Kassapa

BUDDHA UND SEINE JÜNGER

Kassapa

 

Anders als Sāriputta und Moggallāna, ein Asket strengster Observanz, war Kassapa, der zur Unterscheidung von anderen Buddha Jüngern desselben Namens - der Name Kassapa war im alten Indien häufig - Mahākassapa, Kassapa der Große oder der Ältere, genannt wurde, nicht weil er die anderen geistig oder körperlich überragte, sondern weil er der älteste unter den Kassapas in der Bhikkhu-Gemeinde war. In Sanskrit lautet der Name Kāsyapa. Ebenso hieß auch ein Brahmane der Vorzeit, ein Dichter, dessen Lieder im Rigveda überliefert sind. Der Name läßt vermuten, daß auch unser Kassapa von Geburt Brahmane war. Näheres über seine Abstammung und seine Jugend ist nicht bekannt.

Als Kassapa erwachsen war, verließ er, wie es damals viele junge Männer taten, das Elternhaus und widmete sich dem Studium des Yoga. Von vornherein entschloß er sich zu streng asketischer Lebensweise, schor sich Haupthaar und Bart, machte sich aus aufgelesenen Lumpen ein Büßergewand und suchte die Waldeinsamkeit auf. Gelegentlich einer Wanderung von Rājagaha nach Nālandā begegnete er beim Bahuputta-Denkmal Buddha, warf sich mit der Stirn zu dessen Füßen nieder und bat ihn um Aufnahme in den Bhikkhu-Orden. Darauf belehrte ihn Buddha, und schon nach sieben Tagen hatte Kassapa die höchste Erkenntnis und damit das Nirvana erreicht (S.16.10).

Kassapa behielt, obwohl es nicht zu den Vorschriften für die Buddha-Jünger gehörte, seine strenge Askese bei. Er lebte einsam im Walde, übernachtete unter einem Baum, ging in ein Dorf nur, um Speise zu sammeln, und ernährte sich nur von dargebotener Speise; niemals nahm er eine Einladung zum Essen in einem Haus an, niemals ließ er sich von Laien ein Gewand schenken, sondern kleidete sich nur mit weggeworfenen Lumpen, die er zusammenflickte. Er war äußerst bedürfnislos und mit dem geringsten zufrieden.

Als er einmal im Bambushain bei Rājagaha mit Buddha zusammensaß, sagte dieser zu ihm: "Kassapa, du bist alt geworden. Für dich sind die alten, schäbigen Lumpen lästig. Trage doch von Laien geschenkte Bhikkhugewänder, nimm Einladungen zum Essen an und wohne in meiner Nähe!" Kassapa aber lehnte ab: er sei das Waldleben, die Lumpenkleidung und das Almosensammeln nun einmal gewöhnt, er wolle nicht mit Menschen verkehren. "Warum willst du denn daran festhalten?" fragte Buddha. "Aus zwei Gründen", erwiderte Kassapa, "erstens weil es mir so bequemer ist, und zweitens tue ich es wegen der Nachwelt; ich will den kommenden Geschlechtern ein gutes Vorbild geben." Nachsichtig ließ Buddha dies gelten: "Wenn du es wegen der Nachwelt tust, dann bleibe nur dabei!" Buddha gab es auf, ihn zu einer milderen Lebensweise zu bekehren, aber er ließ deutlich durchblicken, daß er die übertriebene Askese, wie Kassapa sie betrieb, nicht besonders schätzte.


Kassapas Erbanspruch

 

Ein anderes Mal begleitete Kassapa den Erhabenen auf einer Wanderung. Als Buddha sich setzen wollte um auszuruhen, legte Kassapa sein Lumpengewand vierfach gefaltet auf die Erde und bat Buddha, sich darauf zu setzen. Dieser nahm das Anerbieten an und rühmte die Weichheit der Unterlage. Darauf bot ihm Kassapa sein Gewand an, Buddha nahm es und gab ihm dafür das seinige. Kassapa war stolz darauf, ein Kleidungsstück Buddhas tragen zu dürfen. Nach Buddhas Tode sah er darin ein Zeichen, daß er der rechtmäßige Nachfolger in der Leitung der Gemeinde sei.

Als er die Geschichte vom Kleidertausch erzählte, bezeichnete er in diesem Zusammenhang sich selbst als "den rechtmäßigen Sohn des Erhabenen, aus seinem Munde geboren, aus der Lehre gezeugt, aus der Lehre gestaltet, den Erben der Lehre" (S.16.11), das heißt: als Buddhas rechtmäßigen Erben. Das sagte Kassapa, aber nicht Buddha. Buddha hatte ausdrücklich erklärt, daß er keinen Nachfolger ernennen wolle. (D.16, 2 am Schluß, siehe auch Seite 77*)


Magiegewaltig

 

Lehrvorträge hat Kassapa anscheinend nie oder fast nie gehalten, denn in den alten Schriften der Buddhisten ist keine Rede und nur ein Zwiegespräch über die Lehre von ihm berichtet, und dieses letztere, das wir oben schon erwähnten, das angebliche Gespräch mit Sāriputta, ist wahrscheinlich erfunden. Seine Stärke lag in der Meditation, in den Jhānas, den Versenkungen, ferner im Hellsehen und in magischen Fähigkeiten. Er erkannte das Innerste der anderen Lebewesen, wie sie denken und fühlen, konnte sich an unzählige seiner früheren Lebensläufe erinnern, konnte hellsehend das Schicksal aller lebenden Wesen nach dem Tode vorhersagen. Außerdem konnte er seine Erscheinung vervielfältigen - wir würden heute sagen: er konnte einen Doppelgänger hervorrufen - konnte sich unsichtbar machen, in der Erde untertauchen, sich in sitzender Stellung in die Luft erheben, was man heute Levitation nennt, konnte - in der Vision - Sonne und Mond mit der Hand berühren und sich bis hinauf in die Brahma-Welt versetzen. Daß er von diesen Fähigkeiten Gebrauch gemacht hätte, wird übrigens nirgends berichtet. Man nahm es aber in den Kreisen der Bhikkhu-Gemeinde allgemein an und behauptete, Buddha habe es selbst bestätigt. (S.16.11)


 Strenger Kritiker

 

Kassapa, der selbst sehr streng lebte, hielt auf strenge Zucht in der Gemeinde, rügte es, wenn sich andere nicht würdig benahmen, machte Buddha darauf aufmerksam und gab ihm dadurch mehrmals Anlaß, Verhaltungsvorschriften für die Bhikkhus zu erlassen. (MV I, 74; II, 12; VIII, 21; X, 5)

Obwohl er fast nie Reden hielt, stand er doch in so hohem Ansehen, daß er selbst einen so hoch geachteten Jünger wie Ānanda, den ständigen Begleiter und Gehilfen Buddhas, geradezu abkanzeln durfte. Einst hatte Ānanda ihn aufgefordert, mit ihm in eine Heimstätte für Nonnen zu gehen und den Nonnen eine Belehrung zuteil werden zu lassen. Nach einigem Widerstreben - denn ihm lag das nicht - folgte Kassapa der Aufforderung. Was er den Nonnen sagte, wissen wir nicht; es erschien den Verfassern der Berichte offenbar nicht wichtig genug, um es aufzuzeichnen, vielleicht war es nicht sehr schön oder vielmehr ziemlich grob. Jedenfalls äußerte danach eine der Nonnen, namens Thullatissā, ihr Mißfallen und meinte, Ānanda würde es besser gemacht haben. Sie sagte: "Das ist geradeso, wie wenn ein Nadelhändler in Gegenwart des Nadelmachers glaubte, Nadeln verkaufen zu müssen. Ebenso glaubt Herr Mahākassapa in Gegenwart des Herrn Ānanda die Lehre verkündigen zu müssen." Darauf fuhr Kassapa Ānanda in Gegenwart der Nonnen hart an: "Wie ist das nun, verehrter Ānanda, bin ich der Nadelhändler und du der Nadelmacher oder bin ich der Nadelmacher und du der Nadelhändler?" Obwohl Ānanda bescheiden erwiderte: "Verzeiht, Herr Kassapa, töricht sind die Frauenzimmer!" warnte er ihn vor dem Umgang mit den Nonnen und deutete an, daß Ānanda leicht in den Verdacht kommen könnte, unerlaubte Beziehungen zu den Nonnen zu unterhalten. "Halte an dich, Ānanda", sagte er, "daß nicht die Gemeinde dich einer weiteren Prüfung unterzieht!" (S.16.10). Diese Unterredung fand erst nach dem Tode Buddhas statt, denn es fällt auf, daß Ānanda Kassapa mit "Herr" anredet, was vorher unter den Bhikkhus nicht üblich war. Erst kurz vor seinem Tode soll Buddha angeordnet haben, daß die jüngeren Bhikkhus die älteren mit "Herr", die älteren aber die jüngeren mit "lieber Freund" oder mit ihrem Namen anzureden haben.

Bei einer anderen Gelegenheit, gleichfalls erst nach dem Tode Buddhas, wurde Kassapa noch gröber gegen Ānanda, der sich bei den jüngeren Bhikkhus großer Beliebtheit erfreute und eine zahlreiche Gefolgschaft jüngerer Bhikkhus besaß. Unter diesen befanden sich gewiß manche, die sich noch nicht ganz an das den Bhikkhus geziemende würdige Benehmen gewöhnt hatten. Das fiel dem strengen Kassapa auf, er machte Ānanda für die Verstöße der jungen Leute verantwortlich und sagte: "Warum, Ānanda, machst du deinen Rundgang zum Speisesammeln zusammen mit diesen jungen Bhikkhus, bei denen die Pforten der Sinne noch nicht behütet sind, die beim Essen nicht maßzuhalten wissen, die noch nicht auf Wachsamkeit bedacht sind? Damit zerstörst du gewissermaßen die Feldfrucht, indem du den Familien einen schlechten Eindruck machst (so daß sie uns nichts mehr spenden). Deine Gefolgschaft zerbröckelt, deine zumeist jungen Leute fallen ab. Noch immer weiß dieser Knabe nicht maßzuhalten!" Tief verletzt entgegnete Ānanda: "Herr Kassapa, nun sind mir doch schon auf dem Haupt graue Haare gewachsen, und doch komme ich bei dir von dem Wort ,Knabe' nicht los." Trotzdem wiederholte Kassapa noch einmal: "Noch immer weiß dieser Knabe nicht maßzuhalten!" Eine Nonne, die das hörte - es geschah also wieder in Gegenwart der Nonnen! - entrüstete sich darüber, was Kassapa aufs neue verdroß. Diese Nonne mußte, ebenso wie jene Thullatissā, aus dem Orden austreten.


Präsident des 1. Konzils

 

Erst nach dem Tode Sāriputtas und Moggallānas, also in der letzten Lebenszeit Buddhas, trat Kassapa mehr hervor und wurde von Buddha besonders geehrt. Daher fühlte er sich berufen, nach dessen Hinscheiden eine Bhikkhu-Versammlung - man nennt sie das erste Konzil - zusammenzurufen. Unmittelbar nach der Feierlichkeit für die Feuerbestattung Buddhas in Kusinara schlug er den dort versammelten Bhikkhus vor, einen Ausschuß zur Feststellung des Wortlauts der Lehrsätze und der Ordensregeln einzusetzen. Die Bhikkhus nahmen den Vorschlag an, und Kassapa wählte 500 Bhikkhus für diesen Ausschuß. Die Gemeinde bestätigte die Wahl und bestimmte als Versammlungsort Rājagaha. Es wurde beschlossen, daß die 500 Bhikkhus, die alle bis auf einen, Ānanda, bereits Heilige waren - Ānanda wurde es noch kurz vor dem Zusammentritt des Konzils -, die Regenzeit in Rājagaha verbringen und daß während dieser Zeit kein anderer Bhikkhu sich in der Stadt aufhalten solle. So geschah es auch. Der König von Māgadha, Ajātasattu, ließ für die 500 Bhikkhus eine Halle nahe der Stadt am Abhang eines Berges errichten. Die Versammlung dauerte sieben Monate und stellte in dieser Zeit den gesamten Text des Vinajapitaka und des Suttapitaka, der Sammlung der Ordensregeln und der Sammlung der Lehrstücke, im wesentlichen in der Form fest, wie sie heute im Pali-Kanon vorliegt. (CV XI, 1). Kassapa führte auf diesem Konzil den Vorsitz, er leitete die Verhandlungen, sprach aber sonst wenig.


Patriarch der Zen-Sekte

 

Die allgemeine Verehrung, die Kassapa zuteil wurde, wirkte noch lange nach seinem Tode fort. Etwa 500 Jahre später, um die Zeit, da im Römerreich das Christentum anfing sich auszubreiten, entstand innerhalb des Buddhismus eine neue Richtung, die man Mahāyāna, die große Laufbahn oder das große Fahrzeug, nennt und die besonders in China, Japan und Tibet weithin Anklang fand. In ihrer Grundtendenz und in manchen Einzelheiten zeigt sie eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Christentum. Ob damals buddhistische Einflüsse im Westen oder christliche im Osten wirkten, oder ob die beiden religiösen Bewegungen sich unabhängig voneinander entwickelten, ist noch nicht geklärt. Wir reden hier davon nur deshalb, weil in den buddhistischen Kreisen, die sich der neuen Richtung zuwandten, die Erinnerung an Kassapa besonders lebendig war. Eine der Sekten des Mahāyāna, die heute noch in China und Japan besteht, die Meditationssekte - chinesisch "Tschan", japanisch "Zen", gesprochen "Sen" - betrachtet Kassapa als ihren ersten Patriarchen, wohl deshalb, weil Kassapa, wie diese Sekte, den größeren Wert auf die Meditation und den geringeren auf die Lehrreden legte.


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