Vinaya-Piṭaka II

CULLAVAGGA

Die kleine Gruppe aus der Sammlung der buddhistischen Ordensregeln

XI. Fünfhundert

1. Der Grund des Konziles

437. Da nun sprach der ehrwürdige Mahākassapa[1252] zu den Mönchen: „Einstmals, ihr Brüder, war ich bei einer Gelegenheit von Pāvā nach Kusināra auf der Straße mit einer großen Mönchsschar von fünfhundert Mönchen unterwegs. Da verließ ich die Straße, ihr Brüder, und setzte mich an den Fuß eines gewissen Baumes.

Zu dieser Zeit war auch ein gewisser Ājīvaka-Asket nach Pāvā auf der Straße unterwegs, der in Kusināra vom Korallen-Baum[1253] eine Blüte gepflückt hatte. Da nun, ihr Brüder, sah ich diesen Ājīvaka-Asketen, wie er aus der Ferne herankam. Als ich ihn gesehen hatte, sprach ich zu ihm: ‘Freund, kennst du unse­ren Lehrer?’ – ‘Ja Freund, den kenne ich. Heute ist es eine Woche her, dass der Asket Gotama ins Parinibbāna einging. Eben deshalb konnte ich vom Korallen­baum eine Blüte pflücken.’ Da nun, ihr Brüder, erhoben Mönche, die nicht leiden­schaftslos waren, die Arme hoch und klagten, [andere] fielen ihrer Hoffnung beraubt um, drehten sich wirr im Kreise [mit den Worten]: ‘Zu früh ist der Erha­bene erloschen, zu früh ging der Vollendete ins Parinibbāna ein, zu früh ist das Auge der Welt verschwunden.’ Aber jene Mönche, die leidenschaftslos waren, die achtsam waren, die klar bewusst waren, die sagten [nur]: ‘Vergänglich ist alles Gestaltete. Wie sollte es [auch] anders sein?’

Da aber nun, ihr Brüder, sprach ich zu diesen Mönchen: ‘Genug, Brüder, bekümmert euch nicht, jammert nicht! Hat nicht der Erhabene, ihr Brüder, schon früher erklärt: ›Bei allem, was lieb und teuer ist, ist Verschiedenheit, Trennung und Veränderung. Daher, ihr Brüder, wie sollte es dann möglich sein, dass Dinge, die geboren, geworden, gestaltet sind, sich nicht auflösen? Auch wenn man wünschte, dass es sich nicht auflösen möge, so eine Situation gibt es nicht.‹’

Zu jener Zeit nun, ihr Brüder, da saß einer in der Versammlung, der Subhadda[1254] genannt wurde, der erst in fortgeschrittenem Alter in die Hauslosig­keit gezogen war. Da nun, ihr Brüder, sprach Subhadda, der als Alter ordiniert wurde, zu den Mönchen: ‘Genug, Brüder, bekümmert euch nicht, jammert nicht! Wir sind [nun] vom Großen Asketen befreit. Von ihm waren wir belästigt: ›Dies ist erlaubt. Dies ist nicht erlaubt.‹ Aber von nun an können wir tun, was wir wollen, und was wir nicht wollen, das tun wir nicht.’ Lasst uns, ihr Brüder, die Lehre und die Ordenssatzung kanonisieren[1255] bevor das erstrahlt, was nicht die Lehre ist und die Lehre außen vorbleibt; bevor das erstrahlt, was nicht die Ordenssatzung ist und die Ordenssatzung außen vorbleibt; bevor die Anhänger dessen, was nicht die Lehre ist, erstarkt sind und die Vertreter der Lehre schwächer sind; bevor die Anhänger dessen, was nicht die Ordenssatzung ist, erstarkt sind und die Vertreter der Ordenssatzung schwächer sind.“

„Nun denn, hoher Herr, dann mag der Ordensältere die Mönche [dafür] auswählen.“ Da nun wählte der ehrwürdige Mahākassapa einen Heiligen [Mönch] weniger als fünfhundert aus. Die Mönche sprachen zum ehrwürdigen Mahā­kassapa: „Obwohl der ehrwürdige Ānanda, Herr, noch ein Übender[1256] ist, folgt er doch keinen Weg des Begehrens, der Aversion, der Verblendung und der Furcht. Von der Lehre und der Ordenssatzung hat er vielerlei und mancherlei in Gegen­wart des Erhabenen gehört. Nun Herr, mag der Ordensältere den ehrwürdigen Ānanda auch auswählen.“ Da nun wählte der ehrwürdige Mahākassapa auch den ehrwürdigen Ānanda aus.[1257]

Dann kam bei den Ordensälteren die Frage auf: „Wo aber sollten wir nun die Lehre und Ordenssatzung rezitieren?“ Da aber kam ihnen [diese Idee] auf: „In Rājagaha, da gibt es viele Möglichkeiten der Versorgung und Unterkünfte sind reichlich vorhanden.[1258] Was, wenn wir nun dort die Regenzeit zubringen würden und die Lehre und Ordenssatzung kanonisieren würden? Keine anderen Mönche sollen [zu dieser Zeit] in Rājagaha die Regenzeit verbringen.“

Dann verkündete der ehrwürdige Mahākassapa im Orden:

438. „Hört mich an, Brüder, Orden! Wenn es dem Orden recht ist, mag sich der Orden auf diese fünfhundert Mönche einigen, auf dass diese in Rājagaha die Regenzeit verbringen und [dort] die Lehre und Ordenssatzung kanonisieren. Auch soll kein anderer Mönch in Rājagaha die Regenzeit verbringen.“ Das war die Ankündigung.

„Hört mich an, Brüder, Orden! Diese fünfhundert dazu bestimmten Mön­che sollen in Rājagaha die Regenzeit verbringen und [dort] die Lehre und Ordens­satzung kanonisieren und kein anderer Mönch soll in Rājagaha die Regenzeit verbringen. Wenn die Ehrwürdigen dulden, dass diese fünfhundert dazu bestimm­ten Mönche in Rājagaha die Regenzeit verbringen und [dort] die Lehre und Ordenssatzung kanonisieren, und dass kein anderer Mönch in Rājagaha die Regen­zeit verbringen soll, dann schweigt. Wer es nicht duldet, der spreche.“

„Geeinigt hat sich der Orden darauf, dass die dazu bestimmten fünfhundert Mönche in Rājagaha die Regenzeit verbringen und [dort] die Lehre und die Ordenssatzung kanonisieren und dass kein anderer Mönch in Rājagaha die Regen­zeit verbringen soll. Der Orden duldet es, daher das Schweigen, so nehme ich es an.“

Dann gingen also die ordensälteren Mönche nach Rājagaha, um dort die Lehre und Ordenssatzung zu kanonisieren.[1259] Da nun kam den Ordensälteren die Überlegung: „Der Erhabene, ihr Brüder, hat das Reparieren von zerbrochenen und zerfallenen Gegenständen gepriesen. Also los, Brüder, lasst uns im ersten Monat die kaputten Dinge reparieren; im mittleren Monat versammeln wir uns und kano­nisieren die Lehre und Ordenssatzung.“[1260]

Dann haben die Ordensälteren also im ersten Monat das, was kaputt war instandgesetzt.[1261] Da nun dachte der ehrwürdige Ānanda bei sich: ‘Morgen ist die Zusammenkunft und es ist nicht in Ordnung für mich, dass ich nur als ein Übender zu dieser Versammlung gehen soll.’ Als die meiste Zeit der Nacht vorüber war, die er mit Achtsamkeit auf den Körper verbracht hatte, kurz vor Tagesanbruch, da dachte er: ‘Jetzt will ich mich hinlegen.’ und neigte den Körper. Aber noch bevor der Kopf das Polster berührte und die Füße vom Boden erhoben waren, in diesem Moment wurde sein Geist restlos von den Einflüssen frei.[1262]

439. Da nun ging der ehrwürdige Ānanda als ein Heiliger zur Versammlung. Dann kündigte der ehrwürdige Mahākassapa dem Orden an:[1263]

„Hört mich an, Brüder, Orden! Wenn es dem Orden recht ist, werde ich den Upāli zur Ordenssatzung befragen.“ Der ehrwürdige Upāli kündigte dem Orden an:

„Hört mich an, Brüder, Orden! Wenn es dem Orden recht ist, werde ich auf die vom ehrwürdigen Mahākassapa gestellten Fragen zur Ordenssatzung antwor­ten.“

Dann sprach der ehrwürdige Mahākassapa zum ehrwürdigen Upāli: „Das erste Pārājika, Bruder Upāli, wo geschah das?“ – „In Vesāli, Herr.“ – „Wer hat es begangen?“ – „Sudinna, der Sohn Kalandas[1264], hat es begangen.“ – „Was ist vorgefallen?“ – „Es wurde Geschlechtsverkehr ausgeübt.“[1265] So nun befragte der ehrwürdige Mahākassapa den ehrwürdigen Upāli bezüglich des ersten Pārājika-Falles, fragte nach der Ursache, fragte nach der Person, fragte nach dem, was erlassen wurde, fragte, was danach erlassen wurde[1266], fragte nach dem, was ein Vergehen war und fragte nach dem, was kein Vergehen war.

„Das zweite Pārājika, Bruder Upāli, wo geschah das?“ – „In Rājagaha, Herr.“ – „Wer hat es begangen?“ – „Dhaniya, der Sohn des Töpfers hat es began­gen.“ – „Was ist vorgefallen?“ – „Nichtgegebenes wurde genommen.“[1267] So nun befragte der ehrwürdige Mahākassapa den ehrwürdigen Upāli bezüglich des zwei­ten Pārājika-Falles, fragte nach der Ursache, fragte nach der Person, fragte nach dem, was erlassen wurde, fragte, was danach erlassen wurde, fragte nach dem, was ein Vergehen war und fragte nach dem, was kein Vergehen war.[1268]

„Das dritte Pārājika, Bruder Upāli, wo geschah das?“ – „In Vesāli, Herr.“ – „Wer hat es begangen?“ – „Zahlreiche Mönche haben es begangen.“ – „Was ist vorgefallen?“ – „Menschen[-leben] wurden genommen.“ So nun befragte der ehr­würdige Mahākassapa den ehrwürdigen Upāli bezüglich des dritten Pārājika-Falles, fragte nach der Ursache, fragte nach der Person, fragte nach dem, was erlas­sen wurde, fragte, was danach erlassen wurde, fragte nach dem, was ein Vergehen war und fragte nach dem, was kein Vergehen war.

„Das vierte Pārājika, Bruder Upāli, wo geschah das?“ – „In Vesāli, Herr.“ – „Wer hat es begangen?“ – „Die Mönche vom Ufer der Vaggumudā haben es begangen.“ – „Was ist vorgefallen?“ – „Es ging um übernatürliche Erreichungen.“ So nun befragte der ehrwürdige Mahākassapa den ehrwürdigen Upāli bezüglich des vierten Pārājika-Falles, fragte nach der Ursache, fragte nach der Person, fragte nach dem, was erlassen wurde, fragte, was danach erlassen wurde, fragte nach dem, was ein Vergehen war und fragte nach dem, was kein Vergehen war. Auf dieselbe Weise befragte er ihn bezüglich beider Einteilungen[1269]. Und Frage für Frage wurde vom ehrwürdigen Upāli beantwortet.

440. Dann kündigte der ehrwürdige Mahākassapa dem Orden an:

„Hört mich an, Brüder, Orden! Wenn es dem Orden recht ist, werde ich den Ānanda zur Lehre befragen.“ Der ehrwürdige Ānanda kündigte dem Orden an:

„Hört mich an, Brüder, Orden! Wenn es dem Orden recht ist, werde ich auf die vom ehrwürdigen Mahākassapa gestellten Fragen zur Lehre antworten.“

Dann sprach der ehrwürdige Mahākassapa zum ehrwürdigen Ānanda: „Das Brahmajāla[-Sutta][1270], Bruder Ānanda, wo wurde das gesprochen?“ – „Zwischen Rājagaha und Nālanda, Herr, im Rasthaus des Fürsten im Ambalaṭṭhika[1271].“ – „Wer war dabei?“ – „Die Wanderasketen Suppiya und der junge Brahmadatta.“[1272] So nun befragte der ehrwürdige Mahākassapa den ehrwürdigen Ānanda nach dem Ursprung des Brahmajāla[-Sutta] und fragte nach den Personen.

„Das Sāmaññaphala[-Sutta], Bruder Ānanda, wo wurde das gesprochen?“ – „In Rājagaha, Herr, im Mangopark des Jīvaka.“ – „Mit wem?“ – „Mit Ajātasattu, dem Sohn der Vedehi.“ So nun befragte der ehrwürdige Mahākassapa den ehrwür­digen Ānanda nach dem Ursprung des Sāmaññaphala[-Sutta] und fragte nach den Personen. Auf dieselbe Weise befragte er ihn bezüglich der fünf Abteilungen[1273]. Und Frage für Frage wurde vom ehrwürdigen Ānanda beantwortet.

2. Die kleinen und die kleinsten Übungsregeln

441. Dann sprach der ehrwürdige Ānanda zu den Mönchen, die Ordensältere waren: „Der Erhabene sagte mir, als für ihn die Zeit kam, ins vollständige Erlö­schen einzutreten: ‘Wenn, Ānanda, der Orden mag, dann kann er nach meinem Abscheiden die kleinen und kleinsten Übungsregeln abschaffen.’“ – „Hast du, Bruder Ānanda, den Erhabenen gefragt: ‘Welche, o Herr, sind die kleinen und kleinsten Übungsregeln?’“ – „Nein, ihr Herren, ich habe den Erhabenen nicht gefragt: ‘Welche, o Herr, sind die kleinen und kleinsten Übungsregeln?’“ Einige Ordensältere sagten: „Außer den vier Ausschluss[-Vergehen] sind alle anderen kleine und kleinste Übungsregeln.“ – Einige Ordensältere sagten: „Außer den vier Ausschluss[-Vergehen] und den dreizehn [Vergehen] die ein anfängliches und nachfolgendes Zusammentreten des Ordens erforderlich machen sind alle anderen kleine und kleinste Übungsregeln.“ Einige Ordensältere sagten: „Außer den vier Ausschluss[-Vergehen], den dreizehn [Vergehen] die ein anfängliches und nach­folgendes Zusammentreten des Ordens erforderlich machen und den zwei unbe­stimmten [Vergehen] sind alle anderen kleine und kleinste Übungsregeln.“ Einige Ordensältere sagten: „Außer den vier Ausschluss[-Vergehen], den dreizehn [Ver­gehen] die ein anfängliches und nachfolgendes Zusammentreten des Ordens erfor­derlich machen, den zwei unbestimmten [Vergehen] und den dreißig [Vergehen der] Aushändigung und Sühne sind alle anderen kleine und kleinste Übungs­regeln.“ Einige Ordensältere sagten: „Außer den vier Ausschluss[-Vergehen], den dreizehn [Vergehen] die ein anfängliches und nachfolgendes Zusammentreten des Ordens erforderlich machen, den zwei unbestimmten [Vergehen], den dreißig [Vergehen der] Aushändigung und Sühne und den zweiundneunzig zu sühnenden [Vergehen] sind alle anderen kleine und kleinste Übungsregeln.“ Einige Ordens­ältere sagten: „Außer den vier (8) Ausschluss[-Vergehen], den dreizehn (17) [Vergehen] die ein anfängliches und nachfolgendes Zusammentreten des Ordens erforderlich machen, den zwei (0) unbestimmten [Vergehen], den dreißig (30) [Vergehen der] Aushändigung und Abbitte, den zweiundneunzig (166) Abbitte zu leistenden [Vergehen] und den vier (8) auf b­stimmte Weise zu gestehende [Vergehen] sind alle anderen kleine und kleinste Übungsregeln.“[1274]

442. Da nun wandte sich der ehrwürdige Mahākassapa an den Orden:

„Hört mich an, Brüder, Orden! Da gibt es Vorschriften für uns, die bezie­hen sich auf Hausleute. Die Hausleute wissen: ‘Das ist sicherlich erlaubt für diese Asketen, die Sakyasöhne sind, und dies ist nicht erlaubt [für sie].’ Wenn wir nun die kleinen und kleinsten Übungsregeln abschaffen, dann könnten sie sagen: ‘Vom Asketen Gotama wurde [bis] zur Zeit seiner Einäscherung für seine Nachfolger eine Übungsregel erlassen. Während deren Lehrer unter ihnen weilte, haben sie die Übungsregeln befolgt. Aber seit deren Lehrer erloschen ist, da befolgen sie nun nicht [mehr] die Übungsregeln.’ Wenn es dem Orden recht ist, dann mag der Orden jetzt nicht erlassen, was [bislang] nicht erlassen wurde, noch mag er ab­schaffen, was erlassen wurde. Es soll alles in Übereinstimmung sein und bleiben mit dem, was als Übungsregeln erlassen worden ist.“[1275] Das war die Ankündi­gung.

„Hört mich an, Brüder, Orden! Da gibt es Vorschriften für uns, die bezie­hen sich auf Hausleute. Die Hausleute wissen: ‘Das ist sicherlich erlaubt für diese Asketen, die Sakyasöhne sind, und dies ist nicht erlaubt [für sie].’ Wenn wir nun die kleinen und kleinsten Übungsregeln abschaffen, dann könnten sie sagen: ‘Vom Asketen Gotama wurde [bis] zur Zeit seiner Einäscherung für seine Nachfolger eine Übungsregel erlassen. Während deren Lehrer unter ihnen weilte, haben sie die Übungsregeln befolgt. Aber seit deren Lehrer erloschen ist, da befolgen sie nun nicht [mehr] die Übungsregeln.’ Wenn es dem Orden recht ist, dann mag der Orden jetzt nicht erlassen, was [bislang] nicht erlassen wurde, noch mag er ab­schaffen, was erlassen wurde. Es soll alles in Übereinstimmung sein und bleiben mit dem, was als Übungsregeln erlassen worden ist. Wenn die Ehrwürdigen dul­den, dass nicht Erlassenes nicht erlassen werde, dass Erlassenes nicht abgeschafft werde, dass alles in Übereinstimmung sein und bleiben soll mit dem, was als Übungsregeln erlassen worden ist, dann schweigt. Wer es nicht duldet, der spreche.“[1276]

„Der Orden erlässt nicht, was nicht erlassen ist, was erlassen ist, schafft er nicht ab, mit dem was als Übungsregeln erlassen worden ist, soll alles in Über­einstimmung sein und bleiben. Der Orden duldet es, daher das Schweigen. So nehme ich es an.“

443. Da nun sprachen die ordensälteren Mönche zum ehrwürdigen Ānanda: „Das, Bruder Ānanda, ist ein Dukkaṭa[-Vergehen], dass du [damals] den Erhabenen nicht gefragt hast: ‘Welche, o Herr, sind die kleinen und kleinsten Übungsregeln?’ Sieh dieses Dukkaṭa[-Vergehen] ein.“ – „Unachtsam, ihr Herren, war ich da, dass ich den Erhabenen nicht fragte: ‘Welche, o Herr, sind die kleinen und kleinsten Übungsregeln?’ Ein Dukkaṭa[-Vergehen] ist von mir nicht [ein-]zusehen[1277], aber aus Vertrauen zu den Ehrwürdigen gestehe ich dies als Dukkaṭa[-Vergehen].“ – „Außerdem, Bruder Ānanda, ist es ein Dukkaṭa[-Vergehen], dass du die Regen­zeit-Robe des Erhabenen genäht hast, nachdem du darauf getreten warst. Sieh dieses Dukkaṭa[-Vergehen] ein.“ – „Aber nicht aus Respektlosigkeit, ihr Herren, nähte ich die Regenzeit-Robe des Erhabenen, nachdem ich darauf getreten war. Ein Dukkaṭa[-Vergehen] ist von mir nicht [ein-]zusehen, aber aus Vertrauen zu den Ehrwürdigen gestehe ich dies als Dukkaṭa[-Vergehen].“ – „Außerdem, Bruder Ānanda, ist es ein Dukkaṭa[-Vergehen], dass du die Frauen hast zuerst die Reli­quien des Erhabenen verehren lassen. Und weil sie weinten, wurden die Reliquien von Tränen befleckt. Sieh dieses Dukkaṭa[-Vergehen] ein.“ – „Aber, ihr Herren, ich dachte mir: ‘Lass sie hier nicht zur falschen Zeit sein.’ und ließ dann die Frauen zuerst die Reliquien des Erhabenen verehren. Ein Dukkaṭa[-Vergehen] ist von mir nicht [ein-]zusehen, aber aus Vertrauen zu den Ehrwürdigen gestehe ich dies als Dukkaṭa[-Vergehen].“ – „Außerdem, Bruder Ānanda, ist es ein Dukkaṭa[-Ver­gehen], dass du den Erhabenen, obwohl er ein deutliches Zeichen gab, obwohl es deutlich zu erkennen war, dass du ihn nicht gebeten hast: ‘Möge der Erhabene für dieses Weltzeitalter erhalten bleiben, möge der Vollendete für dieses Weltzeitalter erhalten bleiben, auf dass es für viele Völker zum Vorteil, für viele Völker zum Glück sei, aus Mitgefühl für die Welt, für das Wohlergehen und Glück von Göttern und Menschen.’ Sieh dieses Dukkaṭa[-Vergehen] ein.“ – „Aber, ihr Herren, weil mein Geist von Māra gefesselt war, deshalb habe ich den Erhabenen nicht gebeten: ‘Möge der Erhabene für dieses Weltzeitalter erhalten bleiben, möge der Vollen­dete dieses Weltzeitalter erhalten bleiben, auf dass es für viele Völker zum Vorteil, für viele Völker zum Glück sei, aus Mitgefühl für die Welt, für das Wohlergehen und Glück von Göttern und Menschen.’ Ein Dukkaṭa[-Vergehen] ist von mir nicht [ein-]zusehen, aber aus Vertrauen zu den Ehrwürdigen gestehe ich dies als Dukka­ṭa[-Vergehen].“ – „Außerdem, Bruder Ānanda, ist es ein Dukkaṭa[-Vergehen], dass du Anstrengungen unternommen hast, dass Frauen in der vom Vollendeten dargelegten Lehre und Ordenssatzung in die Hauslosigkeit ziehen. Sieh dieses Dukkaṭa[-Vergehen] ein.“ – „Aber, ihr Herren, ich habe diese Anstrengung ge­macht, weil Mahāpajāpati Gotamī die Tante des Erhabenen war, seine Pflege­mutter, seine Amme, seine Milchgeberin, und als die Mutter des Erhabenen ver­starb, da stillte sie ihn. Ich dachte mir: ‘Gut wäre es, o Herr, könnten auch die Frauen in der vom Vollendeten verkündeten Lehre und Ordenssatzung vom Haus in die Hauslosigkeit ziehen und die Ordination erlangen.’ Ein Dukkaṭa[-Vergehen] ist von mir nicht [ein-]zusehen, aber aus Vertrauen zu den Ehrwürdigen gestehe ich dies als Dukkaṭa[-Vergehen].“[1278]

444. Zu jener Zeit nun, da war der ehrwürdige Purāṇa zusammen mit einer großen Mönchsschar von fünfhundert Mönchen in Dakkhiṇāgiri[1279] unterwegs. Als nun der ehrwürdige Purāṇa so lange in Dakkhiṇāgiri geweilt hatte, wie es ihm gefiel, ging er nach Rājagaha zum Eichhörnchenfutterplatz im Bambuspark, gerade als die Ordensälteren die Lehre und Ordenssatzung kanonisiert hatten. Zu diesen Mönchen, die Ordensältere waren ging er, und bei ihnen angekommen, tauschte er freundliche Worte mit ihnen aus und setzte sich seitwärts nieder. Zum seitwärts sitzenden ehrwürdigen Purāṇa sprachen die Mönche, die Ordensältere waren: „Die Ordensälteren, Bruder Purāṇa, haben die Lehre und Ordenssatzung kanonisiert. Stimme diesem Kanon zu.“ – „Gut haben die Ordensälteren die Lehre und Ordens­satzung kanonisiert. Aber so wie ich es in Gegenwart des Erhabenen vernommen habe, im Angesicht des Erhabenen empfangen habe, so will ich es bewahren.“[1280]

3. Die Höchststrafe

445. Da nun sprach der ehrwürdige Ānanda zu den ordensälteren Mönchen: „Der Erhabene, ihr Herren, sprach zu mir in der Zeit, als er in das vollständige Erlöschen eintrat: ‘Nun denn Ānanda, lass den Orden, nach meinem Erlöschen gegen den Mönch Channa die Höchststrafe[1281] verhängen.’“ – „Hast du, Bruder Ānanda, den Erhabenen gefragt: ‘Was aber, o Herr, ist die Höchststrafe?’“ – „Nun, ihr Herren, ich fragte den Erhabenen: ‘Was aber, o Herr, ist die Höchststrafe?’ [Er antwortete:] ‘Der Mönch Channa, Ānanda, der mag sagen, was auch immer er will. Die Mön­che sollen den Mönch Channa weder ansprechen noch ermahnen, noch belehren.’“ – „Nun denn, Bruder Ānanda, dann magst du selber dem Mönch Channa die Höchststrafe verkünden.“ – „Aber wie soll ich, ihr Herren, dem Mönch Channa die Höchststrafe verkünden? Dieser Mönch ist rau und ungestüm.“ – „Dann, Bruder Ānanda, geh mit zahlreichen Mönchen zusammen.“ – „So sei es, ihr Herren.“ antwortete der ehrwürdige Ānanda den ordensälteren Mönchen und zusammen mit einer großen Mönchsschar von fünfhundert Mönchen brach er auf und fuhr mit einem Boot stromauf nach Kosambi, wo er anlandete und sich nicht weit von Fürst Udenas Lustgarten an den Fuß eines gewissen Baumes hinsetzte. Zu dieser Zeit vergnügte sich der Fürst Udena in seinem Lustgarten mit seinen Haremsdamen. Die Haremsdamen des Fürsten hörten: ‘Man sagt, unser Lehrer, der Meister Ānanda, sitzt am Fuße eines gewissen Baumes unweit des Lust­gartens.’ Da nun sprachen die Haremsdamen des Fürsten zu Fürst Udena: „Man sagt, o Göttlicher, dass sich unser Lehrer, der Meister Ānanda, unweit des Lust­gartens am Fuße eines gewissen Baumes niedergelassen hat. Wir wünschen, o Göttlicher, den Meister Ānanda zu sehen.“ – „Wenn das so ist, dann möget ihr den Asketen Ānanda sehen.“

Da nun gingen die Haremsdamen des Fürsten Udena zum ehrwürdigen Ānanda, bei ihm angekommen, verehrten sie ihn und setzten sich an einer Seite nieder. Die seitwärts sitzenden Haremsdamen des Fürsten Udena veranlasste der ehrwürdige Ānanda durch eine Lehrrede zu verstehen, aufzufassen, davon moti­viert zu sein und sich daran zu erfreuen. Nachdem die Haremsdamen des Fürsten Udena die Lehrrede des ehrwürdigen Ānanda verstanden und aufgefasst hatten, davon motiviert waren und sich daran erfreuten, überreichten sie dem ehrwürdigen Ānanda fünfhundert Roben. Nachdem nun die Haremsdamen des Fürsten Udena über die Lehrrede des ehrwürdigen Ānanda erfreut waren, dankten sie ihm, erho­ben sich von ihren Sitzen, verehrten den ehrwürdigen Ānanda, umschritten ihn rechts herum und gingen zum Fürsten Udena. Der Fürst Udena sah die Harems­damen aus der Ferne herankommen. Nachdem er sie gesehen hatte, sprach er zu ihnen: „Und? Habt ihr den Asketen Ānanda gesehen?“ – „Wir haben ihn gesehen, o Göttlicher, den Meister Ānanda.“ – „Aber habt ihr dem Asketen Ānanda auch etwas gespendet?“ – „Wir haben dem Meister Ānanda etwas gespendet, o Gött­licher, und zwar fünfhundert Roben.“ Da wurde der Fürst Udena ärgerlich, unruhig und regte sich auf: „Wie kann bloß dieser Asket Ānanda so viele Roben anneh­men! Will der Asket Ānanda Tuchhändler werden oder sie in einem Laden zum Verkauf anbieten?“[1282]

Da nun ging Fürst Udena zum ehrwürdigen Ānanda und bei ihm angekom­men, tauschte er mit ihm freundliche Worte aus.[1283] Und nachdem sie freundliche Worte ausgetauscht hatten, setzte er sich zur Seite nieder. Seitwärts sitzend sprach der Fürst Udena zum ehrwürdigen Ānanda: „Kamen heute, Herr Ānanda[1284], Unsere Haremsdamen her?“ –„Sie kamen heute her, Großfürst, deine Harems­damen.“ – „Aber haben sie dir, ehrbarer[1285] Ānanda, auch etwas gegeben?“ – „Mir, Großfürst, haben sie fünfhundert Roben gegeben.“ – „Aber was kann der ehr­bare[1286] Ānanda mit diesen vielen Roben machen?“ – „Ich werde sie, Großfürst, mit den Mönchen teilen, deren Roben abgetragen sind.“ – „Aber was, Herr Ānanda, willst du mit den alten abgetragenen Roben machen?“ – „Daraus, Groß­fürst, werden Decken gemacht.“ – „Aber was, Herr Ānanda, willst du mit den alten abgenutzten Decken machen?“ – „Daraus, Großfürst, werden Polsterbezüge gemacht.“ – „Aber was, Herr Ānanda, willst du mit den alten abgenutzten Polster­bezügen machen?“ – „Daraus, Großfürst, werden [Flicken-]Teppiche gemacht.“ – „Aber was, Herr Ānanda, willst du mit den alten abgenutzten [Flicken-]Teppichen machen?“ – „Daraus, Großfürst, werden Fußlappen[1287] gemacht.“ – „Aber was, Herr Ānanda, willst du mit den alten abgenutzten Fußlappen machen?“– „Daraus, Großfürst, werden Staubtücher[1288] gemacht.“ – „Aber was, Herr Ānanda, willst du mit den alten abgenutzten Staubtüchern machen?“ – „Die werden zerstampft, Großfürst, dann mit Schlamm oder Lehm vermengt und als Fußboden[-belag] verschmiert.“

Da nun dachte Fürst Udena bei sich: ‘Diese Asketen, die Sakyasöhne, die nutzen alles ganz ordentlich, nichts wird verschwendet[1289].’ Daraufhin überreichte er dem ehrwürdigen Ānanda weitere fünfhundert Stück Tuch. Das war das erste Mal, dass dem ehrwürdigen Ānanda eintausend Roben als Robenalmosen zuge­kommen sind.

Dann ging der ehrwürdige Ānanda zum Ghosita-Kloster, und nachdem er dort angekommen war, setzte er sich auf einen vorbereiteten Sitz. Da nun ging der ehrwürdige Channa zum ehrwürdigen Ānanda. Bei ihm angekommen, verehrte er den ehrwürdigen Ānanda und setzte sich zur Seite nieder. Zum seitwärts sitzenden ehrwürdigen Channa sprach der ehrwürdige Ānanda: „Durch den Orden ist dir, Bruder Channa, die Höchststrafe auferlegt worden.“

„Aber was, Herr Ānanda, ist die mir auferlegte Höchststrafe?“ – „Du, Bruder Channa, kannst zu den Mönchen sagen was du willst. Die Mönche werden dich weder ansprechen, noch ermahnen, noch belehren.“ – „Aber bin ich dadurch nicht vernichtet, Herr Ānanda, wenn mich die Mönche weder ansprechen, noch ermahnen, noch belehren?“ [sprach der ehrwürdige Channa und] fiel auf der Stelle ohnmächtig um. Als nun der ehrwürdige Channa durch die Höchststrafe derart gepeinigt, beschämt und davon angewidert war, lebte er allein, zurückgezogen, eifrig, unermüdlich und entschlossen. Nach nicht langer Zeit hatte er jenes Ziel des unübertroffenen Reinheitswandels erreicht, wofür Söhne aus guter Familie auf rechte Art vom Haus in die Hauslosigkeit gehen. Und nachdem er die Wahrheit selbst gesehen, diese Erkenntnis selbst erfahren und erlangt hatte, weilte er [in dem Gedanken]: ‘Beseitigt ist [Wieder-]Geburt, vollendet der Reinheitswandel, getan, was zu tun war, nichts mehr nach diesem hier.’ Ein solcher war der ehrwürdige Channa geworden, ein Heiliger. Dann ging der ehrwürdige Channa, nachdem er also die Heiligkeit erreicht hatte, zum ehrwürdigen Ānanda. Bei ihm angekommen sprach er: „Möge mir, Herr Ānanda, die Höchststrafe aufgehoben werden.“[1290] – „In dem Moment, als du, Bruder Channa, die Heiligkeit erreicht hast, da war dir die Höchststrafe aufgehoben.“

Da nun aber rezitierten fünfhundert Mönche, nicht einer mehr oder weni­ger, die Ordenssatzung[1291]. Deshalb wurde diese Satzungsrezitation „Fünfhun­dert“ genannt.[1292]

Das war der Abschnitt von den Fünfhundert, der elfte.

In diesem Abschnitt gibt es dreiundzwanzig Sachverhalte.

Zusammenfassung

Als nun erloschen war der Buddha,

die Ält’ren hat der Kassapa versammelt;

zu einer Gruppe Mönche sprach er,

damit bewahrt bliebe die Gute Lehre.

 

Auf der Straße von Pāvā,

von Subhadda ward gesagt;

die Gute Lehre kanonisieren,

bevor erstrahlt, was nicht die Lehre ist.

Einer weniger als fünfhundert,

Ānanda und ausgewählt;

Konzil der Lehre und der Regeln,

Regenzeit, am besten bei der Höhle.

Zum Regelwerk Upāli wird befragt,

zur Lehre Ānanda, der Weise;

in drei Körben der Kanon,

getan ward von des Siegers Jüngern.

Nicht gefragt und draufgetreten,

er ließ verehren, hat nicht gebeten.

Die Ordination der Frauen,

aus Vertrauen ein Vergehen war’s für mich;

Purāṇa und die Höchststrafe,

mit Udenas Haremsdamen.

Mit so vielen, abgetragen,

Decken machen, Polster auch;

Teppiche und Fußlappen,

Staubtücher und Bodenlehm.

Tausend Roben hat erhalten,

zum ersten Mal der Ānanda;

Verhangen ward die Höchststrafe,

erlangt die Vierfache Wahrheit;

weil fünfhundert gemeistert haben[1293],

wird es genannt „Fünfhundert“.

Der Abschnitt der Fünfhundert ist beendet.


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[1252] Bekannt für seine Strenge und asketische Lebensweise. Laut Kommentar war er da bereits 120 Jahre alt. Sein üblicher Wohnsitz war die Pippali-Höhle am Berg Vebhāra in Rājagaha, gar nicht weit entfernt von der Sattapaṇṇi-Höhle.

[1253] mandārava  Erythrina fulgens  Ein Baum aus der Mythologie. Nicht zu ver­wechseln mit dem Korallenbaum (pāricchattaka), der im Strudel des Welt­meeres steht, und unter dem sich der Thron Indras befindet (→ Mvg 45). Dieser Baum blüht nur, wenn auf Erden etwas ganz besonderes passiert. Bei der jetzigen Gelegenheit war es das Parinibbāna des Buddha, eine Woche zuvor. Mehr Details dazu in → Dīgha-Nikāya 16.

[1254] Im Kommentar zur fast gleichlautenden Textpassage im Mahāparinibbāna-Sutta (DN 16) wird Subhadda mit dem Barbier aus Ātumā (→ Mvg 303) iden­tifiziert. Jener Barbier reagierte verärgert, als der Buddha die von ihm vorbe­reitete Speise ablehnte und ihm das Barbierhandwerk untersagte. Der Vorfall hier könnte seine Vergeltung dafür sein.

[1255] saṅgāyāma  wtl: „verkünden“. Der Sinn ist aber weitaus tiefer, nämlich mit den Bedeutungen von „zusammenfassen“ und „zusammenstellen“ (saṅgāha­ka), „zusammenhaltend“ (saṅgāhika), „Sammeln, Sammlung, Zusammenstel­lung, Klassifikation, Schutz“ (saṅgaha), bis hin zu „kämpfen, ausfechten“ im Sinne von „beschützen“ (saṅgāmeti). Daher auch das Wort Saṅgīti  für „Konzil“.

[1256] sekha  also einer, der noch nicht die Heiligkeit verwirklicht hat.

[1257] Er wählte bewusst nur „vierhundertneunundneunzig“ aus, um klar zu machen, dass er für den Ānanda einen Platz frei lässt. Aber er wollte nicht, dass die anderen Mönche ihm den Vorwurf machen könnten, er würde Ānanda bevor­zugen. Schließlich sollten ja nur Heilige an diesem Konzil teilnehmen.

[1258] IoD: „Zu dieser Zeit gab es achtzehn große Klöster bei Rājagaha.“ Siehe Anmerkung zu Cvg 189.

[1259] Damit wird die dreimonatige Zeitspanne, die seit dem Beschluss verging, angesprochen. Drei Monate sind nicht lange, wenn man bedenkt, welche Ent­fernungen zurückzulegen sind.

            IoD: Vierzehn Tage sind vergangen, seitdem der Vollendete ins Parinibbā­na einging, sieben Tage wurden mit Zeremonien und Festlichkeiten verbracht, und weitere sieben Tage mit der Verehrung [und Verteilung] der Reliquien und so weiter. Dann dachte der Ordensältere Mahākassapa darüber nach, dass nur noch anderthalb Monate des Sommers verblieben und dass der Tag des Regen­zeitantrittes näherrückt. Da nahm er die Hälfte der [ausgewählten] Mönche und sagte: „Brüder, wir sollten in Rājagaha Reparaturarbeiten ausführen.“ Der Ordensältere Anuruddha nahm die andere Hälfte der Mönche und ging einen anderen Weg. Der Ordensältere Ānanda nahm Robe und Almosenschale des Erhabenen und ging mit einer Gruppe von Mönchen in Richtung Sāvatthi, darauf bedacht, bevor er sich in Rājagaha an den Reparaturarbeiten beteiligt, Sāvatthi aufzusuchen. (Es folgt eine Beschreibung, was und wie er alles tat.)

[1260] Laut IoD waren alle Klöster verwaist, verdreckt mit Weggeworfenem und angehäuftem Schmutz. Um der Kritik der andersgläubigen Asketen zu entge­hen: „Die Anhänger des Asketen Gotama kümmerten sich um ihre Unterkünfte als deren Lehrer am Leben war. Jetzt, da er im Parinibbāna erloschen ist, haben sie diese aufgegeben (chaḍḍesu  ‘aufgeben, zurücklassen, ausspeien, erbre­chen’).“

[1261] IoD: Am nächsten Tag gingen sie zum Palasttor und stellten sich hin. Fürst Ajātasattu kam und begrüßte sie und fragte sie, was sie von ihm wünschten. Die Ordensälteren gaben zu verstehen, dass sie Arbeitskräfte benötigten, um die Reparaturarbeiten bezüglich der verfallenen achtzehn großen Unterkünfte zu bewerkstelligen. „Sehr gut, ihr Herren.“ sagte der Fürst und stellte Handwerker bereit. Nachdem nun die Ordensälteren alle Unterkünfte während des ersten Monates repariert hatten, informierten sie den Fürsten: „Großer Fürst, die Reparaturarbeiten an den Unterkünften sind abgeschlossen, wir wünschen jetzt die Lehre und Ordenssatzung zu kanonisieren.“ – „Sehr gut, ihr Herren. Tut das mit Zuversicht. Mein ist das Rad der Macht, Euer ist das Rad der Lehre. Befehlt mir was auch immer ihr wünscht, das ich tun soll.“ – „Ein Platz für die Mönche, die die Lehre kanonisieren, großer Fürst.“ – „Wo soll ich einen solchen herrichten lassen, ihr Herren?“ – „Am Berghang des Vebhā­ra, am Eingang der Sattapaṇṇi-Höhlen wäre es geschickt zu tun, großer Fürst.“ – „So sei es, ihr Herren.“ sagte Fürst Ajātasattu und ließ einen Pavillon errich­ten ... mit gut abgeteilten Wänden, Pfeilern und Treppen ... dekoriert wie der Wohnsitz Brahmas ... In diesem großen Pavillon wurden 500, zum Gebrauch erlaubte Teppiche ausgelegt, ein Sitz für den Vorsitzenden wurde südlich nach Norden zei­gend [d.i. mit dem Rücken zum Berghang] aufgestellt und ein Sitz für den Darlegenden in der Mitte des Pavillons, der nach Ost zeigte. Ein Sitz, der sogar eines Buddha würdig war. Nachdem dort ein Fächer mit Ebenholz-Intarsien platziert wurde, sandte er [der Fürst] Nachricht zu den Mönchen: „Meine Aufgabe, ihr Herren, ist getan.“

[1262] IoD 11: Zu dieser Zeit sagten einige Mönche in Bezug auf den ehrwürdigen Ānanda: „Da ist ein Mönch in dieser Versammlung, von dem der Geruch nach rohem Fleisch ausgeht.“ Der Ordensältere (Ānanda) hörte das und war sehr beunruhigt. Er dachte bei sich: ‘Da ist kein Mönch in dieser Versammlung der Mönche, der den Geruch von rohem Fleisch ausströmt, das bezieht sich sicher­lich auf mich.’ Einige Mönche sprachen zum ehrwürdigen Ānanda, dass die Versammlung am nächsten Tag stattfinden würde und dass er aber nur ein Übender sei, der seine spirituelle Aufgabe noch nicht vollendet habe, und dass es nicht angebracht sei für ihn, an dieser Versammlung teilzunehmen, außer­dem solle er sich anstrengen. Deshalb dachte nun der ehrwürdige Ānanda darü­ber nach und verbrachte den größten Teil der Nacht mit der [Meditations­übung] Achtsamkeit auf den Körper und als der Tag anbrach, beendete er seine Gehmeditation, ging in die Unterkunft und neigte seinen Körper mit der Absicht, sich hinzulegen. Kaum hatten seine Füße den Bodenkontakt verloren und noch bevor der Kopf das Kissen erreichte, während dieses Zeitraumes, wurde sein Geist von den Anhaftungen und allen Einflüssen frei.

            Das passierte, weil er die Zeit damit verbrachte, vor der Tür auf und ab zu gehen und da er nicht zu irgend einer höheren Erreichung fähig war, darüber nachdachte: ‘Hat nicht der Erhabene zu mir gesagt: ›Ānanda, du hast in der Vergangenheit Verdienst gewirkt. Treibe deine Anstrengungen voran und du wirst in Bälde von den Einflüssen befreit sein!‹ Buddhas irren sich nie in ihren Voraussagen. Ich habe mich bei den Anstrengungen überanstrengt, die Folge war, dass mein Geist zur Zerstreuung neigte. Lass mich deshalb nun die Striktheit meiner Übungen aufgeben.’ Als er das zu sich gesagt hatte, beendete er seine Gehmeditation, wusch sich die Füße am Platz zum Füßewaschen, und ging dann in die Unterkunft, setzte sich auf die Lagerstatt, streckte sich aus und dachte daran, eine Weile zu ruhen. Seine beiden Füße erhoben sich vom Boden und sein Kopf hatte noch nicht das Kissen erreicht. Während dieses Zeitraumes wurde sein Geist befreit von den Anhaftungen und Einflüssen – der Ordensältere erlangte die Heiligkeit in einer Körperhaltung jenseits der vier üblichen. Deshalb, wenn gefragt wird, welcher Mönch die Heiligkeit erlangte weder im Liegen, Sitzen, Stehen oder Gehen, da soll geantwortet werden, dass dies der Ordensältere Ānanda gewesen sei.

[1263] Vorher wurde laut IoD noch ausdiskutiert, was wohl zuerst kanonisiert werden solle: die Lehre oder die Ordenssatzung. Die Mönche antworteten auf diese Frage des Mahākassapa: „Herr Mahākassapa, die Ordenssatzung ist Lebens­kraft der Lehre des Buddha. ‘Solange die Ordenssatzung anhält, so lange dauert die Lehre an.’ Lasst uns deshalb zuerst die Ordenssatzung kanonisie­ren.“ – „Wer soll das Amt ausführen?“ – „Der ehrwürdige Upāli.“ – „Ist nicht Ānanda zuständig?“ – „Das ist nicht, weil er nicht kompetent wäre, aber der Erhabene hat zu Lebzeiten den Upāli als denjenigen bezeichnet, der am heraus­ragendsten sei, wenn es um die Ordenssatzung geht. Er sagte: ‘Ihr Mönche, er ist der oberste Mönch unter den Mönchen die mir Nachfolger sind, was die Ordenssatzung anbelangt.’ Deshalb lasst uns die Ordenssatzung kanonisieren indem wir den Ordensälteren Upāli dazu befragen.“

[1264] Laut DPPN ist in diesem Fall keine Person, sondern das Heimatdorf Kalanda­kagāma gemeint.

[1265] → Mvg 129.

[1266] Damit sind die Regelungen gemeint, die sich auf Änderung, Erweiterung oder Aufhebung der betreffenden Vorschrift beziehen.

[1267] Diebstahl von Bauholz.

[1268] Es wurde nach der zugrundeliegenden Vorschrift gefragt, ob es Änderungen in Art und Umfang dieser Vorschrift gab, wer sich (erstmals) schuldig machte bzw. wer als „schuldig“ und wer als „unschuldig“ zu erachten ist. Letzteres verweist darauf, dass der „Ersttäter“ nicht schuldig ist. – Weil er aus Unkennt­nis dieser Vorschriften handelte (sie waren ja zum Zeitpunkt des Verstoßes noch nicht erlassen).

[1269] Gemeint sind Bhikkhu- und Bhikkhunī-Vibhaṅga, also die Vorschriften der Mönche als auch die der Nonnen.

[1270] Das ist die erste Lehrrede aus der Sammlung der Längeren Reden (DN).

[1271] Laut DPPN wurde der Park wurde so genannt, weil am Torweg ein Mango-Schößling stand.

[1272] In den Kommentaren findet sich die Frage: „Was war das Thema?“ und die Antwort: „Lob und Tadel“.

[1273] Gemeint sind die fünf Einteilungen der Lehrreden entsprechend ihrer Länge bzw. Anordnung (DN, MN, KN, SN und AN).

[1274] Das sind der Reihe nach alle Vergehensklassen, die im Pātimokkha aufgeführt werden – dem der Mönche. Die Vergehenskategorien wurden hier absichtlich übersetzt, um die gesamte Bandbreite aufzuzeigen, in der sich die Diskussion bewegte. In Klammern steht die Anzahl der Vergehen laut Pātimokkha der Nonnen. In Nis findet man trotz gleicher Anzahl unterschiedliche Inhalte. Auch heutzutage gibt es zum Teil heftige Diskussionen über den Wert und die Relevanz der monastischen Vorschriften.

[1275] Er bezieht sich hier auf die Aussage des Buddha in DN 16: „Solange die Mön­che keine Übungsregeln erlassen, die ich nicht erlassen habe, keine Übungs­regeln abschaffen, die ich erlassen habe, und sich in den auf sich genommenen Übungsregeln üben, so wie ich sie erlassen habe, dann hat man nur Fortschritt für die Mönche zu erwarten und keinen Verfall.“

[1276] Da es in Asien seit undenkbarer Zeit ein ungeschriebenes Gesetz ist, die Älte­ren zu ehren und zu respektieren, ihnen nicht zu widersprechen, ver­wundert es auch kaum, dass man dem, was Mahākassapa vortrug, nur schweigend zu­stimmte.

[1277] Tatsächlich ist es auch kein Vergehen, denn er erinnert sich erstens nicht daran, ein solches Vergehen begangen zu haben und andererseits kann man ihm die damalige „Unachtsamkeit“ nicht zum Vorwurf machen. Des weiteren ist unbe­dingt anzumerken, dass beim Erreichen der Heiligkeit kein Vergehen „offen“ bleibt, dass also jegliche Verfahren gegen einen Heiligen wirkungslos sind. Ānanda ist derart duldsam, dass er die ihm vorgeworfenen „Vergehen“ aus Vertrauen als solche eingesteht, ganz im Sinne von Mvg 454.

[1278] Man bekommt einen etwas üblen Geschmack bei dieser Erzählung. Alle aufgeführten „Vergehen“ sind im Prinzip völlig gegenstandslos. Der Buddha hat keine Vorschrift erlassen, die es verbietet, unachtsam zu sein, dass man auf die Robe tritt und sie dann zusammennäht, dass Frauen zuerst die Reliquien verehren, von Māra gefesselt zu sein, für Frauen Anstrengungen zu unter­nehmen. Ānanda hätte den Upāli fragen sollen, wo und wann der Buddha diese Vorschrift erlassen hat, und es wäre offenkundig gewesen, dass hier nur „Schaum geschlagen“ wird. Aber aus Duldsamkeit gab Ānanda alles zu, was man ihm vorwarf und bot somit niemandem eine Angriffsfläche. Die Anschul­digungen drei und vier werden gern zitiert, um die Frauenfeindlichkeit der Theravāda-Mönche zu untermauern. Es muss unbedingt beachtet werden, dass die buddhistische Tradition überwiegend von Mönchen dominiert ist und da die Frau allgemein als „Gefahr“ für das Mönchsleben gilt, ist es nicht verwun­derlich, dass man solche Aussagen findet. Bedeutend interessanter wäre es herauszufinden, warum keine Nonnen beim Konzil anwesend waren (bzw. sein durften), denn es gab schließlich auch weibliche Heilige.

[1279] Das können unmöglich die „Südberge“ (IBH) sein, die mit dem Vindhya-Gebirge identifiziert werden. Dakkhiṇā-Giri bedeutet hier „Südlich-der-Berge“ – und zwar der Berge, die Rājagaha umgeben. Es muss der Ort bzw. die Region sein, die etwa fünf Yojana von Pāṭaliputra entfernt war.

[1280] Eine höchst interessante Aussage, woraus sich zweierlei schließen lässt: Zum einen, dass Purāṇa möglicherweise ein Sturkopf gewesen war, der nichts neues bzw. anderes lernen wollte oder zum anderen, dass es Unterschiede gab zwi­schen dem, was er gehört/gelernt hatte und dem, was nun als kanonisch galt.

[1281] Brahmadaṇḍa  So lautet auch die Überschrift des Kapitels. Diese Strafe heißt so, weil es als das Schlimmste galt, nicht von seinen Brüdern angesprochen, unterrichtet, belehrt usw. zu werden. Das entspricht dem Ordensausschluss. Diese Begebenheit bezieht sich auf Cvg 46, 56, 215 und wohl auch auf diverse weitere Vorkommnisse.

[1282] Fürst Udena war bekannt für seinen cholerischen Charakter, deshalb hatte er auch den (inoffiziellen) Beinamen „der Ungestüme“.

[1283] Fürst Udena war kein Anhänger der buddhistischen Lehre, daher steht hier auch nicht die Standard-Phrase „verehrte ihn“ usw.

[1284] Er spricht ihn wie einen Untergebenen mit „bho“  an.

[1285] Er spricht ihn nun immerhin als Gleichrangigen mit „bhoto“ an.

[1286] Er nennt ihn nun immerhin schon „ehrbar“ (bhavaṃ), aber noch nicht „ehr­würdig“ (ayasma).

[1287] ādapuñcha  Das sind die Tücher zum Abtrocknen der Füße, auch „Fußab­treter“.

[1288] rajoharaṇa  Damit dürften Wischtücher bzw. Putzlappen gemeint sein.

[1289] na kulāvaṃ gamenti  damit ist gemeint, dass diese Dinge weder aufgespeichert noch weggeworfen werden.

[1290] paṭipassambhehi dāni  wtl: „Beruhigung geben“.

[1291] vinayasaṅgīti  Es steht tatsächlich nur „Ordenssatzung“ statt „dhamma­vinayasaṅgīti“.

[1292] Der Schluss erscheint irgendwie seltsam. Denn in Rājagaha haben fünfhundert Mönche den Kanon als solchen beschlossen, deshalb wird dieses Konzil auch so genannt.

[1293] vasībhūtā  wtl: „an die Macht gelangt“.


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