleichnamigen 131. Lehrrede der Mittleren Sammlung entnommen. Er bedeutet wörtlich: "einer der die Feier- (oder Weihe-)Nacht verbringt" und bezieht sich auf eine, auch heute noch begangene und als ekarātri bekannte brahmanische Feier-Nacht, die fastend, wachend und meditierend verbracht wurde. K. E. Neumann übersetzt den Ausdruck fälschlich mit 'glücksälig-einsam'.


 

965

Auch Andersgläubige möge er nicht fürchten,
Obwohl von ihnen vielerlei Gefahr erwartend.
Es möge diese und auch andere Fährnis,
Wer nach dem Heil sucht, völlig überwinden.

 

966

Wenn Siechtum ihn befällt und Hunger,
Kälte und Hitze auch, - er möge es erdulden.
Als Heimatloser hiervon oft betroffen,
Tatkraft und Streben mach' er in sich stark.

 

967

Diebstahl begeh' er nicht und spreche keine Lüge.
Umfassen möge seine Güte Schwache wie auch Starke.
Das was als Trübung er erkennt in seinem Geiste,
Er möge es vertreiben als 'des Dunklen Teil'.

 


Des Dunklen Teil: 'der Dunkle (kanho) ist ein Beiname Māras.


 

968

Nicht in die Macht von Zorn und Hochmut mög' er fallen;
Was deren Wurzel ist, die grab' er aus.
Als lieb empfinden etwas oder unlieb,
Das gänzlich meisternd, mög' er's überwinden.

 

969

Geführt durch Weisheit und erfüllt von edler Freude,
All jene Fährnis möge er verwinden,
Besiegen auch den Überdruß am abgeschiedenen Leben,
Besiegen mög' er vierfaches Sich-Sorgen:

 


Geführt durch Weisheit (paññam purakkhatvā); MNidd: purato katvā (vorangestellt habend). MNidd erklärt es 1) als den Vorrang und bestimmenden Einfluß von Weisheit und Erkenntnis im Leben des Mönchs, als die nachdenkliche Grundhaltung; 2) als die Führerrolle von Achtsamkeit und Wissensklarheit und zitiert hierzu aus der Satipatthāna-Sutte die 'Aufmerksamkeit auf die Körperhaltungen' und den Abschnitt von der 'Wissensklarheit'.

Erfüllt von edler Freude (kalyāna-pīti); MNidd: auf Grund der zehn Betrachtungen: über den Buddha, die Lehre usw. (s. Nyanatiloka, Wtb., VisM)

Überdruß am abgeschiedenen Leben (aratim . . . sayanamhi pante); wtl.: Unlust an abgeschiedener Lagerstatt (s. Vers 960d). MNidd fügt hinzu: "auch die Unlust an den anderen im höchsten Sinne heilsamen (adhikusala) Dingen".


 

970

"Was werd' ich essen? Wo werd' ich essen?
Schlecht ruhte ich! Wo werd' ich heute ruhen?"
Solche Gedanken, welche Sorgen bringen,
Soll abtun, wer da strebt und ohne Heimstatt wandert.

 

971

Wenn er zu Zeiten Speise und Gewand erhalten,
So kennt er da das Maß, zufriedenes Glück im Sinn.
Hierin bewacht, geh' er durch's Dorf gezügelt.
Wenn auch gekränkt, soll er nicht grob erwidern.

 


Zufriedenes Glück im Sinn (tosanattham); entweder = tosanatthāya (um der Zufriedenheit willen), oder, wie K es auffaßt, als Adjektiv zum vorhergehenden mattam (Maß), d.h. das Maß, welches durch mönchische Genügsamkeit bestimmt ist. Tosena hat beide, in der Übers. wiedergegebenen Bedeutungs-Nuancen: Zufriedenheit und Freude.


 

972

Den Blick gesenkt, nicht schweif' umher sein Schritt.
Die Schauung pflegend, stark in Wachsamkeit;
Mit einem Herzen, das durch Gleichmut Sammlung fand,
Die Grübelsucht und innere Skrupel schneid' er ab.

 

Durch Gleichmut; hier, in der Beziehung auf die Sammlung, ist lt. MNidd der völlig geläuterte Gleichmut der vierten Vertiefung gemeint.

 

973

Worte des Tadels heiße achtsam er willkommen,
Und das Verstocktsein zu den Brüdern lös' er auf.
Die Worte, die er äußert, seien treffend, nicht zur Unzeit,
Und nicht beacht' er Dinge, die die Menge redet.

 

Nicht zur Unzeit (nātivelam), wtl.: nicht über die Zeit hinaus, d.h. nicht zu lange; sowie auch: zu rechter Zeit.

 

974

Dann ferner noch: den Staub der Welt, der fünffach,
Ihn zu entfernen, möge achtsam er sich üben:
Zu Formen, Tönen, Düften und Geschmäcken,
Auch zu Berührung möge er die Lust besiegen.

 

975

Von diesen Dingen, wenn er abgewandt den Willen,
Ein Mönch, der achtsam, abgelösten Geistes,
Zu Zeiten auch ergründend tief die Lehre,
Mag, eins geworden, alles Dunkel er verscheuchen.

 


Zeile b. - Abgelösten Geistes (suvimutta-citto). Die wörtliche Übersetzung "mit gut befreitem Geiste" wurde nicht gewählt, um eine irrtümliche Gleichsetzung mit der höchsten Befreiung in der Heiligkeit auszuschließen. Der Ausdruck bezieht sich hier vor allem auf die zeitweilige Befreiung des Geistes durch Erreichung der meditativen Vertiefungen, d.h. durch die Methode der Geistesruhe (samatha; s. folg. Anm.), vgl. den Ausdruck cetovimutti (Gemüts-Erlösung), der sich gleichfalls auf die geistige Sammlung bezieht.

Zeile c. - Zu Zeiten. MNidd: "Bei erregtem Geist ist es die rechte Zeit für die Geistesruhe (samatha), bei gesammeltem Geist ist es die rechte Zeit für den Klarblick (vipassanā)."

Zeile d. - Mit dieser letzten Verszeile werden die Worte Sāriputtas in v. 956 (,alle Finsternis verscheuchend'), mit denen er den Erhabenen pries, vom Buddha aufgenommen und auf den die Lehre verwirklichenden Mönch angewandt. Auch er wird, am Heiligkeits-Ziele angelangt, ein Vernichter allen Dunkels wie der Buddha selbst.


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