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SUTTA-NIPĀTA, Lehr-Dichtungen

6. Prosa- und Vers-Rahmen im Sutta-Nipāta

 

Fausböll und Chalmers bezeichnen die gesamte Prosa des Sn als späten Ursprungs, und K.E. Neumann läßt sie in seiner Übersetzung meist aus. Diese Urteile sind allzu summarisch, und der Sachverhalt erfordert eine genauere Untersuchung des Materials. Vorausgeschickt sei, daß auch von der buddhistischen Tradition die Angaben über Ort und Gelegenheit eines Buddha-Wortes, sowie die erzählenden Teile von Sutten, Dichtungen usw. nicht etwa dem Buddha selbst zugeschrieben werden. Dies war vielmehr das Werk des Ersten großen Mönchskonzils (sangīti oder sangāyana), das kurz nach dem Hinscheiden des Buddha vom Ehrw. Mahā-Kassapa einberufen wurde, um die Überlieferung sicherzustellen und vor Irrtümern und Entstellungen zu bewahren. Nur solche Mönche, die die Heiligkeit (arahatta) erlangt hatten, nahmen daran teil und auch der Ehrw. Ananda, dem die Rezitation des Sutten-Kanons oblag, wurde erst zugelassen, nachdem er unmittelbar vorher dieses höchste Ziel des Mönchslebens erreicht hatte Die Prozedur war derart, daß der Ehrw. Mahā-Kassapa bei jedem vom Ehrw. Ananda zu rezitierenden Text nach Ort und Gelegenheit (dem sogen. nidāna, d.i. Ursprung oder Herkunft) fragte. Die bekannten Eröffnungsworte der Sutten, "So habe ich gehört", sind also als vom Ehrw. Ānanda gesprochen aufzufassen. Wenn also demnach das Nidāna und die erzählenden Stücke eines Textes, welche das eigentliche Buddha-Wort einrahmen, in ihren Formulierungen vom Ehrw. Ānanda stammen und von den Mönchen, auf die sich seine Berichte stützten, so schließt dies natürlich nicht aus, daß die darin enthaltenen Gespräche ebenso wortgetreu überliefert wurden, wie die eigentlichen Buddha-Worte selber.

 

Wenden wir uns nun zunächst den Prosa-Rahmenstücken des Sn zu und versuchen wir eine Gruppierung der betreffenden Texte, so ergibt sich folgendes Bild:

 

I. Zunächst fallen eine Anzahl größerer Sutten auf, in denen offenbar von vornherein Prosa und Verse kombiniert waren. Solche "gemischte" Texte werden in der alten neunfachen Einteilung der buddhistischen Texte als geyya (wtl.: sing- oder rezitierbar) bezeichnet. Darunter fallen:

 

I, 4 Der Pflüger Bhāradvāja
III, 4 Sundārika-Bhāradvāja
III, 6 Sabhiya
III, 7 Sela
III,12 Betrachtung der Zweiheit.

 

Hier sind die Prosa-Elemente zum Verständnis der Verse zum Teil geradezu unerläßlich.

 

Zu I, 4 und III, 4 gibt es Parallelstellen im Samyutta-Nikāya, die allerdings einige Abweichungen aufweisen. Aus I, 4 fehlt die Prosastelle nach Vers 82 (bis "zu Füßen fallend") in der sonst genauen Parallele Samyutta-Nikāya 7, 11 (Geiger I, 269). Sie findet sich aber in Samyutta-Nikāya 7, 9 (Geiger I, 261), seinerseits eine erweiterte Parallele zu Sn III, 4 Sundārika-Bhāradvāja, worin aber wiederum diese Stelle fehlt. Dieses Beispiel zeigt, daß die Kompilatoren manchmal stereotype Stellen dort einzusetzen pflegten, wo sie in den Zusammenhang zu passen schienen. In I, 4, Vers 81-82 = III, 4, Vers 480-481 mag es sich aber vielleicht um tatsächlich wiederholte Verse bei ähnlichen Gelegenheiten handeln. Der stereotype Schluß von III, 4 erweist sich als späte Zutat, da laut Majjhima-Nikāya Nr. 7 die Mönchsweihe Sundārika-Bhāradvājas bei einer anderen Gelegenheit erfolgte.

 

II. Bei einer weiteren Anzahl von Texten kann bei einem Vergleich von Prosa und Versen als höchst wahrscheinlich angenommen werden, daß die Prosa-Einleitung die Gelegenheit für die Entstehung der Verse getreu wiedergibt und wohl auch zusammen mit den Versen überliefert wurde:

 

I, 7 Der Verworfene (Schluß: stereotype Bekehrungsformel)
II, 7 Getreu der Brahmanensatzung (dito)
II, 12 Vangīsa (kein Prosa-Schluß)
II, 14 Dhammika (dito)
III, 3 Wohlgesprochen (dito)
III, 5 Māgha (Schluß: stereotype Bekehrungsformel)
III, 9 Vāsettha (dto.)
III, 10 Kokālika (*f1) (kein Prosa-Schluß)

 


(*f1) Der Bericht von Kokalikas Verleumdung der beiden Hauptjünger, von seiner Erkrankung und von seinem Tode ist verbürgt; er findet sich auch im Vinaya und im Samyutta-Nikāya 6.10.


 

Auch der Schluß-Satz zu II, 11 Rāhula, demzufolge der Buddha seinen Sohn Rāhula mit diesen Versen häufig ermahnte, ist sicher eine echte Reminiszenz (Rückerinnerung).

 

III. Die Prosa-Rahmenstücke in I, 10 Ālavaka und II, 5 Suciloma deuten auf das Dämonen-Samyutta, wo sich tatsächlich diese beiden Texte wiederfinden (Samyutta-Nikāya 10, 3 und 10, 12; Geiger I, 324 und 336). Die Verse in beiden Sutten gehören zum Typ jener Kurz-Fragen, wie sie für die beiden ersten gruppierten Sutten-Kapitel des Samyutta-Nikāya (Samy. Nr. I und 2) charakteristisch sind. Solche Kurz-Fragen sind auch in den schönen Dämonen-Dialog Hemavata (Sn I, 9) eingefügt. Alle diese Kurz-Fragen befassen sich mit durchaus menschlichen Problemen. Die Einführung von Dämonen oder Gottheiten als Fragesteller erscheint somit als ein literarisches Schema, das aber recht wohl alten Ursprungs sein mag.

 

IV. Ein unvollständiger Prosa-Text (mit fehlendem Schluß) findet sich in den beiden inhaltlich zusammengehörenden Sutten I, 6 Untergang und II, 4 Heil. Auch hier werden Gottheiten als Fragende eingeführt.

 

Den Mönchen des Konzils wird in Buddhaghosas Kommentar ausdrücklich zugeschrieben: die Zuteilung der Verse an die Gesprächspartner, mit Worten wie "So sprach Sabhiya" (iti Sabhiyo) oder mit Sätzen wie: "Darauf redete der junge Brahmane Magha den Erhabenen mit diesem Verse an".

 

Vers-Rahmenstücke - Dem Kommentar zufolge sind ferner Zutat des Konzils: Verszeilen, die den Sprecher bezeichnen, wie z.B. 355 d, 401 c/d, 429 b; erzählende Verse, die eine Verbindung schaffen oder den Abschluß bilden, wie z.B. 30, 449. Dem Ehrwürdigen Ananda werden zugeschrieben: die Einleitungs-Verse zur Nālaka-Sutte (679-698) und zum Pārāyana-Vagga (976-1031). Der Passus beginnend mit dem Prosastücks vor Vers 1124 bis Vers 1130 stammt gleichfalls von den Redaktoren des Konzils.

 

Die Einleitungs-Verse zum Pārāyana-Vagga werden wohl im Cūla-Niddesa unkommentiert gelassen; sie sind aber in ihrem vollen Wortlaut in der siamesischen Ausgabe des Cūla-Niddesa enthalten, gehören also offenbar zum traditionellen Niddesa-Text. Der vorerwähnte Passus-Vers 1124 (mit vorangehender Prosa) bis Vers 1130 wird im Cūla-Niddesa vollständig kommentiert. Dieses Prosastücke mit den seinen Inhalt teils variierenden, teils wörtlich wiederholenden Versen mutet wie ein kommentarieller Abschluß des Hauptteils des Pārāyana an. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, daß diese Verse keinen Übergang zu dem in den Versen 1131-1149 fortgesetzten Bericht enthalten. Der Beginn dieser Verse: "Den 'Weg zum Anderen Ufer' will ich nacherzählen" läßt sie als einen neu anhebenden Schlußteil des Pārāyana erscheinen. Eine Einleitung hierzu, welche die Rückkehr Pingiyas zu Bāvari berichtet, ist vielleicht verloren gegangen. Die Lücken, welche die Erzählung auch an anderen Stellen aufweist, werden lediglich im Kommentar ausgefüllt. Gleichzeitig mit den 16 Hauptstücken des Buches muß notwendig irgendein Vers- oder Prosa-Rahmen (und vielleicht auch einzelne verbindende Zwischenstücke) bestanden haben, der uns nicht mehr vollständig erhalten ist. Wir sind hier lediglich auf den Kommentar angewiesen, der aber den Inhalt sicher zuverlässig überliefert. In Vers 1116 sagt Mogharājā, daß er bereits zweimal vorher seine Frage an den Buddha gerichtet habe. Ohne eine frühere ausdrückliche Erwähnung dieser Tatsache wäre dieser Hinweis im kanonischen Text sicher unterblieben (vgl. Anmerkung zu Vers 1116).

 

Der Kommentar zu Anguttara-Nikāya VII, 50 (s. S. 18) bemerkt, daß Nandamātā "das 250 Verse enthaltende Pārāyana-Sutta mit wohllautender Stimme vortrug" (addhateyyagāthāparimānam pārāyanasuttam). Da der uns vorliegende Text nur 174 Verse hat, verstärkt dies die Wahrscheinlichkeit eines Textverlustes, der sich aber wohl nur auf den erzählenden Rahmen erstreckt.

 

Chalmers hält aus metrischen Gründen auch die einleitenden Verse 955-962 zum Sāriputta-Sutta, welche die Fragen dieses großen Jüngers enthalten, für einen von den Herausgebern hinzugefügten Prolog. Er berücksichtigt dabei aber nicht, daß die folgenden Antwort-Verse des Buddha an den Wortlaut der vorhergehenden Fragen anknüpfen. Sie sind auch deutlich als Antwort auf eine Frage gedacht, wie Vers 963 d zeigt. Wenn wir freilich die Erklärung des Kommentars übernehmen, daß sich die Worte in Vers 955 "vom Tusita gekommen als ein Lehrer" auf die nach der Überlieferung im Tūsita-Himmel erfolgte Darlegung des Abhidhamma beziehen sollen, dann möchten freilich auch wir diese Einleitungs-Verse für eine spätere Zutat halten. Denn diese Tradition hat sich sicherlich erst spät gebildet, nachdem die Hauptwerke des Abhidhamma bereits vorlagen. Wir halten es jedoch für wahrscheinlicher, daß sich der Hinweis auf den Tūsita-Himmel auf den vorgeburtlichen Aufenthalt des Buddha bezieht.


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