Fünfundzwanzigster Abend

Vipassanā Meditation

Fünfundzwanzigster Abend - Tao

 

Es gibt eine alte taoistische Geschichte über einen Baum. Der Baum war alt und krumm; jeder Ast war gewunden und knorrig. Jemand, der an dem alten und schiefen Baum vorbeikam, bemerkte zu Tschuang-Tse, was für ein unnützer Baum es doch sei; weil der Stamm und die Äste so verwachsen waren, war der Baum zu nichts zu gebrauchen.

Tschuang-Tse antwortete:

 

Der Baum auf dem Bergkamm ist sein eigener Feind...
Den Zinnbaum kann man essen, deshalb wird er abgehauen.
Der Lackbaum ist nützlich, deshalb verstümmeln sie ihn.
Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein.
Niemand scheint zu wissen, wie nützlich es ist, unnütz zu sein.

 

Seine Nutzlosigkeit beschützte den Baum. Niemand wollte ihn zu irgend etwas gebrauchen, so wurde er auch nicht abgehauen und lebte bis ins hohe Alter, seine eigene Natur erfüllend.

 

"Niemand scheint zu wissen, wie nützlich es ist, unnütz zu sein." Was bedeutet es, unnütz zu sein? Es bedeutet, leer von dem Drang zu sein, etwas zu werden, etwas Besonderes zu sein, den Geist von solchen Gedanken des Erreichenwollens zu befreien. Unnütz zu werden bedeutet, sich entspannt zurückzulehnen und unserer eigenen Natur zu gestatten, sich leicht und einfach zu entfalten. Es gibt einen berühmten Mönch in Thailand, der diese Einstellung des Geistes und auch des ganzen Dharma in einem kurzen Satz zusammenfaßte. Er sagte: "Es gibt nichts zu erreichen, nichts zu tun und nichts zu besitzen." Nichts Besonderes. Alles ist vergänglich, alles fließt, alles ist in ständiger Veränderung. Wenn wir uns von dem Drang befreien können, jemand Besonderes auf eine bestimmte Art zu sein oder bestimmte Dinge besitzen zu wollen - überhaupt frei sind von diesem Begehren, zu tun oder zu sein oder irgend etwas zu haben -, dann können wir uns hineingeben in die natürliche Entfaltung des Dharma.

 

Es gibt viele taoistische Schriften, die sich mit dem Unsichtbarsein in dieser Welt befassen. Eine Geschichte beschreibt einen chinesischen Prinzen, der auf Affenjagd ging. Als er in den Wald kam, zerstreuten sich die Affen auf den Bäumen sehr schnell. Ein Affe lief nicht fort, er saß einfach auf dem Ende seines Astes. Der Prinz nahm seinen Pfeil und schoß auf ihn, aber mit großer Behändigkeit ergriff der Affe den Pfeil mitten in der Luft, bevor er ihn treffen konnte. Daraufhin gab der Prinz allen seinen Jägern den Befehl, zu schießen. Sie schossen alle ihre Pfeile gleichzeitig ab, und der Affe wurde getötet.

 

Weil der Affe seine Geschicklichkeit herausfordernd demonstrierte und stolz auf seinen Trick war, wurde dies der Anlaß für seine Zerstörung. Genauso ist es mit uns, wenn wir etwas in der Absicht tun, uns wichtig zu machen oder zu demonstrieren, wie gut und tüchtig und fabelhaft wir sind, oder wenn eine Projektion aus der Vorstellung des Selbst kommt, wird diese Handlung genau die entgegengesetzten Kräfte freisetzen und uns Verkrampfung und Konflikte bringen. Unsichtbar durch die Welt zu gehen bedeutet, unsere Fähigkeiten und Qualitäten nicht wichtigtuerisch in den Vordergrund zu schieben, keine Show abzuziehen. Es ist eine Geisteshaltung, die ohne das Gefühl eines Ich wirkt, ohne das Bedürfnis, sich wichtig zu machen, ohne sich vorzuschieben. Einfach im Augenblick im Einklang mit dem Geschehen ist.

 

Eines der Dinge, die mir besonders auffielen, als ich mit der Meditation begann, war die Tatsache, daß viele Taten von dem Bedürfnis, ein besonderes Image zu pflegen, hervorgerufen wurden: mich in einer bestimmten Art zu kleiden, mich auf eine bestimmte Art Menschen gegenüber zu verhalten; alles drehte sich um eine Vorstellung von mir selbst, die ich geschaffen hatte und mich dann bemühte aufrechtzuerhalten. Ein Bild von uns selbst mit herumzutragen ist eine große Last und bringt nur Anstrengung und Spannung durch den Gegensatz zwischen dem, was wir wirklich im Moment sind, und dem Bild, das wir aufrechterhalten wollen. Das ist nicht unsichtbares Handeln, das ist nicht Handeln mit der grundlegenden Leerheit des Selbst, welches bedeutet, sich in den Dharma zu geben, in das Tao. Wir müssen nichts Besonderes sein, nichts Besonderes tun, nichts Besonderes besitzen. Wir können die Bilder von uns selbst fallen lassen, die Projektionen loslassen und alle Verspannungen, die durch sie auftreten. Wir sollten uns hineingeben und alles sich von selbst entfalten lassen, ohne eine vorgefaßte Meinung darüber zu haben, wer wir sind.

 

Suzuki Roshi gibt in seinem Buch "Zen-Geist, Anfänger-Geist" ein gutes Beispiel für die Leichtigkeit und Spannweite eines solchen Geistes. Er sagt, der beste Weg, eine Kuh unter Kontrolle zu halten, sei, ihr eine ausgedehnte Weide zu geben. Es ist schwierig, eine Kuh in einem engen und begrenzten Raum zu kontrollieren. Aber wenn wir ihr eine ausgedehnte Weide geben, dann wird die Weite des Raumes sie unter Kontrolle halten. So ist es auch die beste Art, den Geist unter Kontrolle zu halten, ihm ein weites Feld zu geben. Es besteht keine Notwendigkeit, ihn einzusperren oder zu beschränken oder in einem engen Raum zu begrenzen. Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie ihn sein, wie er ist, frei von Streben, frei von Gedanken, irgend etwas erreichen zu wollen. Geben Sie ihm ein ausgedehntes Feld und beobachten Sie seine Entfaltung. Die Einstellung, etwas haben und werden zu wollen, überträgt sich sehr oft auf die geistigen Übungen. Wenn wir die Vorstellung haben, etwas erreichen zu wollen, ist dies ein großes Hindernis für die Übung. Es bedeutet, daß die Leerheit der Entwicklung, die Leerheit des Tao nicht verstanden wird.

 

Es gibt einen Schriftsteller namens Wei Wu Wei, der sehr schlüssig die Idee des Sich-Hineingebens ohne Streben ausdrückt. Er sagt: "Was wir suchen, ist, was sucht." Es ist nicht etwas, das außerhalb von uns ist, nach dem wir die Hand ausstrecken oder das wir festhalten oder das wir erreichen wollen. Er sagt: "Es gibt nur eine Frage, und das Fragen ist die Antwort." Das Fragen ist das, was im Moment geschieht. Und das ist die Antwort auf die Frage. Die Antwort ist nicht etwas "da draußen", das wir finden oder entdecken müssen. Die Antwort auf die eine große Frage, wer wir sind, ist das Fragen selbst.

 

Hierdurch verstehen wir besser das System der Zen-Meditation und -Lehre, die das Koan, ein scheinbar unlösbares Problem, verwendet. Wir stellen dem Geist ein Problem, das keine rationelle Lösung hat, wie zum Beispiel: "Wie ist das Geräusch einer klatschenden Hand?" Solange wir eine Antwort durch die Auflösung des Problems suchen, so lange verstehen wir den Vorgang nicht. Die Problemstellung, das Fragen des Koans ist die Antwort. Und tatsächlich ist die Lösung des Koans überhaupt keine besondere Antwort. Es ist die Fähigkeit, voll und ganz auf den Augenblick einzugehen. Das ist unsere ganze Übung: ganz und gar im Moment zu sein - im Fragen und im Antworten. Keine Lösung durch das Herbeiwünschen eines bestimmten Zustandes oder eines bestimmten Gedankens oder einer Vorstellung des Verstehens zu suchen, sondern völlig im Moment den Vorgang zu erfahren.

 

Die größten Hindernisse beim entspannten Hineingeben sind das Anhaften an Bildern des Selbst und die Vorstellungen darüber, wer wir sind und wie wir sein möchten. Sie komplizieren nur ganz unnötig die einfache Erfahrung von dem, was geschieht. Oft verfangen sich Menschen auf dem geistigen Pfade in ein Bild. Ein Bild, von dem sie glauben, es bedeute, ein Yogi oder ein Meditierender oder eine geistige Person zu sein; sie erschaffen sich selbst dadurch die Schwierigkeit, dieser vorgefaßten Meinung über Handlungen und Verhalten nachleben zu müssen.

 

Als ich in Indien studierte, hatte ich drei verschiedene Lehrer. Mit jedem von ihnen zu arbeiten brachte die wichtige Erfahrung, daß es keine bestimmte Art zu sein gibt. Erleuchtung wird nicht durch eine bestimmte Art der Persönlichkeit ausgedrückt. Diese Lehrer waren sich ganz unähnlich in Bezug auf ihre Persönlichkeit und Lebensart. Jeder einzelne war die Verkörperung der Weisheit, Liebe und Kraft, ohne irgendein Bild, wie diese Verkörperung ausgedrückt werden sollte.

 

Wei Wu Wei sagte, Demut sei das Nichtvorhandensein von einem, der stolz ist. Es ist nicht die Frage eines gewissen Auftretens oder einer Persönlichkeit. Wahre Demut ist Leersein vom Selbst. Jeder meiner Lehrer zeigte diese "Abwesenheit" in seiner eigenen natürlichen Art. Den Dharma sich in so vielen unterschiedlichen Arten manifestieren zu sehen war eine große Hilfe bei dem Begreifen, daß es nicht eine bestimmte Art gibt, wie wir sein müssen. Wir müssen keine bestimmten Persönlichkeiten werden, um uns zu läutern, sondern uns entspannt hineingeben und unser Wesen sich ganz seiner Art gemäß ausdrücken lassen, den Dharma sich entfalten lassen. Es gibt nichts zu tun, nichts zu werden und nichts zu besitzen. In diesem Geisteszustand können wir ungezwungen tun, sein und besitzen.

 

Es gibt eine Zen-Geschichte über das Freisein von Vorstellungen über sich selbst und andere, in welcher der Gouverneur von Kyoto einen großen Zen-Lehrer besucht. Sein Bedienter überreichte eine Karte, auf der sein Name stand, gefolgt von den Worten "Gouverneur von Kyoto". "Ich habe mit einer solchen Person nichts zu schaffen", sagte der Meister, "sage ihm, er soll gehen." Der Bediente gab die Karte mit Entschuldigungen zurück. "Das war meine Schuld", sagte der Gouverneur und kratzte die Worte "Gouverneur von Kyoto" aus. "Frage den Meister noch einmal." - "Oh, er ist es", bemerkte der Meister, als er die Karte sah, "ja, den möchte ich sehen."

 

Als er sich als "Gouverneur von Kyoto" vorstellte, war er sehr weit vom Dharma entfernt. Als er sich als das, was er im Moment war, vorstellte, frei von einem Bild, frei von Vorstellungen, war er im Einklang mit dem, was geschah, und in der Lage, dem großen Zen-Meister zu begegnen. Die Fähigkeit mit anderen zu verkehren, ohne die Begrenzungen durch Ideen, ermöglicht sehr fruchtbare Beziehungen. Oft schieben wir uns selbst und andere in kleine geistige Kästchen oder Abteilungen - "Jemand ist so und so, ich weiß, was sie wollen!" Durch die Nebel der Vorstellungen sind unsere Beziehungen sehr statisch. Alles verändert sich in jedem Augenblick; unser Geist, unser Körper, die Situation um uns herum. Wir sollten beweglich sein, frei von Vorstellungen und Bildern des Selbst; so können wir die Veränderungen akzeptieren, und unser Verständnis für unsere Beziehungen zu anderen bleibt offen und unbehindert.

 

Vieles in unserem Leben dreht sich um die Vorstellung des Selbst, um den Versuch, ihr nachzuleben oder sie zu befriedigen. Diese Energie überträgt sich auf unsere geistigen Übungen, wenn wir mit dem Geiste versuchen, irgendwie das Ego zu bekämpfen, und dabei die Vorstellung haben, das "Selbst" sei etwas, was wir loswerden müssen. Mit dem Selbst zu kämpfen bedeutet, daß wir den Ablauf der Dinge nicht begriffen haben. - Wei Wu Wei schrieb eine Parabel, die "Die Gans" heißt:

 

Das Ich zerstören? Vertreib es, schlag es, beleidige es, sag ihm, wo es hingehen kann. Sehr spaßig, sicher. Aber wo ist es? Muß es nicht erst gefunden werden? Muß man nicht erst eine Gans fangen, bevor man sie braten kann?

Die große Schwierigkeit hier ist, daß es keine gibt.

All die Bemühungen, all die Energie, um das Ego auszumerzen... und es ist überhaupt nicht vorhanden. Es gibt nichts, worum Sie sich bemühen könnten, und es ist nichts da, das Sie los werden müßten. Wir brauchen nur aufzuhören, jeden Augenblick das Selbst in unserem Geiste zu erschaffen. Im Moment zu sein, frei von Vorstellungen, frei von Bildern, frei vom Anhangen. Einfach und leicht sein. In dieser Unsichtbarkeit, bei dieser Mühelosigkeit gibt es keine Kämpfe und Spannungen.

 

Es gibt ein schönes Gedicht, das die Möglichkeit beschreibt, so zu leben:

 

Was ist unter einem "wahren Menschen" zu verstehen? Die wahren Menschen der Vorzeit hatten keine Angst, wenn sie mit ihren Ansichten allein standen. Sie vollbrachten keine Heldentaten; sie schmiedeten keine Pläne. Im Misslingen hatten sie keinen Grund zur Reue, im Gelingen keinen Grund zum Selbstgefühl ... Die wahren Menschen der Vorzeit schliefen ohne Träume, erwachten ohne Besorgnis. Ihre Speise war schlicht, sie atmeten tief ... Die wahren Menschen der Vorzeit kannten nicht die Lust am Geborensein und nicht den Abscheu vor dem Sterben. Ihr Eintritt war ohne Freude, ihr Abgang ohne Widerstreben. Gelassen kamen sie, gelassen gingen sie. Sie vergaßen nicht, woher sie kamen, und fragten nicht, wohin sie gehen würden. Noch bahnten sie sich grimmig ihren Weg durchs Leben. Sie nahmen das Leben, wie es kam, freudig; Sie nahmen den Tod an, wenn er kam, ohne Bedenken, und kehrten ins Jenseits zurück. Sie wollten das Tao nicht beeinträchtigen. Sie versuchten nicht, dem Tao durch ihr Menschliches zu Hilfe zu kommen. So sind jene, die wir wahre Menschen nennen. Sie hatten einen freien Geist, ohne Gedanken, eine klare Stirn und ein heiteres Antlitz. Waren sie kühl? Nur so kühl wie der Herbst. Waren sie warm? Nicht wärmer als der Frühling. Alles, was von ihnen strömte, kam ruhig wie die vier Jahreszeiten.

 

Wie können wir uns bemühen, ohne zu streben?'

Die Bemühung ist genau die, frei von Streben zu sein; sich entspannt und achtsam in den Moment zu geben. Manche von Ihnen haben es vielleicht schon erfahren, daß Sie nicht mehr durch Projektionen und Vorstellungen gestört werden, wenn die Bewußtheit wächst. Wenn Ihr Geist sich in diesem Bereich befindet, gibt es nichts zu tun. Wenn Sie sich hinsetzen, ist es eben Sitzen, und ohne Bemühung sind Sie sich dessen bewußt, was immer geschieht.

 

 

Es scheint mir, daß es im Moment der vollkommene Ausdruck meines Dharma ist, ein unachtsamer Träumer zu sein. Aber obwohl ich geduldig bin, warte ich darauf, daß es aufhört, und sehe darüber hinweg; es scheint alles zu sein, was ich tun kann...

Es gibt eine Einsicht, die daraus entsteht, daß Sie wissen, daß Sie Tagträumen. Wenn Sie auch nur einen kleinen Einblick in den wandernden Geist haben, so haben Sie damit schon die Möglichkeit zu leben, ohne sich in diese Vorstellungen und Schatten zu verwickeln.

 

 

Wie wählt man seinen Lebensunterhalt?

Am besten geschieht es aus der Bewußtheit der entsprechenden Notwendigkeit heraus, und nicht durch irgendeinen Ausdruck des Selbst. Anstatt einer Idee, die wir von uns selbst haben, nachzuleben, können wir das tun, was dem Augenblick entspricht, bereit zum Dienen und angeregt durch Liebe und Mitgefühl. Dann fließt alles einfach und leicht. Wir müssen nichts Besonderes tun, sein oder haben.

 

 

Wie ist es mit dem Planen dessen, was getan werden muß?

Der planende Geist wirkt im Augenblick. Seien Sie sich des planenden Geistes als Ausdruck des gegenwärtigen Augenblicks bewußt. Sie sollten bei dem sein, was gerade geschieht, den Gedankenvorgang und den Vorstellungsapparat im Umgang mit der Welt einsetzen, aber die Füße auf dem Boden lassen und erkennen, daß alles nur im Jetzt ist. Handeln Sie, ohne an den Früchten des Handelns zu haften.

 

 

Wenn ich rede, habe ich eine Menge Vorstellungen darüber, was ich sagen möchte. Ich möchte gerne wissen, wie es ist, wenn man wirklich zuhört und achtsam spricht.

Es gibt nur einen Weg, dies herauszufinden. Es ist die Botschaft des Zen-Koans. Ein Zen-Meister gibt seinem Schüler die Aufgabe Mu, und der Schüler sitzt auf seinem Kissen und beschäftigt sich damit. "Mu, Mu, Mu... Was werde ich ihm sagen, wenn er fragt, worum es sich dreht? ...Mu, Mu..." Oder was immer der Koan ist. Dann geht er hinein zur Unterredung mit dem Meister und denkt die ganze Zeit: "Was werde ich nur sagen?" Wenn ihn der Meister fragt, was er über Mu entdeckt hat, sucht er unsicher nach einer Antwort. Der Meister schlägt ihm über den Kopf. Er ist überhaupt nicht im gegenwärtigen Moment gewesen. Die Antwort auf die Frage ist überhaupt keine Antwort, außer genau im Moment zu sein. Jede absolute Erwiderung, leer von einem Selbst, ist die Antwort auf die Frage. Das Fragen ist die Antwort. Was wir suchen, ist das Suchende. Alles geschieht im Moment. Aber unser Geist sucht ständig nach einer leichten Antwort, die uns jemand geben kann. Wenn ich die Antwort weiß, dann habe ich "es". Deshalb werden Sie über den Kopf geschlagen. Über den Kopf geschlagen werden geschieht im gegenwärtigen Moment, ist genau hier.

 

 

Wie steht es mit Musik hören?

Musik ist ein gutes Beispiel dafür, daß Sie den Moment verpassen, wenn Sie aus ihm herauskommen. Wenn Sie Musik hören und der Geist zu denken beginnt, bleibt die Musik für Sie nicht stehen. Während Sie denken, können Sie nicht hören. Es kann eine gute Übung sein, bei dem Fließen der Töne zu verweilen. Die Vergänglichkeit zeigt sich ganz klar. Musik ist nicht etwas einzelnes, sondern ein ständiges Aufsteigen und Vergehen.

 

 

Es scheint einen Unterschied zu geben zwischen Bewußtheit und Vertiefung. Ich kann in Musik versunken sein, ohne achtsam zu sein; eben sehr im Moment, jedoch ohne Bewußtheit darüber.

Das ist der Unterschied zwischen Sammlung und Achtsamkeit. Sie können sehr zielgerichtet auf die Musik sein, ohne besonders achtsam zu sein, obwohl etwas Achtsamkeit vorhanden sein wird. Vorherrschend ist der Faktor der Einspitzigkeit, wodurch der Geist nicht abweicht. Fügen sie einfach scharfe Achtsamkeit hinzu, und dann haben Sie die ganze Übung.

 

 

Wie läutern wir uns?

Das Fabelhafte an der ganzen Übung ist, daß die Bewußtheit selbst läuternd wirkt. Es ist nicht so, daß wir ein bestimmtes Programm für uns aufstellen: "Ich werde rein sein", was sich in etwa selbst widerspricht. Die Bewußtheit über das Geschehen im Moment ist das, was reinigt; es gibt nichts zu erreichen oder zu sein, nichts Besonderes zu tun oder zu haben; nur ein entspanntes Sitzen mit Bewußtheit.

 

 

Einige der größten Wesen in all den Jahrhunderten haben gelehrt, Bücher geschrieben, Musik gespielt, Kunst geschaffen und dergleichen. Ist all das nicht Ausdruck ihres Selbst?

Wenn Sie unsichtbar sind, wenn kein Wunsch, etwas zu sein oder etwas zu haben, da ist, dann können Sie in Wirklichkeit alles tun oder sein oder haben. Es ist vollkommen wahr, daß viele der größten erleuchteten Wesen sehr spontan ihr Verständnis der Dinge, den Dharma durch Kunst und Literatur ausgedrückt haben; aber sie hatten nicht die Absicht, etwas zu demonstrieren oder zeigen zu wollen. Es war einfach ein Teil der Entfaltung, ein sehr spontaner und intuitiver Ausdruck, und kam keineswegs aus einer Vorstellung des Ich oder Selbst oder "Seht her". Viele der großen Meister waren Künstler oder Dichter; aber die Kunst, die Kreativität, kam aus der Leerheit.

 

 

Kann man immer noch den Wunsch haben, etwas zu tun, anderen zu helfen, und dabei nicht selbstsüchtig sein?

Es gibt ein semantisches Problem bei der Verwendung des Wortes "Begehren", um zwei verschiedene Zustände zu beschreiben. Eines ist das Begehren der Gier und des Ergreifens, und das andere ist das Begehren der Motivation. Das Begehren der Motivation kann aus der Leerheit, aus Weisheit, aus Liebe und Mitgefühl kommen. Diese Art der Motivation ist völlig verschieden von den Taten, die aus Ergreifen oder der Vorstellung des Selbst kommen. Nach seiner Erleuchtung lehrte der Buddha fünfundvierzig Jahre lang. Viel Tun war damit verbunden, aber kein Täter dahinter. Es war ein Entfalten des Dharma. Und genauso werden wir uns in unseren Leben, auf unsere eigene Art, entfalten; wir bringen unsere Persönlichkeit zum Ausdruck, unsere eigene Natur. Wenn wir es ohne die Einstellung tun können "Ich muß dies tun, um jemand zu werden, um berühmt oder reich zu werden", es sich nur im Moment entfalten lassen, dann wird alles möglich. Es ist ein gewaltiges Sich-Öffnen in die Freiheit. Wenn wir frei bleiben von Bildern über uns selbst und den Vorstellungen des Ich, dann bleiben wir sehr viel mehr offen und intuitiv gegenüber den wechselnden Situationen. Wenn wir aber eine Vorstellung von uns selbst haben, daß wir auf eine ganz bestimmte Art und Weise sind, dann wirkt diese Vorstellung wie Scheuklappen, und wir folgen auf einem sehr schmalen Pfad dem bestimmten Bilde oder der Vorstellung und reagieren nicht auf die wechselnden Situationen um uns herum. Wenn wir offen und empfänglich bleiben, verläuft der ganze Vorgang als harmonisches Ineinanderwirken. Es besteht keine Notwendigkeit, uns durch ein Bild über uns selbst zu begrenzen. Bleiben Sie beweglich. Bleiben Sie offen.


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