Theragatha - L.1091-1145

Theragāthā (Vers 1091-1145)

(von KE Neumann)

Fünfziger-Bruchstück - 19. Paññāsanipāto

 

Tālaputo

1091

WANN werd' ich nur in stillen Bergesgrüften

Allein verweilen, einsam, ohne Zweiten,

Vergänglich alle Artung hier erkennen?

Wird mir's gelingen, wann, o wann beschieden sein?

1092

Wann werd' ich doch im bunt geflickten Fetzenwams,

Im fahlen Kittel, selbstverloren, ohne Sucht,

Der Gier erloschen wie dem Haß und Wahne,

Als Weiser glücklich leben an der Alpe Hang?

1093

Wann werd' als unstet sterbesieches Machwerk

Den Körper da, der täglich mürber, morscher wird

Zum Todesfall, von Furcht erlöst, allein im Forst,

Durchschauen ich? Wann wird mir das beschieden sein?

1094

Wann werd' ich, ach, die Zittern schafft und Leiden zeugt,

Liane Lebenslust, die dahin, dorthin treibt,

Mit blankem Schwerte, scharf gewetzt von Weisheit mir,

Durchschneiden? Ach, wann wird mir das beschieden sein?

1095

Wann werd' ich doch mit glühend heißem Weisheitstrahl,

Der Helden rascher Wehr und Waffe,

Den Tod mit seinen Scharen rasch zertreffen

Als Löwe thronend? Wird mir das beschieden sein?

1096

Wann werd' ich je mit edlen Gleichgesinnten,

Mit ernstergriffnen Jüngern einig weiterziehn,

Ein Führer der Gefestigten, Erfahrnen

Zum Heile hin? Wann wird mir das beschieden sein?

1097

Wann werden Hunger, Durst und matte Müde,

Und Wind und Wetter, Mücken, Wespen, Schlangen,

Hier auf der Bergeshalde nicht mehr mindern mir

Die Seligkeit? Wann wird mir das beschieden sein?

1098

Wann werd' ich was der Meisterherr entdeckt sich hat,

Vierfache Wahrheit, die gar tief geborgen ist,

Geheilt im Herzen klaren Geistes schauen

Mit weisem Auge? Wird mir das beschieden sein?

1099

Wann werd' ich die Unendlichkeit des Sehens,

Des Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens, Denkens

Als Flammenglut erkennen, wohl gewitzigt,

Erloschnen ebenbürtig? Wann wird das sein?

1100

Wann werd' ich da, verhöhnt mit herbem Tadel,

Aus solchem Grunde nimmermehr mich grämen:

Gepriesen aber dann, aus solchem Grunde

Kein Frohgefühl empfinden, wann wird das sein?

1101

Wann werd' ich dieses dürre Rankenreisig,

Das Reich der Sinne, grenzenlos unendlich,

Das innre Dasein, wahrlich, wie die äußre Welt,

Zu gleichen Teilen wägen, wann wird das sein?

1102

Wann wird Gewittersturm im Wolkenherbste

Mit frischem Nasse mir den Mantel wettern durch,

Da tief im Harst ich folge nach der Fährte

Der Heiligen? Wann wird mir das beschieden sein?

1103

Wann werd' ich wohl beim morgendlichen Pfauenruf,

Den mir die Felsengrotte grüßend widertönt,

Erheben mich gestärkt, unsterblichen Gedeihns

Gedenkend schon? Wann wird mir das beschieden sein?

1104

Wann werd' ich Gangā, Yamunā, Sarassatī,

Die Weltenströme mit den wilden Strudeln,

Magiegewaltig überschreiten unversehrt

Und ohne Furcht? Wann wird mir das beschieden sein?

1105

Wann werd' ich, elefantengleich im Kampfe,

Zermalmen meiner Wunschbegier den Willen,

Verjagend jedes Gaukelbild von Schönheit,

Der Schauung treu? Wann wird mir das beschieden sein?

1106

Wann werd' ich wie der arm verlaßne Schuldenmann,

Der einen Schatz entdeckt, von Gläub'gern arg bedrängt,

Frohlocken im Genusse der Genesung dort

Beim Meisterherrn? Wann wird mir das beschieden sein?

1107

Gar viele Jahre, Herz, hast du zu mir gefleht:

'Genug der Häuslichkeit, auf, fliehe fort von hier!'

Da bin ich nun, bin Pilger, bin ein Büßer;

Sag' an, o Herz, warum du mir nicht helfen willst?

1108

Hast du mich, Herz, denn nicht gar oftmals angeregt:

'Am Berge droben nistet bunter Vögel Brut,

Die grüßen krächzend, wann der Donner schmetternd grollt,

Ergetzen dich, weil du im Walde Schauung übst!'

1109

Den Hausgenossen und Verwandten, Freunden selbst,

Der Liebe Glück und frohem Weltgenusse,

Entsagt hab' allem gern ich um Asketenschaft:

Und nimmer bist du, Herz, zufrieden noch mit mir?

1110

So kommt es mich nur an, und nicht die andern:

Wird einer klagen denn, der sich zum Kampfe schickt?

«Dies all ist Wandelwerk!» In solchem Anblick echt

Zog fort von Haus ich, der Erlösung folgend nach.

1111

Der wohl die Dinge wies, Zweifüßer bester Fürst,

Der Menschenherde hochgewalt'ger Meisterherr,

«Das Herz ist unstet», sagt' er, «ist von Affenart,

Und keiner zwingt es, der sich selbst nicht zwingen kann.

1112

«Gar vielfach lockt ja süße Lust als Sinnenfron

Gemeine Menschen blindlings an und ködert sie,

Und Leiden immer küren sie um Lebenslust,

Gehn herzgegängelt eilig gellem Elend zu.»

1113

'Im stillen Haine, wo nur Pfau und Reiher ruft,

Und Panther dir und Tiger nah' sind, weile du,

Lass' fahren feige Todesfurcht und wanke nicht':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1114

'Schaff' reiche Schauung dir, ergreif' die Kräfte du,

Erwach' in Innigkeit, sei ewig aufgeweckt,

Dreifaches Wissen fasse, wie's der Herr gefaßt':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1115

'Gewinn' den Weg dir, der zur Todentrinnung taugt,

Der ausreicht bis zum Ende aller Leidenspein,

Den achtgeteilten, aller Sünde sichres Ziel':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1116

'Als Leid betrachte deinen Leib von Grund aus du,

Verleugne gänzlich was dir Leid entstehen läßt,

Und weil du lebest mach' dem Leid ein Ende':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1117

'«Veränd'rung Leiden ist», sei dessen wohl bewußt,

«Das Leere wesenlos», «Die Schuld das Strafgericht»;

Halt' ein des Geistes flatternden Gedankenflug':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1118

'Geschoren, häßlich, ein verwünschter Bettelgast,

Den Napf im Arme schreite hin von Haus zu Haus,

O folge nach dem Weihgebot des Meisterherrn!':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1119

'Geh' wohlgewahrten Geistes durch die Gassen durch,

Kein Hangen zieh' dich hin zu Herdes Häuslichkeit,

Wie Vollmond heiter haftlos durch die Straße strahlt':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1120

'Der schweift im Walde, sich von Bettelbrocken nährt,

Den Fetzenkittel trägt, im Leichenhofe weilt,

Nur sitzend schläft, ist von Askese stets erquickt':

So hast du mich ja, Herz, gar oftmals angestimmt.

1121

Du hast gesät einst, hast gezeitigt Blüten,

Und nun willst an der Wurzel fällen du den Baum:

Sieh', Herz, wie gut ich dein Beginnen merke,

Da meine Wehmut du zum Wanken bringen willst.

1122

Du körperloser, vielgewandter Wanderkauz,

Will nimmer horchen, hören nicht auf deinen Ruf!

Verleidet ist mir Lust, verbittert und verbost:

Zur Wahnerlöschung wenden will ich einzig mich.

1123

Nicht hab' aus Unglück oder unverschämter Schuld,

Aus Geistesgram so wenig wie aus Körpergram,

Nicht hab' aus Lebensnotdurft ich der Welt entsagt:

Aus freiem Willen, Herz, hab' ich dir froh gehorcht.

1124

'Genugsamkeit gilt edlen Männern Preises wert,

Und Selbstverleugnung als die Ebbung aller Qual':

So hast du damals, Herz, gar oft mich angestimmt,

Nun aber stürmst du hin auf längst verlaßner Spur.

1125

Irrwahn und Lebenslust und Wohl und Wehe,

Der Schönheit Schillern und des süßen Sehnens Sucht:

Verschmäht hab' ich was sanft den Sinnen schmeichelt,

Mich um Verschmähtes mühen ständ' mir übel an.

1126

Geduld'ger Diener war ich dir zu jeder Zeit,

Durch viele Leben hin warst du zufrieden, Herz:

Die Wiederdarstellung verdank' ich dir im Dienst,

Den Irrniswandel langen Leidens, das du schufst.

1127

Du, Herz, allein schaffst uns der Priester Ahnenstamm,

Du machst zum Fürsten und du machst zum König uns,

So werden Bürger wir, so werden Diener wir

Und werden Götter gar durch dein Begehren nur.

1128

Durch deine Fügung folgen wir Dämonen nach,

Dein Same baut uns in der Hölle Wurzeln an,

Durch dich allein gelangen wir in Tieres Schoß,

Auf deiner Spur umspinnt uns das Gespensterreich.

1129

Du wirst mich nun wahrhaftig nimmer trügen mehr,

Als ob du jetzt und jetzt mir gäbst den Siegespreis

Da du mich kirrend, wie man Tolle kirrt, nur lockst:

O sag' mir doch, mein Herz, was ich dir angetan?

1130

Einst stürmte jubelnd dieses wilde Herz dahin,

Wohin sein Wille, seine Lust, sein Glück es trieb:

Von heut' an werd' ich tapfer halten dich zurück,

Gleichwie der Bändiger den Elefanten zwingt.

1131

Der Meister hat mir diese Welt geoffenbart,

Gezeigt als unstet dauerloses Traumgebild:

Reiss' hin mich, Herz, zu des Erlösten Heilgebot,

Durchkreuz' die Strömung dieser großen Strudelbucht!

1132

Nicht mehr wie früher, Herz, sollst meiner spotten du,

Ich bin es satt, daß deiner Willkür Knecht ich sei:

Ein Jünger bin im Orden ich des Meisterherrn,

Und Männer meiner Art verachten arge Macht.

1133

Gebirge, Meere, Flüsse, flaches Landgebiet,

Ost, Süd, West, Nord, und Oben, Unten, Kreuz und Quer:

Veränderlich ist alles, todeswund die Welt!

Wo willst du, banges Herz, dich bergen, glücklich sein?

1134

O schäm' dich, Herz, was kannst du ferner schaden mir?

Du bist der Herrscher nicht, dem ich gehorchen muß.

Geblähtes Vipermaul faßt keiner blindlings an:

O Fluch der Leiblichkeit, die voll von Giften strotzt!

1135

Auf steiler Bergeshöh', im stillen Wiesental,

Wo sich der Eber tummelt, die Gazelle grast,

Im Dickicht, das von frischen Regenschauern tropft,

Da geh' zur sichern Höhle hin und sei beglückt!

1136

Die blau behalsten, schön beschopften Vögel dort,

Die hoch im Himmel schimmernd schweben, bunt beschwingt,

Und lustig krächzend kreisen wann der Donner dröhnt,

Erheitern dich, weil du im Walde Schauung übst.

1137

Wenn Regen rieseln auf die junge Rasenflur,

Und Wälder duftend blühen, flaumig, wolkenblaß,

Will ich in Felsen wurzeln wie der Feigenbaum,

Und sanft und sammetweich werd' ich gebettet sein.

1138

Gebieten will ich nun, gebieten als der Herr:

Genügen soll mir nur was man als Gabe gibt.

Gleichwie der Gerber gerbt und unermüdlich gerbt,

Will ich dich gerben, Herz, wie gares Katzenfell.

1139

Gebieten will ich nun, gebieten als der Herr:

Genügen soll mir nur was man als Gabe gibt.

Du mußt mir folgen, Herz, gehorchen meiner Kraft,

Wie böser Elefant, der sich dem Bänd'ger beugt.

1140

Denn bist du mir gebeugt, getreulich untertan,

Gleichwie das edle Roß dem Reiter willig dient,

So kann den Weg ich finden hin zur Seligkeit,

Den heil'ge Herzbezwinger stets gewandelt sind.

1141

Am innern Geistespfosten bind' ich, Herz, dich fest,

Wie man am Pfahl den Elefanten fest versträngt:

So wirst du wohlbewacht, der Einsicht Eigen sein,

Wirst lediglösen dich von aller Daseinsart.

1142

Durchschiffe weise dieses Meer der Missetat,

Entsteure stark und kühn dem Strom der Wiederkehr:

Kennst du Beginn, Gehalt, Zusammenhang der Welt,

Wirst Erbe sein des Herrn, der uns das Beste wies.

1143

Vierfach im Widerspruche willst du dies und das,

Wie man das Vieh treibt, treibst du, Herz, mich hin und her:

Hab' ich denn nicht die Daseinsketten durchgefeilt,

Zu folgen meinem mitleidvollen Meisterherrn?

1144

Wer deiner Willkür und Gewalt sich unterwirft,

Den Wollustfreuden frönend dient, als Mann, als Weib:

Die Wahnverwirrten, tanzend nach des Todes Takt,

Sind, daseinstrunken, deine Sklaventruppe, Herz.

1145

Gleichwie die Gemse froh durchs bunte Waldgebirg.

Im Wolkenkranz empor zum heitern Gipfel klimmt,

Wirst du der weltentrückten Riffe selig sein,

Wirst sicher dir das Siegesheil gewinnen, Herz!