Zweiundzwanzigster Abend

Vipassanā Meditation

Zweiundzwanzigster Abend - Tod und Güte

 

Ein oft gebrauchtes Bild, um die Übung in der Einsicht zu beschreiben ist das eines Seiltänzers. Während Sie auf dem Seil gehen, erkennen wir ganz klar, daß die Hauptsache ist, auf das Gleichgewicht zu achten, vollkommene Balance beizubehalten. Während wir auf dem Seil gehen, streifen etliche Dinge an uns vorbei, verschiedene Anblicke, Geräusche, Empfindungen, Ideen und Erkenntnisse. Falls diese angenehm sind, geht die bedingte Tendenz des Geistes dahin, danach zu greifen und zu versuchen, sie festzuhalten und zum Bleiben zu bewegen. Wenn die Anblicke oder Töne unangenehm sind, geht die Tendenz des Geistes dahin, in Abneigung zu versuchen, sie wegzuschieben. In beiden Fällen hangen wir an und verlieren beim Anhangen das Gleichgewicht und fallen.

 

Beide, die positive und die negative Reaktion, sind gleichermaßen gefährlich. Alles, wie herrlich oder beängstigend es auch sein mag, das uns veranlaßt, das vollkommene Gleichgewicht des Geistes zu verlieren, wird uns zu Fall bringen. So arbeiten wir immer und immer wieder daran, einen Geist zu entwickeln, der bei allen Objekten nicht mit Anklammern oder Verurteilen, Haften oder Abneigung reagiert. Wir entwickeln einen Geist, der an nichts haftet, an absolut nichts, der alles kommen und gehen läßt.

 

Nicht-Anhaften wächst aus tiefer Einsicht in die Vergänglichkeit. Auf einer bestimmten Stufe dieser Einsicht wird die Unausweichlichkeit und Nähe unseres Todes erkannt. In der Bhagavad-Gita wird die Frage gestellt: "Von allen Wundern der Welt, welches ist das wundervollste?"

Die Antwort: "Daß kein Mensch, obwohl er um sich herum andere sterben sieht, glaubt, daß er selbst sterben wird."

 

Manchmal, wenn wir unser Schicksal vergessen, engagieren wir uns zu sehr beim Sammeln von Dingen, bei Anhaftungen und Besitztümern, mit dem Wunsch, etwas Besonderes zu werden. Wir verwickeln uns in viele Handlungen des kleinen Geistes und nehmen unsere Ambitionen, unsere Wünsche und uns selbst sehr ernst. Wir verlieren die Perspektive des Großen Geistes, wir verlieren die Perspektive des Todes.

 

Don Juan gebraucht dies als eindrucksvolle Lehre, wenn er darüber spricht, den Tod als Ratgeber zu nehmen; immer sich den bevorstehenden Tod vor Augen zu halten, ohne Reue, Traurigkeit oder Sorgen, sondern mit Klarheit und Bejahung. Das Gegenwärtighalten unseres Todes gibt jedem Augenblick, jeder Handlung Kraft, Gnade und Erfüllung.

 

Jeder von uns hat tief eingegrabene Verhaltensmuster, die sich bei allem, was wir tun, bemerkbar machen; oft sind es destruktive Gewohnheiten wie Ärger oder Selbstmitleid. Aber auf dieselbe Weise können wir lernen, im Geiste die Bewußtheit des Todes zu bewahren und sie bei allen unseren Handlungen mitsprechen zu lassen. Wenn wir den Tod als Ratgeber annehmen, leben wir jeden Augenblick mit der Kraft und Fülle die wir in unser letztes Bemühen auf Erden legen würden.

 

Wenn wir uns den Tod immer vor Augen halten, lassen wir uns weniger auf die Dinge ein und lassen uns weniger von der Befriedigung und Erfüllung unserer verschiedenen Wünsche des Augenblickes treiben. Wenn wir nicht so sehr von unseren Wünschen und Einbildungen eingenommen sind, neigen wir weniger dazu, uns an Dinge zu klammern, und wir stehen der Liebe und Freigebigkeit offener gegenüber. Die Bewußtheit des Todes schafft uns den Raum der Klarheit, in dem wir den Vorgang von dem, wer wir sind und wer es ist, der stirbt, begreifen können.

 

Auf dieser Stufe ist die Einsicht in die Vergänglichkeit die Bewußtheit über die von Augenblick zu Augenblick vergehende, zeitgebundene Natur aller Phänomene. Das Geistige und Körperliche, unser ganzes Universum steigt auf und vergeht, stirbt und wird wiedergeboren in jedem Moment. Wir arbeiten an der Entwicklung eines Geistes, der ruhig und still ist, der unbewegt im Angesichte solcher ungeheuren Veränderungen ist.

 

Die ganze Übung entwickelt sich organisch aus dem Gewahrsein über das Geschehen im gegenwärtigen Moment, ohne Reaktion darauf. Ein Meditationslehrer in Indien hat gesagt, daß man nur sitzen braucht und wissen muß, daß man sitzt, und der ganze Dharma wird sich offenbaren. Sie werden die Entfaltung der Naturgesetze ganz klar erkennen, und dann wird der Dharma wahrhaftig Ihnen zu eigen.

 

Während dieser organischen Entwicklung, die aus dem Gleichgewicht und der Enthaftung kommt, werden sich viele schöne und befreiende Eigenschaften des Geistes langsam einstellen. Eine dieser Eigenschaften ist liebende Güte (Metta). Liebende Güte zu sich selbst, in dem Sinne, daß Sie sich selbst gegenüber nachsichtig und nicht wertend sind und Weite und Leichtigkeit des Geistes haben, und starke liebende Güte anderen gegenüber, ohne Ergreifen, Begehren oder Anhaften. Sie ist keine bedingte Liebe - jemanden lieben, weil er bestimmte Eigenschaften oder Merkmale hat, und wenn diese sich wandeln, die Liebe schnell fallen zu lassen; sie ist keine "handelnde Liebe" - "Ich werde dich lieben, wenn du mich auch liebst."

 

Die Liebe, die aus der Weisheit kommt, ist ohne Bedingungen, allumfassende liebende Güte - ein Gefühl der Freundschaft und Wärme für alle Wesen überall. Nicht nur für diejenigen, die in einer besonderen Beziehung zu uns stehen; gemeint ist ein wahrhaft grenzenloses Gefühl. Wir suchen nicht bei anderen Erfüllung, nehmen keine zweckbedingten Beziehungen auf, sondern strahlen diese unbegrenzte Eigenschaft der liebenden Güte aus.

 

Eine andere Eigenschaft, die sich dann sehr stark einstellt, ist das Mitgefühl. Es ist nicht Selbstmitleid oder Mitleid mit anderen. Es bedeutet, den eigenen Schmerz zu empfinden und den Schmerz bei anderen zu erkennen. Das Pali-Wort "Kilesa" wird im allgemeinen mit Befleckung übersetzt, es heißt genauer genommen "geistige Qual". Die Erfahrung von Zorn, Gier und allen Befleckungen ist schmerzhaft, dies wird uns klar, wenn wir sie beim Aufsteigen betrachten und sehen, wie sie unseren Geist und Körper beeinflussen. Wenn in uns das Verständnis des Dharma wächst, empfinden wir Mitgefühl mit uns selbst, wenn sie aufsteigen, anstatt Abschätzen und Selbstverurteilen, und wir erkennen den Schmerz, den andere erfahren, wenn diese Zustände in ihnen aufsteigen. Wenn wir dieses Netz des Leidens erkennen, in das wir alle verstrickt sind, entwickeln wir Güte und Mitgefühl füreinander.

 

Die höchste Manifestation dieser Eigenschaften erscheint als Ausdruck der Leerheit - ohne ein Selbst. Wenn es kein "Ich" gibt, gibt es auch kein "anderes"; das Gefühl der Trennung verschwindet, und wir erfahren die Einheit und Ganzheit aller Dinge.

 

Albert Einstein schrieb: "Ein menschliches Wesen ist ein Teil des Ganzen, das von uns Universum genannt wird, ein Teil, der durch Zeit und Raum begrenzt ist. Er empfindet sich, seine Gedanken und Gefühle als etwas, das vom anderen getrennt ist, was eine Art optischer Täuschung seines Bewußtseins ist. Diese Täuschung ist ein Gefängnis für uns, sie begrenzt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf Zuneigung zu einigen wenigen Menschen, die uns am nächsten sind. Unsere Aufgabe muß es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Kreis des Mitgefühls erweitern, um alle Lebewesen und die ganze Natur in ihrer Schönheit einzuschließen."

 

Wolken aus Gier, Haß und Unwissenheit verdunkeln das natürliche Strahlen von Liebe und Güte und Mitgefühl in unserem Geist. Wenn wir beginnen, diese Wolken durch die Entfaltung der Einsicht zu vertreiben, werden die Eigenschaften der liebenden Güte ihrer Natur gemäß hervor strahlen.

 

Es gibt eine bestimmte Übung, die der Buddha lehrte, um diese Geisteszustände zu einer starken Kraft in unserem Leben zu machen. Sie heißt "Metta-Bhavana" oder Entfaltung der Güte. Vipassanā wird durch diese Übung bereichert, durch die Weite und Leichtigkeit, die sie im Geiste hervorbringt. Sie stärkt die Fähigkeit zu erkennen, ohne zu werten, und hilft uns, die bei geistigen Übungen sehr oft vorkommende Tendenz zu vermeiden, zu verurteilen, wer wir sind, und auf eine haftende Art jemand anders sein zu wollen.

 

Auf dem ganzen Wege erkennen Sie, daß die Mittel und das Ziel das Gleiche sind. Um Frieden, ausgewogene Bewußtheit und Liebe zu erreichen, bemühen wir uns jeden Augenblick darum; diese Faktoren auszudrücken.

 

Meistens wird die Meditation der liebenden Güte für fünf oder zehn Minuten am Beginn oder am Ende (manchmal beides) des Sitzens geübt. Am Beginn bringt sie uns eine Weite und Bejahung, die wir dann in das Reine Beobachten mit hinübernehmen, und am Ende ist der Gütegedanke oft noch stärker, da der Geist gesammelt ist.

 

Die Methode ist sehr einfach. Nehmen Sie eine bequeme Sitzhaltung ein. Um den Geist von Spannungen und Übelwollen zu befreien, beginnen Sie damit, daß Sie um Vergebung bitten und auch selbst verzeihen: "Wenn ich jemanden in Gedanken, Worten oder Taten beleidigt habe, bitte ich um Vergebung. Und ich vergebe voll und ganz jedem, der mich verletzt oder beleidigt hat." Dies schweigend ein- oder zweimal zu wiederholen ist eine gute Methode, den Geist von jeglichen Resten des Übelwollens oder Grolles zu reinigen.

 

Dann richten Sie einige Minuten liebende Gedanken auf sich selbst: "Möge ich glücklich sein, möge ich friedvoll sein, möge ich frei von Leiden sein, möge ich glücklich sein, friedvoll, frei von Leiden", und Sie konzentrieren sich dabei auf die Bedeutung der Worte. Es ist schwierig, echte Liebe für andere zu empfinden, bevor wir uns selbst akzeptieren und lieben. Es ist gleich, welche Worte Sie dabei verwenden. Wählen Sie Sätze, die Ihnen etwas sagen. Sie werden zu einem Mantra der Liebe.

 

Fahren Sie mit der Übung fort und beginnen Sie, die Gedanken und Gefühle auf andere auszudehnen: "Wie ich glücklich sein möchte, mögen auch alle anderen Wesen glücklich sein. Wie ich friedvoll sein möchte, so mögen auch alle anderen Wesen friedvoll sein. Wie ich frei von Leiden sein möchte, so mögen auch alle anderen Wesen frei von Leiden sein." Wiederholen Sie dies einige Male im Geiste und beginnen Sie, liebende Güte nach außen auf alle Wesen zu richten. Die Worte können zusammengefasst werden in eine rhythmische Wiederholung für fünf oder zehn Minuten: "Mögen alle Wesen glücklich sein, friedvoll, frei von Leiden."

 

Sie können auch diese Gedanken auf bestimmte Personen richten, entweder auf solche, die Ihnen sehr nahe stehen und die Sie sehr mögen, oder auf jene, gegen die Sie Ärger oder Groll empfinden, um sich ihnen sanftmütig zu nähern. Stellen Sie sich die Menschen im Geiste vor, während Sie die Worte wiederholen. Schließen Sie damit, daß Sie wieder die Gedanken der liebenden Güte auf alle Wesen überall richten.

 

Zuerst mag es Ihnen scheinen, als ob es eine mechanische Übung sei, aber während Sie üben und versuchen, sich auf die Bedeutung der Worte zu konzentrieren, auf den Sinn Ihrer Wünsche für alle anderen, wird das Gefühl der Liebe und des Mitgefühls langsam anwachsen und stark werden.

 

 

Können Sie ein wenig mehr darüber sagen, wie Metta oder Liebe und Einsicht sich verbinden?

Die Entwicklung der liebenden Güte ist eine Konzentrationstechnik; sie sammelt den Geist im Gefühl der Liebe. Sie wirkt auf der Vorstellungsebene, mit der Vorstellung "Sein". Sie ist eine sehr heilsame Verwendung dieser Vorstellung, und sie schafft einen Bereich, in dem die Achtsamkeit mit noch größerer Klarheit wirkt. Sie benutzen die Sammlung, um eine Leichtigkeit des Geistes zu entwickeln, um in noch tiefere Ebenen des Begreifens vorzudringen.

 

 

Können Sie etwas mehr über Klarheit sagen?

Sie haben vielleicht schon Zeiten in der Meditation erlebt, wo Ihr Geist scharf und klar ist und in jedem Augenblick das Geschehen aufgreift. Die Umrisse sind klar, im Gegensatz zu Zeiten der Verwirrung oder des Mangels an Klarheit, wenn Sie die Dinge nicht genau erkennen können und alles etwas verschwommen ist. Es ist wie ein schlecht beleuchtetes Zimmer: Wenn wir ein helles Licht anzünden, wird alles klar erkennbar. Wenn nur wenig Helle im Geist herrscht, können Sie die Dinge nicht deutlich sehen, Sie haben zwar einen allgemeinen Begriff davon, aber ohne klare Durchdringung. Wenn große Helligkeit im Geiste vorhanden ist, wird alles klar; dann wird der Vorgang deutlich, leicht erkennbar. Diese Helligkeit ist das Licht der Bewußtheit, der Achtsamkeit.

 

 

Kann man nicht an dieser Klarheit haften?

Das können Sie. Das nennt man dann Verfälschung der Einsicht. Sie müssen sich die Klarheit selbst bewußt machen, damit Sie nicht daran haften, sich nicht damit identifizieren. Klarheit ist ebenfalls nur ein Teil des Ablaufs. Wenn Achtsamkeit und Sammlung zum ersten mal stark werden, geschieht es oft, daß die Menschen an diesem Punkt denken, sie seien erleuchtet, daß nichts mehr zu tun sei. Es fühlt sich so gut an und es ist soviel Licht und Liebe und Freude und Ruhe und Frieden da. An diesem Punkt ist die Hilfe des Lehrers notwendig: "Weiter meditieren."

 

 

Bleibt die Klarheit durch alle Veränderungen hindurch erhalten, oder ist sie auch wieder etwas, das kommt und geht?

Je weiter die Übung fortschreitet, desto länger bleibt die Klarheit erhalten, jedoch ganz bestimmt nicht ohne Unterbrechung. Sie ist ein Geistesfaktor, der durch Übung stärker wird. Sie erfahren fortgeschrittene Stufen der Klarheit, auch wenn Freude und Entzückung nicht mehr dabei auftreten. Es gibt auch Klarheit im Zustande des Leidens. Sie werden Zeiten erleben, wo Sie sowohl die großen Leiden als auch die Freuden des Ablaufs erfahren. In beiden kann Klarheit sein. Der Pfad, wie Don Juan sagt, bedeutet, seine eigene Ganzheit zu erreichen. Nicht nur einen Teil zu erfahren, sondern das Glück, das Leid, die Klarheit, alles. Voll und ganz die Einheit dessen zu erfahren, wer wir sind.

 

 

Berührt die Meditation der liebenden Güte nur den Bereich unseres eigenen Geistes?

Die Kraft eines liebenden Gedankens, wenn er durch einen sehr stark gesammelten Geist ausgestrahlt wird, ist sehr groß. Es gibt eine Geschichte über den Buddha und seinen Vetter Devadatta, der Buddha töten und selbst Oberhaupt des Ordens werden wollte. Devadatta wußte, daß er Buddha nicht auf die herkömmliche Weise töten konnte; also richtete er es so ein, daß ein riesiger, verrückter Elefant den Weg hinunter raste, den Buddha beschritt, um Gaben zu erhalten. Er dachte, daß entweder der Buddha davonlaufen und sich bloßstellen würde, oder er zu Tode getrampelt würde. Am nächsten Tag, als Buddha den schmalen Pfad entlang ging, stachelte Devadatta den Elefanten an. Der Buddha lief nicht davon. Er stand einfach mit gesammeltem Geist da und sandte liebevolle Gedanken auf den heranstürmenden Elefanten. Es wird gesagt, daß der Geist des Elefanten vollständig ruhig wurde durch die Kraft der liebenden Güte, und die Überlieferung will es, daß der Elefant zu Buddhas Füßen im Staub der Straße niederkniete.

 

 

Wie drückt man Metta am besten aus?

Mitgefühl und Liebe bedeuten nicht, daß Sie einem vorgeschriebenen Handlungsablauf folgen. Sie bedeuten, daß Sie ihr Bestes tun, um mit Liebe und Mitgefühl, der jeweiligen Situation entsprechend, zu handeln. Sie sollten nicht in jeder Situation nach einer Anweisung für eine besondere Handlungsweise suchen, sondern völlig ehrlich mit sich selbst sein, mit dem, was Sie fühlen. Zuerst scheint die Metta-Übung oft mechanisch zu sein. Metta ist ein Geistesfaktor, nicht irgendein mysteriöses Ding, das wir haben oder nicht haben. Man kann Metta mit Achtsamkeit oder Sammlung oder Weisheit oder Gier oder Ärger vergleichen. Wenn Sie üben, wird sie stärker, wenn Sie nicht üben, wird sie schwächer. Am Anfang geschieht es nicht ohne Bemühung, sie tritt nicht spontan auf, aber wenn Sie sie entwickeln, wird Ihnen die liebende Güte leicht fallen, und sie steigt dann von selbst auf.


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