Sutta Nipata V 976-1031

SUTTA-NIPĀTA, Lehr-Dichtungen

V. DAS BUCH VOM "WEG ZUM ANDEREN UFER" (Pārāyana-Vagga)

 V. Verse der Erzählung - [Pali]

 

976

Von Kosalas prächtiger Stadt zog nach Indiens südlichem Land
Ein Priester, hochgelehrt, der unbehelligt dort zu leben wünschte. [1]

977

In Āssakas Gebiet, ganz nahe dem des Ālaka, am Ufer der Godhāvari, [2]
Dort lebte er von Nahrungsspenden und von Früchten.

978

In seiner Nachbarschaft, da war ein stattlich Dorf;
Vom Zins aus ihm ein Großes Opfer bracht' er dar.

979

Nachdem das Große Opfer er vollbracht, zu seiner Klause kehrte er zurück.
Und als er gerade sie betrat, ein anderer Priester kam heran.

980

Mit wunden Füßen, ausgedörrtem Leib,
mit schmutzigen Zähnen und bestaubtem Haupt, -
So kam er auf ihn zu, fünfhundert Münzen Geldes fordernd.

981

Als Bāvari ihn sah, vorerst zum Sitzen fordert' er ihn auf,
Fragt ihn nach seinem Wohlergehen und sprach dann dieses Wort:

982

"Was mir an schenkenswerten Dingen war, all dessen hab' ich mich entäußert.
O glaub' es mir, du heiliger Mann, fünfhundert, die besitz' ich nicht!" -

983

"Wenn mir, der ich zu bitten kam, der Herr es nicht gewähren will,
So soll am siebten Tage dann sich spalten siebenfach dein Haupt!"

984

Beschwörung treibend sprach der Magier diesen Fluch.
Und Bāvari, sein Wort vernehmend, in tiefes Leid verfiel er da.

985

Den Sorgen-Stachel in sich tragend, nichts essend siechte er dahin.
Doch wenn in solchem Zustand das Gemüt,
kann der Vertiefung es sich nicht erfreun.

986

Den Angst-Erfüllten und von Leid Gequälten sah eine Göttin wohlgesinnt.
Sie näherte sich Bāvari und ließ verlauten dieses Wort:

987

"Nichts weiß vom Haupt der Magier, der nach Reichtum süchtig.
Nicht hat vom Haupte Wissen er, noch von des Hauptes Spaltung." -

988

- "Weiß es die Herrin wohl? Dann künd' es mir auf meine Fragen,
Was Haupt ist und des Hauptes Spaltung! Gewärtig bin ich deines Worts!" -

989

- "Ich selber weiß es nicht, nicht hab' ich davon Kenntnis.
Den Geistes-Siegern nur ist solche Kunde vom Haupte und von seiner Spaltung."

990

- "Und wer nun hat auf diesem Erdenrund das Wissen
Vom Haupte und von seiner Spaltung? Das wolle künden mir, o Göttin!" -

991

- "Der Weltenherr ist ausgegangen von jener Stadt, Kapilavatthu heißend,
Vom Königs-Stamm Okkākas stammt er ab,
der Sakyer Sohn, der uns das Licht gebracht.

992

Er, wahrlich, Priester, ist der Voll-Erwachte,
in allen Dingen zur Vollkommenheit gelangt.
Durchschauend alles, hat er Kraft erlangt, [3] in allen Dingen sieht er klar.
Erreicht hat er das Ende aller Dinge, [4]
und durch der Daseins-Stützen Endung ist er ganz befreit.

993

Ein Buddha in der Welt ist der Erhabene,
der Klargeäugte zeigt die Wahrheits-Lehre.
Zu ihm magst gehen du und fragen, Erklärung geben wird er dir!" -

994

Als er das Wort gehört 'Ein Buddha', gehobenen Geistes wurde Bāvari.
Sein Kummer schwand, und Fülle des Entzückens überkam ihn.

995

Und Bāvari, erfreut, gehobenen Geistes,
Er fragte jene Göttin, froh entzückt:
"In welchem Dorfe oder welcher Stadt,
In welchem Lande weilt der Weltenherr?
Dorthin gegangen, wollen wir verehren
Den Voll-Erwachten, höchsten aller Menschen!"

996

- "In Sāvatthi, der Königsstadt von Kosala, dort lebt der Sieger,
Der reich an Weisheit und voll mächt'gen Scharfsinns,
Der Sakyersohn, der Bürdenlose, [5] Triebversiegte,
Der Menschenfürst, der von des Hauptes Spaltung weiß."

997

Da rief er zu sich seine Schüler, die Priester, Kundige der Veden:
"Kommt zu mir, Jünger, hört, was ich euch sage!

998

Der selten nur in dieser Welt erscheint,
Erstanden ist er jetzt in dieser Welt,
Als Voll-Erwachten rühmt man ihn.
Schnell gehet hin nach Sāvatthi,
Zu sehen ihn, den Höchsten aller Menschen!" -

999 (DIE JÜNGER)

Wie denn sollen wir, ihn sehend, wissen, ob wirklich er ein Buddha ist?
Uns, die nicht wissen, künde es, wie wir ihn wohl erkennen sollen.

1000 (BAVARI)

In unseren Sprüchen sind sie überliefert, die Zeichen eines Großen Manns;
Vollständig sind der Reihe nach als zweiunddreißig sie dort aufgezählt.

1001

An wessen Leibe sie vorhanden, die Zeichen eines Großen Manns,
Für den gibt es zwei Fährten nur, nicht gibt es eine dritte noch:

1002

Wenn er im Hause bleibt, wird er dies Erdenreich besiegen.
Gewalt- und waffenlos, durch's Recht nur wird er es beherrschen!

1003

Doch wenn er aus dem Hause zieht, ein hauslos' Leben sich erwählt,
Ein Buddha, der den Schleier hebt, ein Heiliger, ohnegleichen wird er sein!

1004

Nach (meiner) Abkunft und Geburt, nach Zeichen,
Wissenschaft der Veden, Schülerschaft,
Nach Haupt und Hauptes Spaltung, - im Geist nur stellt ihm diese Fragen!

1005

Als ungehindert Schauender, wenn wirklich er ein Buddha ist,
Wird die im Geist gestellten Fragen im Worte er dann lösen euch!

1006

Die Worte Bāvaris vernahmen seine Schüler,
Die Priesterjünger, sechzehn an der Zahl:
Ājita, Tissa-Metteyya, Punnaka und Mettagū;

1007

Dhotaka und Upasīva, Nanda und auch Hemaka;
Todeyya, Kappa, diese zwei und Jatukanni hochgelehrt;

1008

Bhadrīvudha und Udaya, Posāla auch, der Priester dann,
Mogharāja, voller Scharfsinn und Pingiya, der große Seher.

1009

Mit eigener Schülerschar ein jeder, gar wohl bekannt in aller Welt,
Besinnlich, Schauung liebend, weise, durch früherer Leben Einfluß vorbereitet. [6]

1010

Nachdem sie Bāvari verehrt, die Rechtsumwandlung ausgeführt,
Nach Norden brachen sie dann auf,
die Flechtenträger mit dem Antilopen-Fell.

1011

Von Patitthān, im Lande Ālakas, zur alten Stadt Māhîssati,
Ujjeni und Gonaddha dann, nach Vedisa, das 'Waldstadt' ward benannt. [7]

1012

Nach Kosambi und Saketa, nach Sāvatthi, der schönen Stadt,
Nach Setavi, Kapilavatthu, zur Feste Kusināra dann.

1013

Nach Pāva, zu der Bhoger Stadt, zur Hauptstadt Māgadhas (Rājagaha), Vesālī,
Bis zu der 'Felsen-Dagoba', die so entzückend, lieblich ist.

1014

So wie der Durstige nach kühlem Wasser und wie der Kaufmann nach Gewinn,
Wie der von Hitze Überwältigte nach Schatten, -
so eilten sie, um auf den Berg zu steigen.

1015

Zu jener Zeit nun der Erhabene, zu Häupten seiner Mönchsgemeinde,
Die Lehre zeigte er den Mönchen,
dem Löwen gleich im Walde dröhnte seine Stimme.

1016

Ajita sah den Voll-Erwachten, der leuchtend-goldenem Strahle gleich, [8]
Dem Mond um Monatsmitte gleichend, wenn volle Rundung er erreicht.

1017

Und als er des Erwachten Glieder und völlig alle Zeichen sah,
Da stand er seitwärts hocherfreut, im Geiste stellt' er Fragen dann:

1018

"Sag an und künde mir Geburt, den Stamm, die Zeichen (Bāvaris),
Auch seine Meisterung der Veden und wieviel Schüler er belehrt!"-

1019 (DER ERHABENE)

Sein Alter: hundertzwanzig Jahre, sein Stammesname: Bāvari:
Am Leibe sind drei Zeichen ihm; er meistert die drei Veden ganz.

1020

Die Zeichenkunde kennt er und der Vorzeit Sage,
der Veden Wortschatz und den Priesterdienst;
Fünfhundert sind es, die er unterweist, in eigener Lehre Meister so.

1021 (AJITA)

Die Zeichen einzeln gib nun an des Bāvari, du Höchster aller Menschen!
Laß' nicht in Zweifel uns, der du Entwurzler des Begehrens bist!

1022 (DER ERHABENE)

Das Antlitz kann bedecken er mit seiner Zunge
Und zwischen seinen Brauen wächst ihm eine Flocke Haars;
Das Schamglied ist verborgen in der Hülle,
Dies wisse als die Zeichen, Priesterjünger!

1023

Nicht hörend irgendwelche Frage,
doch hörend, wie die Frage ward erklärt,
Voll Freude ihm Verehrung bringend,
verwundert sann das ganze Volk:

1024

"Welch' Himmelswesen ist es, Brahma oder Indra, ist's Sahampati,
Der da im Geiste stellte jene Fragen? Wer ist es, dem die Antwort galt?

1025 (AJITA)

Nach Haupt und Hauptes Spaltung fragt dich Bāvari.
Auch dies, Erhabener, erkläre! Beseitige den Zweifel uns, o Seher!

1026 (DEK ERHABENE)

Nichtwissen ist das Haupt, versteh' dies wohl!
Und Wissen ist das Spalten dieses Haupts.
Wissens Begleiter sind: Vertrauen und die Sammlung, [9]
Achtsamkeit und willensstarke Tatkraft.

 1027

Freude übergroß ward da der Priesterjünger überwältigt.
Vom Fell entblößt er eine Schulter und fiel, das Haupt am Boden, nieder.

1028 (AJITA)

Der Priester Bāvari, samt seiner Schülerschar, o Herr,
Froh und gehobenen Herzens verehrt er deine Füße, Klargeäugter!

1029 (DER ERHABENE)

Beglückt sei Bāvari der Priester und ebenso auch seine Schüler!
Und du auch mögest glücklich sein, lang mögst du leben, Priesterjünger!

1030

All das, was Bavari und dir und allen anderen zweifelhaft,
Erlaubnis ist gegeben euch zu fragen, was irgend ihr im Herzen wünscht!

1031

Als so ihm der Erwachte die Erlaubnis gab,
Saß nieder, Hände faltend, Ājita
Und stellte dem Vollendeten die erste Frage.

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[1] Der unbehelligt dort zu leben wünschte (ākiñcaññam patthayamāno). K: " = akiñcana-bhāvam, der besitzlose Zustand; (eine Lebensweise) frei von Besitztümern und Bequemlichkeiten " Zu dieser Bedeutung von akiñcana vgl. Anm. zu v. 176.

Lt. K war Bāvari, so heißt lt. v. 981 dieser Brahmane, der Hofpriester (purohita) des Königs Pasenadi von Kosala und auch seines Vaters gewesen. Aus dem Luxus und Getriebe der Königs-Stadt verlangte es ihn nach asketischer Einfachheit und Stille. - Es besteht allerdings auch die Möglichkeit, ākiñcañña als das 'Gebiet der Nichtirgendetwasheit" (ākincaññ'āyatana) aufzufassen, d.i. die dritte der unkörperlichen Vertiefungen, die im Schülerkreise Bāvaris bekannt war (s. Upasīva, v. 1069f mit Anm.; Posāla, v. 1113f).


[2] Assaka und Alaka (oder Mulaka) waren, lt. K, zwei Fürsten im Lande der Andher.


[3] Durchschauend alles hat er Kraft erlangt (sabbābbiññā balappatto); K gibt noch als alternative Erklärung: "er hat alle (sechs) Hohen Geisteskräfte (abhiññā) erlangt."

[4] Das Ende aller Dinge (sabba-dhamma-kkhayam); diese Lesart ist im Hinblick auf die Verszeile a und b wahrscheinlicher als sabba-kammakkhayam.


[5] Der Bürdenlose (vidhuro). Gefolgt wurde K, der mit vigatadhuro (der Bürden-Entledigte) erklärt. Vielleicht ist aber, nach Vorschlag von K. E. N., viduro (weise), zu lesen, wofür jedoch keine Lesart bekannt ist.


[6] Durch früherer Leben Einfluß vorbereitet (pubbe-vāsanā-vāsita); wtl.: von früheren Eindrücken beeindruckt. K: "Mit einem Geist, der früher, unter der Satzung des Erhabenen Buddha Kassapa, durch die Eindrücke ihres verdienstlichen Wirkens und die (strikte Achtsamkeits-) 'Übung des Gehens und Zurückgehens' beeindruckt war." Zu dieser Übung siehe den Kommentar zum Satipatthāna-Sutta in der Übersetzung des Verfassers. Dies ist die einzige uns bekannte kanonische Stelle, in der der Ausdruck vāsanā vorkommt, welcher später in der Vijnānavāda-Schule des Mahāyāna große Bedeutung erhielt. Vgl. hierzu auch Anm. zu v. 516.


[7] Waldstadt . . . benannt (vanas-avhayam); K: entweder die Stadt Tumbavana oder Pavana oder 'Wald-Sāvatthi' (Vana-Sāvatthi).


[8] Leuchtend-goldenem Strahle gleich; es ist wohl besser mit einem burmesischen MS pītaramsi'va zu lesen, statt vītaramsi'va.


[9] Vertrauen usw.: dies sind, mit dem in der Vorteile erwähnten Wissen (vijjā = paññā), die fünf 'spirituellen Fähigkeiten' (indriya); s. 432 Anm.


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