Satipatthana VII

SATIPATTHᾹNA

VII. ACHTSAMKEIT AUF DIE ATMUNG (ānāpānasati)

Für die Übungsanweisungen des vorhergehenden Kapitels wurde als Hauptobjekt der Achtsamkeit das Heben und Senken der Bauchdecke gewählt. Es mag jedoch Übungsgewillte geben, die die Achtsamkeit auf den Atem vorziehen, sei es für die direkte Entfaltung des Klarblicks oder für eine vorherige Erreichung der Vertiefungen (jhāna). Es mag auch körperliche Konstitutionen geben, für die der Atem regelmäßiger und deutlicher wahrnehmbar ist als die Bauchdeckenbewegung. In solchen Fällen ist gewiß die Atmung als Objekt vorzuziehen. Für diejenigen nun, die aus irgendeinem Grunde diese Wahl treffen, sollen hier kurze Anweisungen für die Übung der Atmungs-Achtsamkeit (ānāpānasati) gegeben werden, in Ergänzung der allgemeinen Bemerkungen im vierten Kapitel (Seite 57*). Die folgende Darlegung bezieht sich auf die vier in der Lehrrede gegebenen Übungen der Atmungsachtsamkeit. Eine andere Übungsmethode, beginnend mit dem Zählen der Atemzüge, wird im «Weg zur Reinheit» (Visuddhi-Magga) ausführlich dargestellt.

Für die Atmungsachtsamkeit, insbesondere wenn die Vertiefungen (jhāna) erstrebt werden, ist wohl als Sitzart der Lotussitz mit voll verschränkten Beinen vorzuziehen und wird auch in der Lehrrede lediglich bei dieser Übung ausdrücklich erwähnt. Doch in Ländern des Westens braucht diese Sitzart (so vorteilhaft sie auch ist) auch hierbei nicht als unerläßlich betrachtet zu werden, und besonders nicht, wenn die Entfaltung des Klarblicks erstrebt wird. Bei Schwierigkeiten mit dem Lotussitz mag sich daher der Übende einer der alternativen Sitzweisen bedienen, die früher beschrieben wurden (Kap. VI, S. 88* ff.).

Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß man den natürlichen Fluß des Atems in keiner Weise beeinflussen soll (s. Kap. IV, S. 57*). Der Atem soll weder angehalten, noch absichtlich vertieft oder in einen bestimmten Rhythmus hineingezwungen werden. Die einzige Aufgabe ist hier, während der Übung dem Atmungsablauf ruhig und achtsam zu folgen, und zwar unterbrechungslos oder doch (als erste Annäherung daran) ohne unbemerkte Unterbrechung. Fixierungspunkt der Achtsamkeit sind die Nasenflügel, gegen die die Atemluft anschlägt. Diesen Beobachtungsposten soll man nicht verlassen, denn hier kann man das Ein- und Ausströmen des Atems leicht bemerken. Man soll nicht dem Atem auf seinem Weg durch den Körper folgen; denn dies würde die Achtsamkeit durch ein Verweilen bei den verschiedenen Stadien dieses Weges ablenken und Konzentration verhindern. Die genaue Stelle, an der der Atem an die Nasenflügel anschlägt, mag wechseln, z. B. zwischen links und rechts. Man möge dies bemerken, doch diesem Umstand keine weitere Beachtung schenken, sondern den Atem jeweils dort konstatieren, wo er deutlich wird.

Auch wenn die Achtsamkeit getreu am Fixierungspunkt der Nasenflügel bleibt, so mag trotzdem, durch den leichten Druck der Atemluft, ein peripherisches Gewahrsein von der Laufbahn des Atems durch den Körper vorhanden sein. Sinnenwahrnehmungen, wie hier die Druckempfindung, haben nämlich eine gewisse Reichweite über das gewählte Interessenzentrum hinaus. Für diesen Umstand und die Einstellung des Meditierenden hierzu gibt es in der alten buddhistischen Literatur ein gutes Beispiel: wenn ein Mann ein Stück Holz durchsägen will, so wird er seine Aufmerksamkeit auf die Berührungsstelle der Sägezähne gerichtet halten; obwohl er auch das Kommen und Gehen der Säge bemerkt, wird er ihm doch keine Beachtung schenken. Ebenso soll bei dieser Übung die Achtsamkeit bei der Berührungsstelle, den Nasenlöchern, verharren, ohne sich durch das leicht wahrgenommene Kommen und Gehen des Atems durch den Körper ablenken zu lassen.

Der Anfänger in der Übung macht manchmal den Fehler, daß beim Hinlenken der Achtsamkeit die körperliche Haltung zu angespannt und die geistige Einstellung zu befangen ist, z. B. durch sich eindrängende Gedanken, wie «Jetzt meditiere ich» oder «Jetzt muß ich mich auf den Atem konzentrieren». Auch jede allzu ruckhafte oder betont absichtliche Hinwendung auf die Atmung wird diesen sensitiven Körpervorgang stören und das erforderliche ruhige Gleichmaß der Achtsamkeit beeinträchtigen. Um solche Fehleinstellungen zu vermeiden, halte man sich wiederholt vor Augen, daß ja der Atem unabhängig von unseren Meditationsabsichten da ist und nur beobachtet zu werden braucht. Je ungezwungener die Hinwendung der Achtsamkeit zum Atem erfolgt, desto leichter wird es sein, den Atemzügen ruhig und stetig zu folgen.

In dem auf die Atmungsachtsamkeit bezüglichen Abschnitt der Lehrrede heißt es: «Lang einatmend, weiß er: <Ich atme lang ein> ... Kurz einatmend, weiß er: <Ich atme kurz ein»>. Das soll nicht bedeuten, daß man den Atem absichtlich länger oder kürzer machen soll; vielmehr soll man lediglich darauf achten, ob im jeweiligen Moment der Beobachtung der Atem relativ länger oder kürzer ist. Ein natürliches Empfinden dafür wird sich im Verlauf der Übung einstellen, und auch andere Einzelheiten des Atmungsvorgangs werden deutlich werden.

Durch regelmäßige Übung soll der Meditierende zunächst die Fähigkeit erwerben, seine Achtsamkeit für eine zunehmend längere Zeit auf den Atem richten zu können, und zwar unterbrechungslos oder, für den Beginn der Übung, ohne unbemerkte Unterbrechung. Wenn er dies für etwa 20 Minuten mit einiger Leichtigkeit vermag, so wird er weitere Einzelheiten beim Atmungsvorgang bemerken. Es wird ihm z. B. deutlicher werden daß selbst der flüchtige Moment einer einzelnen Ein- oder Ausatmung eine zeitliche Dauer hat, in der sich die Phasen des Anfangs, der Mitte und des Endes klar abheben.

Der Übende mag nun bemerken, daß seine Achtsamkeit diese drei Phasen nicht gleichmäßig scharf und klar erfaßt. Es wird ihm auffallen, daß bei der einen oder anderen Phase die Aufmerksamkeit entweder schwach ist oder ganz ausgesetzt hat. Langsame Naturen, zum Beispiel, mögen die Anfangsphase eines neuen Atemzuges versäumen, da sie noch mit der Endphase des früheren beschäftigt sind; auch Müdigkeit mag ein Grund langsamer Reaktion sein. Unruhige Naturen wiederum mögen aus Besorgnis, nicht den Anfang des nächsten Atemzuges zu verfehlen, der Endphase des früheren keine genügende Achtsamkeit schenken; oder eine nur zeitweilige Unruhe des Geistes mag der Anlaß dafür sein. Solche Achtsamkeitsschwankungen durch Lässigkeit oder Ungeduld illustrieren eine Warnung, die sich in verschiedener Form mehrmals in den buddhistischen Schriften findet: nicht zurückzubleiben und nicht vorauszueilen (SN v.8ff.).

Diese erworbene Fähigkeit, solch feine Unterschiede in der Achtsamkeitsschärfe zu bemerken, darf als ein erster Übungserfolg betrachtet werden, der eine Stärkung der Konzentration und Verfeinerung der Achtsamkeit anzeigt. Diese Beobachtungen werden auch für die Selbsterkenntnis des Meditierenden nützlich sein und ihm dazu verhelfen, seine geistige und Temperamentsveranlagung auf einen gut balancierten Übungsfortschritt einzustellen, der die Extreme von Schlaffheit und Übereifer vermeidet.

Wenn man nun solche Achtsamkeitsschwankungen während einer einzelnen Ein- oder Ausatmung gemerkt hat, so wird sich der Wunsch und das Bemühen einstellen, diese Schwächen zu beseitigen und eine gleichmäßig klare Achtsamkeit während aller drei Ablaufphasen beizubehalten. Wenn dies gelingt, so hat man damit die dritte der in der Lehrrede gegebenen Übungen betätigt: «Den ganzen (Atem-) Körper empfindend, werde ich ein- und ausatmen». Es sind solch lückenlos kontinuierliche Achtsamkeitsfolgen, die eine Stärkung der Achtsamkeit und Sammlung sowie der gesamten Bewußtseinsstruktur bewirken.

Dieses zweifache Bemühen des Meditierenden - um eine ununterbrochene Beobachtung der Atemfolge und um gleichmäßige Achtsamkeitsschärfe bei den einzelnen Phasen - mag eine ganz leichte Spannung oder Unruhe im Atmungsvorgang und in dem ihn beobachtenden Bewußtseinsvorgang hinterlassen haben. Obwohl schwach, wird sie der geschärften Achtsamkeit nicht entgehen. Und dies wird wiederum den spontanen Wunsch und das Bemühen hervorrufen, auch die letzten feinen Spuren von Unruhe zu beseitigen und Körper und Geist zu noch größerer Ruhe und Entspanntheit zu führen. Dies ist die Aufgabe der vierten Übung in der Lehrrede: «Die (Atem-)Körperfunktion beruhigend, werde ich ein- und ausatmen». Es bedarf freilich fortgesetzter Pflege, bis alle diese Übungsstadien ein einigermaßen gesicherter Besitz des Meditierenden geworden sind und er eine gewisse Vertrautheit mit ihnen erworben hat. Wenn dies erreicht ist, kann weiterer Fortschritt erwartet werden.

Es ist auch in diesem Stadium des Übungsverlaufs, nämlich der Beruhigung des Atems, daß sich die beiden Hauptwege buddhistischer Meditation, Geistesruhe und Klarblick, vorübergehend trennen.

Wünscht man, zuerst auf dem Weg der Geistesruhe (samatha) die meditativen Vertiefungen (jhāna) zu erreichen, so soll man das letzte Stadium, die Beruhigung, weiter pflegen, um den Atem noch mehr zu verfeinern. Obwohl auch hier die Achtsamkeit alle drei Phasen eines Atemzuges lückenlos erfassen muß, soll, nachdem dies erreicht wurde, der Meditierende diesen Phasen keine besondere Aufmerksamkeit schenken. Er soll z.B. nicht die Anfangs- und Endpunkte der Atemzüge mit Nachdruck ins Auge fassen, obwohl sie natürlich gleichmäßig klar sein müssen. Jede zu scharf unterscheidende Geistestätigkeit würde hier nur ein Hindernis sein. Der nach den Vertiefungen Strebende soll sich vielmehr vom Wellenrhythmus des Atems tragen lassen, ohne ihn durch wählende Achtsamkeit oder durch Reflexion zu unterbrechen. Allmählich wird dann seine geistige Sammlung an Stärke und Tiefe gewinnen, und als Anzeichen davon wird sich ein einfaches «geistiges Nachbild» (patibhāga-nimitta), etwa ein Lichtpunkt oder ein Stern, einstellen, welches die volle Sammlung (appanā) der Vertiefung (jhāna) ankündet. Komplizierte oder «dramatische» Bildvorstellungen oder «Visionen» sind jedoch kein Zeichen des Fortschritts. Sie sollen nüchtern festgestellt und aus dem Geiste entlassen werden, bevor sie an Stärke zunehmen. Wenn man der Erreichung der Vertiefungen halb- oder ganztägige Übungszeiten widmet, so soll man außerhalb der Hauptübung auch die allgemeine Achtsamkeit pflegen, wie oben beschrieben. Doch analytische Achtsamkeit (wie beim Klarblick) und intensives, fortgesetztes Reflektieren sollen dabei vermieden werden. Die «allgemeine Achtsamkeit» soll hier lediglich der geistigen Wachsamkeit, der Beruhigung und dem Ausschluß störender Eindrücke dienen.

Nach Erreichung einer Vertiefung soll man, zu ihrer vollen Auswertung, unmittelbar eine Klarblicksbetrachtung anknüpfen, d.h., man soll die während der Vertiefung vorhandenen körperlichen und geistigen Vorgänge im Lichte der drei Merkmale betrachten, nämlich als vergänglich, leidhaft und ichlos.

Wer aber, nachdem er zur vierten Übungsstufe, der Atemberuhigung, gelangt ist, dann den direkten Weg des Klarblicks (vipassanā) gehen will, richte seine Achtsamkeit auf die einzelnen Phasen der Atemzüge, insbesondere Beginn und Ende. Diese Zuwendung der Achtsamkeit soll ebenso behutsam wie fest unternommen werden. Denn dafür bedarf es keines betonten Willens- oder Denkaktes, der den erreichten Sammlungsgrad nur stören würde. Bei dem bereits beruhigten und achtsam verfolgten Atem genügt eine ganz leichte Einstellung auf die Anfangs- und Endmomente, um der Übung die Richtung auf den Klarblick, anstatt der Vertiefungen, zu geben. Die sekundären und allgemeinen Achtsamkeitsübungen sollen hier ebenso vorgenommen werden, wie in Kapitel VI beschrieben.

Im Verlauf der Übung wird es dann deutlich werden, daß hier zwei unterschiedliche Vorgänge ablaufen: der körperliche Vorgang (rūpa) des Atmens (oder der Bauchdeckenbewegung) und der geistige Vorgang (nāma) der achtsamen Feststellung oder des Wissens vom Körpervorgang. Obwohl diese Unterscheidung theoretisch gesehen als selbstverständlich erscheint, wird ein noch ungeschulter Geist bei der Übung ganz vom Körperobjekt absorbiert sein und den geistigen Anteil übersehen. Im Verlauf der Übung, bei geschärfter Achtsamkeit, wird sich jedoch das Gewahrsein beider Vorgänge einstellen oder verstärken, und die Atmung oder die Bauchdeckenbewegung wird sich dann dem Reinen Beobachten regelmäßig als ein paarweiser Vorgang präsentieren, als ein körperlicher und ein geistiger: Atmen und Wissen davon; Atmen und Wissen davon, usw.

Bei fortgesetzter Übung wird die Zeit kommen, in der man merkt, daß die Endphase einer Ein- oder Ausatmung (oder eines Hebens oder Senkens der Bauchdecke) besonders deutlich und eindrucksvoll wird, während die anderen Phasen zurücktreten. Die Trennungslinie zwischen dem Ende des einen und dem Beginn des folgenden Prozesses wird sehr markant werden; und dieses von Moment zu Moment erfahrene Erlebnis des Schwindens und Vergehens, des momentanen Todes dieser Einzelvorgänge, wird sich dem Geiste des Meditierenden tief, ja geradezu erschütternd, einprägen. Hier wird das Daseinsmerkmal der Vergänglichkeit zu unmittelbarer Erfahrung. Wer bei diesem Punkt der Übung angelangt ist, darf weitere Fortschritte erwarten.

Diese beiden Übungsergebnisse - das Gewahrwerden des paarweisen Ablaufs und das Überwiegen der Endphase - sind natürliche Entwicklungen reifender Achtsamkeit und Sammlung. Sie stellen sich ein, wenn sich, dank stetiger, ernster Übung, das Niveau der Achtsamkeit und Bewußtseinsklarheit genügend erhöht hat. Sie können also nicht «gewollt» oder absichtlich erzeugt werden; ein intellektuelles Antizipieren dieser Ergebnisse würde fruchtlos bleiben. Bei mündlicher Unterweisung wird der Meditationsmeister nie über diese oder andere Stufen sprechen, die der Übende noch nicht erreicht hat. Doch bei dieser gegenwärtigen Darlegung in Buchform war es ratsam, dem ohne persönliche Unterweisung Übenden einige Wegzeichen und Fortschrittskriterien zu geben. Obwohl Übung unter einem erfahrenen Meditationslehrer vorzuziehen ist, so kann doch ein ernst Entschlossener auch allein gute Fortschritte machen, wenn er wachsam und selbstkritisch bleibt und die Extreme der Schlaffheit und des Übereifers vermeidet. Wer sein sittliches und geistiges Gleichmaß wahrt, hat keine Gefahren aus dieser Übungsmethode zu befürchten.


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