Sechstes Kapitel

Udāna

VI. Die Blindgeborenen

Ud.VI.1 Das Aufgeben des Lebens

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Vesāli im Großen Haine, in der Halle des Kuppelhauses. Und der Erhabene kleidete sich zur Zeit des Vormittags an und ging, mit Napf und Gewand versehen, nach Vesāli wegen Almosenspeise. Als er in Vesāli betteln gegangen war, richtete er nach dem Mahle, vom Almosengange zurückgekehrt, das Wort an den ehrwürdigen Ananda: "Nimm eine Sitzmatte, Ananda; ich will mich nach dem Cāpāla-Wahrzeichen 341) begeben, um Mittagsrast zu halten." - "So sei es, Herr!" antwortete der ehrwürdige Ananda dem Erhabenen, und er nahm eine Sitzmatte und folgte dem Erhabenen in kurzer Entfernung. Und der Erhabene begab sich nach dem Cāpāla-Wahrzeichen und setzte sich auf dem bereiteten Sitze nieder.

Nachdem nun der Erhabene sich niedergesetzt hatte, richtete er das Wort an den ehrwürdigen Ananda: "Lieblich, Ananda; ist Vesāli, lieblich ist das Udena-Wahrzeichen, lieblich das Gotamaka-Wahrzeichen, lieblich das Sattamba-Wahrzeichen, lieblich das Bahuputta-Wahrzeichen, lieblich das Sārandada-Wahrzeichen 342), lieblich das Cāpāla-Wahrzeichen 341). Von wem auch immer, Ananda, die vier Grundlagen magischer Kraft 307) erweckt, entfaltet, wie ein Fahrzeug gebraucht, zur Grundlage gemacht, vollendet, angehäuft und recht angewandt sind, der könnte, wenn er es wollte, ein Weltalter lang fortbestehen oder für den Rest eines Weltalters. Nun sind, Ananda, die vier Grundlagen magischer Kraft von dem Vollendeten erweckt, entfaltet, wie ein Fahrzeug gebraucht, zur Grundlage gemacht; vollendet, angehäuft und recht angewandt; wenn er es wollte, Ananda, könnte der Vollendete ein Weltalter lang fortbestehen oder für den Rest eines Weltalters." Obwohl nun von dem Erhabenen ein deutliches Zeichen, ein deutlicher Hinweis gegeben wurde, vermochte es der ehrwürdige Ananda nicht zu begreifen, und er bat den Erhabenen nicht: ,Möge, Herr, der Erhabene ein Weltalter lang fortbestehen, möge der Heilige ein Weltalter lang fortbestehen vielen Menschen zum Heile, vielen Menschen zum Glück, aus Erbarmen mit der Welt, zum Segen, Heil und Glück für Götter und Menschen,’ weil in diesem Falle sein Geist von Māra besessen war.

Auch ein zweites Mal richtete der Erhabene das Wort an den ehrwürdigen Ananda: "Lieblich, Ananda, ist Vesāli, lieblich ist das Udena-Wahrzeichen, lieblich das Gotamaka-Wahrzeichen, lieblich das Sattamba-Wahrzeichen, lieblich das Bahuputta-Wahrzeichen, lieblich das Sārandada-Wahrzeichen, lieblich das Cāpāla-Wahrzeichen. Von wem auch immer, Ananda, die vier Grundlagen magischer Kraft erweckt, entfaltet, wie ein Fahrzeug gebraucht, zur Grundlage gemacht, vollendet, angehäuft und recht angewandt sind, der könnte, wenn er es wollte, ein Weltalter lang fortbestehen oder für den Rest eines Weltalters. Nun sind, Ananda, die vier Grundlagen magischer Kraft von dem Vollendeten erweckt, entfaltet, wie ein Fahrzeug gebraucht, zur Grundlage gemacht, vollendet, angehäuft und recht angewandt; wenn er es wollte, Ananda, könnte der Vollendete ein Weltalter lang fortbestehen oder für den Rest eines Weltalters." Obwohl nun von dem Erhabenen ein deutliches Zeichen, ein deutlicher Hinweis gegeben wurde, vermochte es der ehrwürdige Ananda nicht zu begreifen, und er bat den Erhabenen nicht: ,Möge, Herr, der Erhabene ein Weltalter lang fortbestehen, möge der Heilige ein Weltalter lang fortbestehen vielen Menschen zum Heile, vielen Menschen zum Glück, aus Erbarmen mit der Welt, zum Segen, Heil und Glück für Götter und Menschen,’ weil in diesem Falle sein Geist von Māra besessen war.

Auch ein drittes Mal richtete der Erhabene das Wort an den ehrwürdigen Ananda: "Lieblich, Ananda, ist Vesāli, lieblich ist das Udena-Wahrzeichen, lieblich das Gotamaka-Wahrzeichen, lieblich das Sattamba-Wahrzeichen, lieblich das Bahuputta-Wahrzeichen, lieblich das Sārandada-Wahrzeichen, lieblich das Cāpāla-Wahrzeichen. Von wem auch immer, Ananda, die vier Grundlagen magischer Kraft erweckt, entfaltet, wie ein Fahrzeug gebraucht, zur Grundlage gemacht, vollendet, angehäuft und recht angewandt sind, der könnte, wenn er es wollte, ein Weltalter lang fortbestehen oder für den Rest eines Weltalters. Nun sind, Ananda, die vier Grundlagen magischer Kraft von dem Vollendeten erweckt, entfaltet, wie ein Fahrzeug gebraucht, zur Grundlage gemacht, vollendet, angehäuft und recht angewandt; wenn er es wollte, Ananda, könnte der Vollendete ein Weltalter lang fortbestehen oder für den Rest eines Weltalters." Obwohl nun von dem Erhabenen ein deutliches Zeichen, ein deutlicher Hinweis gegeben wurde, vermochte es der ehrwürdige Ananda nicht zu begreifen, und er bat den Erhabenen nicht: ,Möge, Herr, der Erhabene ein Weltalter fortbestehen, möge der Heilige ein Weltalter lang fortbestehen vielen Menschen zum Heile, vielen Menschen zum Glück, aus Erbarmen mit der Welt, zum Segen, Heil und Glück für Götter und Menschen,’ weil in diesem Falle sein Geist von Māra besessen war.

Da wandte sich nun der Erhabene an den ehrwürdigen Ananda mit den Worten: "Gehe, Ananda, und tue, was dir an der Zeit zu sein scheint." - "So sei es, Herr!" antwortete der ehrwürdige Ananda dem Erhabenen, und er erhob sich von seinem Sitze, grüßte den Erhabenen ehrfurchtsvoll, umwandelte ihn rechter Hand und setzte sich nicht weit [vom Erhabenen 343)] am Fuße eines Baumes nieder.
Nicht lange nun, nachdem der ehrwürdige Ananda fortgegangen war, begab sich Māra der Böse hin zum Erhabenen, und als er zu ihm gekommen war, stellte er sich ihm zur Seite. Zur Seite stehend sprach Māra der Böse zum Erhabenen also: "Es möge jetzt, Herr, der Erhabene ins vollkommene Nibbāna eingehen 344), es möge der Heilige ins vollkommene Nibbāna eingehen, jetzt ist es für den Erhabenen die Zeit zum vollkommenen Nibbāna; denn dies, Herr, sind die vom Erhabenen selbst gesprochenen Worte: ,Ich werde, o Böser, so lange nicht zum vollkommenen Nibbāna eingehen, bis meine Mönche wirkliche Jünger 345) sein werden, weise, geschult, voll Selbstvertrauen, des Heils gewiß, gelehrt, Träger der Lehre, den höheren und niederen Vorschriften der Lehre gemäß wandelnd, ihre Pflichten treu erfüllend, der Lehre gemäß lebend; bis sie, ihrer eigenen Meisterschaft inne geworden, (die Wahrheit) aufzeigen, darlegen, bekannt machen, fest begründen, enthüllen, im einzelnen erklären und klar machen werden; bis sie eine entstandene Streitrede anderer Personen, die durch die Mittel der Lehre gut zu unterdrücken ist, unterdrückt haben, und bis sie die Lehre, von Wundern begleitet, darlegen werden.’ Jetzt aber, Herr, sind die Mönche des Erhabenen wirkliche Jünger, weise, geschult, voll Selbstvertrauen, des Heils gewiß, gelehrt, Träger der Lehre, den höheren und niederen Vorschriften der Lehre gemäß wandelnd, ihre Pflichten treu erfüllend, der Lehre gemäß lebend; ihrer eigenen Meisterschaft inne geworden, zeigen sie (die Wahrheit) auf, legen sie dar, machen sie bekannt, begründen sie, enthüllen sie, erklären sie im einzelnen und machen sie klar; nachdem sie eine entstandene Streitrede anderer Personen, die durch die Mittel der Lehre gut zu unterdrücken ist, unterdrückt haben, legen sie die Lehre, von Wundern begleitet, dar.

"Es möge jetzt, Herr, der Erhabene ins vollkommene Nibbāna eingehen, es möge der Heilige ins vollkommene Nibbāna eingehen, jetzt ist es für den Erhabenen die Zeit zum vollkommenen Nibbāna; denn dies, Herr, sind die vom Erhabenen selbst gesprochenen Worte: ,Ich werde, o Böser, so lange nicht zum vollkommenen Nibbāna eingehen, bis meine Nonnen ... Laienanhänger ... Laienanhängerinnen wirkliche Jüngerinnen sein werden, weise, geschult, voll Selbstvertrauen, des Heils gewiß, gelehrt, Träger der Lehre, den höheren und niederen Vorschriften der Lehre gemäß wandelnd, ihre Pflichten treu erfüllend, der Lehre gemäß lebend; bis sie, ihrer eigenen Meisterschaft inne geworden, (die Wahrheit) aufzeigen, darlegen, bekannt machen, fest begründen, enthüllen, im einzelnen erklären und klar machen werden; bis sie eine entstandene Streitrede anderer Personen, die durch die Mittel der Lehre gut zu unterdrücken ist, unterdrückt haben, und bis sie die Lehre, von Wundern begleitet, darlegen werden,’ Jetzt aber, Herr, sind die Nonnen ... Laienanhänger ... Laienanhängerinnen des Erhabenen wirkliche Jüngerinnen, weise, geschult, voll Selbstvertrauen, des Heils gewiß, gelehrt, Träger der Lehre, den höheren und niederen Vorschriften der Lehre gemäß wandelnd, ihre Pflichten treu erfüllend, der Lehre gemäß lebend; ihrer eigenen Meisterschaft inne geworden, zeigen sie (die Wahrheit) auf, legen sie dar, machen sie bekannt, begründen sie, enthüllen sie, erklären sie im einzelnen und machen sie klar; nachdem sie eine entstandene Streitrede anderer Personen, die durch die Mittel der Lehre gut zu unterdrücken ist, unterdrückt haben, legen sie die Lehre, von Wundern begleitet, dar.

"Es möge jetzt, Herr, der Erhabene ins vollkommene Nibbāna eingehen, es möge der Heilige ins vollkommene Nibbāna eingehen, jetzt ist es für den Erhabenen die Zeit zum vollkommenen Nibbāna; denn dies, Herr, sind die vom Erhabenen selbst gesprochenen Worte: ,Ich werde, o Böser, so lange nicht zum vollkommenen Nibbāna eingehen, bis dieser mein reiner Wandel erfolgreich und wirksam ist, weite Verbreitung gefunden hat, viele Anhänger zählt, allgemein geworden und unter Göttern und Menschen wohl verkündet ist,’ Jetzt aber, Herr, ist der reine Wandel des Erhabenen erfolgreich und wirksam, hat weite Verbreitung gefunden, zählt viele Anhänger, ist allgemein geworden und unter Göttern und Menschen wohl verkündet. Es möge jetzt, Herr, der Erhabene ins vollkommene Nibbāna eingehen, es möge der Heilige ins vollkommene Nibbāna eingehen, jetzt ist es für den Erhabenen die Zeit zum vollkommenen Nibbāna,"

Nach diesen Worten sprach der Erhabene zu Māra dem Bösen also: "Sei gutes Muts, du Böser! In kurzem wird das vollkommene Nibbāna des Vollendeten stattfinden; von jetzt nach Ablauf von drei Monaten wird der Vollendete ins vollkommene Nibbāna eingehen." Damit entließ der Erhabene am Cāpāla-Wahrzeichen besonnen und klar bewußt den Lebenswillen, und als der Erhabene den Lebenswillen entlassen hatte, erhob sich ein großes Erdbeben, ein furchtbares, haarsträubendes, und die Pauken der Götter brachen los.

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Kurzes und langes Dasein, den Willen zum Werden hat der Weise aufgegeben; im Innern froh und konzentriert hat er das Werden des Selbstes wie einen Panzer durchbrochen." 346)


341) Var. Pāvāla. Wahrzeichen = cetiya. Vgl. Windisch, Māra und Buddha, p. 68; Franke, Dighanikāya, Index.
342) Var. Ananda, Sāranda, Sāradda, Sārañña.
343) bhagavato nur in S.
344) parinibbāti. Die Bedeutung ist einfach "sterben", hier aber mit dem für den Tod des Heiligen spezifischen Sinn, daß der Erlöste bei seinem Ableben für immer aus dem Samsāra ausschaltet, also keine Wiedergeburt in irgendwelcher Form zu gewärtigen hat.
345) sāvaka bedeutet nicht "Mönch" (bhikkhu), sondern einen Jünger der höheren Pfade.
346) Zu diesem Ud. vgl. Allg. Einl., p. 104.


Ud.VI.2 Die Jatilas 390)

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Sāvatthi im Östlichen Klostergarten, im Parkhause (Visākhās,) der Mutter des Migārā. Damals aber saß der Erhabene, als er sich zur Abendzeit aus seiner sinnenden Ruhe erhoben hatte, draußen in der Vorhalle. Da begab sich der Kosaler König Pasenadi hin zum Erhabenen, begrüßte den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzte sich ihm zur Seite nieder.

Zur selbigen Zeit aber gingen sieben Jatilas, sieben Niganthas, sieben Acelas, sieben Ekasātas und sieben Wanderasketen mit langgewachsenen Nägeln und Haaren, mancherlei Zubehör mit sich führend, nicht fern vom Erhabenen vorüber 347). Es sah nun der Kosaler König Pasenadi, wie jene sieben Jatilas, sieben Niganthas, sieben Acelas, sieben Ekasātas und sieben Wanderasketen mit langgewachsenen Nägeln und Haaren, mancherlei Zubehör mit sich führend, nicht fern vom Erhabenen vorübergingen. Als er sie erblickte, erhob er sich von seinem Sitze, bedeckte mit dem Obergewand die eine Schulter, senkte das gebeugte rechte Knie zur Erde nieder, neigte die zusammengelegten Hände in der, Richtung, wo jene fünfmal sieben Asketen 348) waren und ließ sie dreimal seinen Namen hören 349): "Ihr Herren, ich bin der Kosaler König Pasenadi! Ihr Herren, ich bin der Kosaler König Pasenadi!"

Nicht lange nun, nachdem die sieben Jatilas, die sieben Niganthas,. die sieben Acelas, die sieben Ekasātas und die sieben Wanderasketen fortgegangen waren, begab sich der Kosaler König Pasenadi hin zum Erhabenen, begrüßte den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzte sich ihm zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der Kosaler König Pasenadi zum Erhabenen: "Herr, gehört wohl einer von diesen zu denjenigen, die da in der Welt Heilige sind oder die den Weg zur Heiligkeit betreten haben?" -
"Für dich, großer König, der du das weltliche Leben führst und den Sinnengenüssen frönst, der du ein von Kindern beschwertes Lager benutzest, der du dich beständig des Sandelholzes aus Benares erfreust, der du Kränze, Wohlgerüche und Salben verwendest und Gold und Silber annimmst, - (für dich) ist es schwer zu erkennen, ob diese Heilige sind oder ob sie den Weg zur Heiligkeit betreten haben. Durch ein Zusammenleben mit ihnen, großer König, muß ihre sittliche Zucht erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen 350), von einem Weisen, nicht von einem Toren. Durch den Verkehr mit ihnen, großer König, muß ihre Läuterung 351) erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen, von einem Weisen, nicht von einem Toren. In ihren Mißgeschicken, großer König, muß ihre Kraft erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen, von einem Weisen, nicht von einem Toren. In der Unterhaltung mit ihnen, großer König, muß ihre Weisheit erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen, von einem Weisen, nicht von einem Toren."

"Außerordentlich, Herr, wunderbar, Herr, wie dies, [Herr] 352), von dem Erhabenen doch so treffend gesagt ist: ,Für dich, großer König, der du das weltliche Leben führst und den Sinnengenüssen frönst, der du ein von Kindern beschwertes Lager benutzest, der du dich beständig des Sandelholzes aus Benares erfreust; der du Kränze, Wohlgerüche und Salben verwendest und Gold und Silber annimmst, - (für dich) ist es schwer zu erkennen, ob diese Heilige sind oder ob sie den Weg zur Heiligkeit betreten haben. Durch ein Zusammenleben mit ihnen, großer König, muß ihre sittliche Zucht erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen, von einem Weisen, nicht von einem Toren. Durch den Verkehr mit ihnen, großer König, muß ihre Lauterkeit erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen, von einem Weisen, nicht von einem Toren. In ihren Mißgeschicken, großer König, muß ihre Kraft erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen, von einem Weisen, nicht von einem Toren. In der Unterhaltung mit ihnen, großer König, muß ihre Weisheit erkannt werden, und dies nur in einer langen Zeit, nicht hastig, (und zwar) von einem Aufmerksamen, nicht von einem Unaufmerksamen, von einem Weisen, nicht von einem Toren.’

"Herr 353), diese meine Leute kommen hierher, nachdem sie das Land als Betrüger 354) und Landstreicher 355) durchstreift haben. Wenn diese sich zuerst erniedrigt haben, kann ich mich nachher (als Weltmensch) auch erniedrigen 356). jetzt, Herr, wirbeln sie diesen Staub und Schmutz auf und dann werden sie, wohlgebadet, wohlgesalbt, mit geordnetem Haar und Bart, mit sauberen Kleidern und Gewändern, von den fünf Sinnesgenüssen eingenommen und besessen, diesen frönen. 357)"

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Man lasse sich keinesfalls auf irgendwelche Unternehmungen ein, man sei nicht der Gefolgsmann eines andern; man lebe nicht auf Kosten 358) eines andern, man verquicke die Lehre nicht mit Geschäften. 359)."


347) Die hier aufgezählten Asketen sind nicht-buddhistische Büßer.
Die Jatilas, Asketen mit geflochtenem Haar, waren orthodoxe brahmanische Asketen; im MV. (VI, 35) wird ausdrücklich hervorgehoben, daß sie die Autorität des Veda anerkannten. Vgl. auch Sutta I, 9.
Die Niganthas (wörtl. "die Fessellosen") waren die Vorläufer jener Jaina-Sekte, die sich in Indien bis heute erhalten hat. Sie folgten der Lehre und Satzung des Pārçva, eines Sektenführers, dessen Lebenszeit die Jainas 250 Jahre vor Mahāvira, dem Stifter des Jinismus und älteren Zeitgenossen Buddhas, ansetzen. Im Gegensatz zu Buddha, der die Kasteiung verwarf, legten die Niganthas großen Wert auf die Abtötung des Körpers.
Die Acela(ka)s waren Nacktasketen. In dem Glauben, daß der Körper rein sei, verwarfen sie jede Art von Kleidung.
Ekasātā bedeutet Menschen, die sich nur mit einem Gewand oder Gewandstück (? Lendentuch) begnügen.
Die Wanderasketen (paribbājakā) taten sich nach Ausweis der buddhistischen Texte mit Vorliebe als Disputierkünstler hervor. Sie vertraten häufig eine bestimmte These (vgl. VI, 4-6), die sie nach allen Regeln einer haarspaltenden Sophistik zu verteidigen suchten. Daß die Wanderasketen ein häusliches Leben führen konnten, geht aus dem Sutta II, 6 hervor. – Vgl. Oldenberg, Buddha; Hardy, Ind. Rel., p. 62; SBE. XIII, p. 41, Anm. 1.
348) Im Original werden hier die fünf Gruppen von Asketen nochmals namentlich aufgeführt.
349) D. h. er huldigte ihnen und stellte sich, als Zeichen seiner besonderen Hochachtung, in aller Form vor.
350) S. liest richtig amanasikarotā.
351) Läuterung = soceyya. Nach Itiv. 66 wird eine dreifache Läuterung: in Werken, Worten und Gedanken unterschieden.
352) bhante nur in M.
353) Der folgende Passus ist an verschiedenen Stellen zweifelhaft; die Handschriften variieren. Ich gebe im folgenden die Erklärung des Kommentars.
354) Betrüger = corā (wörtl. "Diebe"). Der Komm. sagt: "Corā bedeutet: Ohne der Welt entsagt zu haben, scheinend als solche, die der Welt entsagt haben, essen sie die Almosenspeise des Landes als heimliche Sünder."
355) ocarakā. Komm.: "Ocarakā bedeutet ,tief Wandelnde’ oder aber ,wanderndes Volk’."
356) tehi pathamam otinnam aham pacchā otarissāmi (?). Zu otinna s. SBE. XIII, p. 7, Anm. 2: "Otinno, litterally ,having gone down’, which the old commentator in the Vibhanga explains as ,lustfully’, or with a mind bound by desire. Our word ,degraded’ has often a very similar connotion." - Nach dem Kommentar freilich, wäre der Sinn des Satzes ein anderer; denn die betreffende Handschr. liest osāyissāmi (statt otarissāmi), was durch patipajjissāmi karissāmi erklärt wird.
357) paricārissanti. Komm.: " Sie werden ihren Sinnen freien Lauf lassen" oder "sie werden sich beflecken".
358) Oder "für einen andern" (aññam nissāya).
359) Der Sinn des letzten Pāda ist nach dem Komm.: "Man soll nicht um Geldes oder ähnlicher Dinge willen die Lehre darlegen." In diesem Ud. soll offenbar die Gepflogenheit mancher heterodoxer Asketen gegeißelt werden, Asket zu sein und zugleich in der Welt zu leben und Geschäfte zu betreiben.


Ud.VI.3 Die Betrachtung

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Sāvatthi im Jeta-Haine, Im Klostergarten des Anāthapindika. Damals aber saß der Erhabene da und erkannte seine eigenen mancherlei schlechten, unheilsamen Eigenschaften, deren er sich entäußert, und die mancherlei heilsamen Eigenschaften, die er durch die Pflege der Meditation zur höchsten Vollendung entfaltet hatte. Als nun der Erhabene seine eigenen mancherlei schlechten, unheilsamen Eigenschaften erkannte, deren er sich entäußert, und die mancherlei heilsamen Eigenschaften, die er durch die Pflege der Meditation zur höchsten Vollendung entfaltet hatte, da tat er bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Früher ist es gewesen, dann war es nicht; früher ist es nicht gewesen, dann war es; es war nicht, es wird nicht sein, es ist jetzt nicht (mehr) vorhanden."


Ud.VI.4 Die Andersgläubigen 1

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Sāvatthi im Jeta-Haine, im Klostergarten des Anāthapindika. Damals aber wohnten bei Sāvatthi 360) viele Asketen und Brahmanen, Wanderasketen verschiedener Richtungen, welche verschiedene Ansichten vertraten, an verschiedene Dinge glaubten, an verschiedenen Dingen Gefallen fanden und in verschiedenen Ansichten, auf die sie sich stützten, ihre Zuflucht suchten.

Und diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) schlugen und verletzten sich gegenseitig mit scharfen Worten 362): ,,So ist die Wahrheit363), die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so."

Und viele Mönche kleideten sich zur Zeit des Vormittags an und gingen, mit Napf und Gewand versehen, wegen Almosenspeise nach Sāvatthi. Als sie in Sāvatthi betteln gegangen waren, begaben sie sich nach dem Mahle, vom Almosengange zurückgekehrt, hin zum Erhabenen, begrüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzten sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also:

"Herr, hier bei Sāvatthi wohnen viele Asketen und Brahmanen, Wanderasketen verschiedener Richtungen, welche verschiedene Ansichten vertreten, an verschiedene Dinge glauben, an verschiedenen Dingen Gefallen finden und in verschiedenen Ansichten, auf die sie sich stützen, ihre Zuflucht suchen.

"Und diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) schlagen und verletzen sich gegenseitig mit scharfen Worten: ,So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so.’"
 

"Ihr Mönche, blind und augenlos erkennen die Wanderasketen verschiedener Richtungen nicht, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt; sie erkennen nicht die Wahrheit und was nicht die Wahrheit ist. In Unkenntnis dessen, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt, und in Unkenntnis der Wahrheit und dessen, was nicht die Wahrheit ist, schlagen und verletzen sich diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) gegenseitig mit scharfen Worten: ,So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so.’

Ehedem 364), ihr Mönche lebte in eben diesem Sāvatthi ein gewisser König. Und dieser König, ihr Mönche, richtete (eines Tages) das Wort an einen seiner Leute: ,Gehe, Mann, und bringe alle Blindgeborenen in Sāvatthi an einem Ort zusammen.’

",So sei es, Majestät,’ antwortete der Mann dem Könige, und er nahm alle Blindgeborenen, so viel ihrer in Sāvatthi waren, mit sich und begab sich zum Könige und sprach zu ihm: ,Majestät; alle Blindgeborenen, die es in Sāvatthi gibt, habe ich versammelt.’
",So zeige denn, befehle ich, den Blindgeborenen einen Elefanten!’
",So sei es, Majestät,’ antwortete der Mann dem Könige, und er zeigte den Blindgeborenen einen Elefanten: [,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen 365).’]"
"Einigen Blindgeborenen zeigte er den Kopf des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er das Ohr des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er den Zahn des Elefanten: ,So ist ein .Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er den Rüssel des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er den Rumpf des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er den Fuß des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er das Hinterteil 366) des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er den Schwanz des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Einigen Blindgeborenen zeigte er das behaarte Schwanzende des Elefanten: ,So ist ein Elefant, ihr Blindgeborenen.’
"Nachdem nun, ihr Mönche, der Mann den Blindgeborenen den Elefanten gezeigt hatte, begab er sich zum Könige und sprach zu ihm: ,Majestät, die Blindgeborenen haben sich einen Elefanten angesehen; verfahret nun, wie Ihr es für gut befindet!’

"Da begab sich nun, ihr Mönche, der König zu den Blindgeborenen und sprach zu ihnen: ,Blindgeborene, habt ihr euch den Elefanten angesehen?’ - ,Ja, Majestät, wir haben uns den Elefanten angesehen.’ - ,Sagt, ihr Blindgeborenen, wie ist denn ein Elefant?’

"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, welche sich den Kopf des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät; wie ein Kessel ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, welche sich das Ohr des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie eine Worfel ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, die sich den Zahn des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie eine Pflugschar ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, die sich den Rüssel des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie die Stange am Pfluge ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, die sich den Rumpf des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie ein Kornspeicher ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, die sich den Fuß des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie ein Pfeiler ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, die sich das Hinterteil des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie ein Mörser ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, die sich den Schwanz des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie eine Keule ist ein Elefant.’
"Die unter den Blindgeborenen, ihr Mönche, die sich das behaarte Schwanzende des Elefanten angesehen hatten, sagten: ,Majestät, wie ein Besen ist ein Elefant.’

"Und unter dem Geschrei: ,So ist ein Elefant, ein Elefant ist nicht so; nicht so ist ein Elefant, ein Elefant ist so’, wurden sie mit den Fäusten gegenseitig handgemein. Der König aber, ihr Mönche, war darüber höchlichst ergötzt.

"Genau so, ihr Mönche, verhält es sich mit den Wanderasketen verschiedener Richtungen. Blind und augenlos erkennen sie nicht, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt; sie erkennen nicht die Wahrheit und was nicht die Wahrheit ist. In Unkenntnis dessen, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt, und in Unkenntnis der Wahrheit und dessen, was nicht die Wahrheit ist, schlagen und verletzen sich diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) gegenseitig mit scharfen Worten: ,So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so.’"

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"So hört man es: Es klammern sich manche Asketen und Brahmanen an diese (Dinge); es streiten sich und geraten in Widerrede die Menschen, die (nur) einen Teil sehen."


360) Statt des Sāvatthim pindaya pavisanti der Ed. ist mit S. und M. richtig zu lesen: Sāvatthiyam pativasanti. Vgl. in der Ed. in diesem Sutta Z. 35 und im folgenden Sutta Z. 4.
361) Über die hier und in den folgenden Sutten aufgezählten Thesen s. Allg. Einl., p. 115, und Schrader, Ind. Phil.
362) Wörtl. "mit Mundspießen".
363) Wahrheit = dhamma.
364) Die folgende Parabel von den Blindgeborenen ist auch in die persische und arabische Literatur übergegangen. "Colonel Jacob has shown that the parable became so well known in India that it was referred to in a standing phrase ,like the blind men and the elephant’." Rhys Davids im JRAS. (Januar 1911, p. 200 f.).
365) Das Eingeklammerte fehlt in S. und M.
366) Nach M. "Schenkel".


Ud.VI.5 Die Andersgläubigen 2

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Sāvatthi im Jeta-Haine, im Klostergarten des Anāthapindika. Damals, aber wohnten bei Sāvatthi viele Asketen und Brahmanen, Wanderasketen verschiedener Richtungen, welche verschiedene Ansichten vertraten, an verschiedene Dinge glaubten, an verschiedenen Dingen Gefallen fanden und in verschiedenen Ansichten, auf die sie sich stützten, ihre Zuflucht suchten.

Und diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) schlugen und verletzten sich gegenseitig mit scharfen Worten: "So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so."

Und viele Mönche kleideten sich zur Zeit des Vormittags an und gingen, mit Napf und Gewand versehen, nach Sāvatthi wegen Almosenspeise. Als sie in Sāvatthi betteln gegangen waren, begaben sie sich nach dem Mahle, vom Almosengange zurückgekehrt, hin zum Erhabenen, begrüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzten sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also:

"Herr, hier bei Sāvatthi wohnen viele Asketen und Brahmanen, Wanderasketen verschiedener Richtungen, welche verschiedene Ansichten vertreten, an verschiedene Dinge glauben, an verschiedenen Dingen Gefallen finden und in verschiedenen Ansichten, auf die sie sich stützen, ihre Zuflucht suchen.
"Es sind etliche Asketen und Brahmanen, die glauben und verkünden: ,Ewig ist das Ich und die Welt; ... usw. 368) ....’

"Und diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) schlagen und verletzen sich gegenseitig mit scharfen Worten: ,So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so.’" -

"Ihr Mönche, blind und augenlos erkennen die Wanderasketen verschiedener Richtungen nicht, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt; sie erkennen nicht die Wahrheit und was nicht die Wahrheit ist. In Unkenntnis dessen, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt, und in Unkenntnis der Wahrheit und dessen, was nicht die Wahrheit ist, schlagen und verletzen sich diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) gegenseitig mit scharfen Worten: ,So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so.’"

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"So hört man es: Es klammern sich manche Asketen und Brahmanen an diese (Dinge), und auf dem Wege gehen sie unter, sie, die das Nibbāna 369) nicht erreicht haben."


367) Nach S. und M.: sassato ca asassato ca.
368) Die Kürzung an dieser Stelle findet sich in beiden Ausgaben.
369) So erklärt der Komm. ogadha.


Ud.VI.6 Die Andersgläubigen 3

So habe ich gehört 370): Einst weilte der Erhabene bei, Sāvatthi im Jeta-Haine, im Klostergarten des Anāthapindika: Damals aber weilten bei Sāvatthi viele Asketen und Brahmanen, Wanderasketen verschiedener Richtungen, welche verschiedene Ansichten vertraten, an verschiedene Dinge glaubten, an verschiedenen Dingen Gefallen fanden und in verschiedenen Ansichten, auf die sie sich stützten, ihre Zuflucht suchten.

Und diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) schlugen und verletzten sich gegenseitig mit scharfen Worten: "So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so."

Und viele Mönche kleideten sich zur Zeit des Vormittags an und gingen, mit Napf und Gewand versehen, nach Sāvatthi wegen Almosenspeise. Als sie in Sāvatthi betteln gegangen waren, begaben sie sich nach dem Mahle, vom Almosengange zurückgekehrt, hin zum Erhabenen, begrüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzten sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also:

"Herr, hier bei Sāvatthi wohnen viele Asketen und Brahmanen, Wanderasketen verschiedener Richtungen, welche verschiedene Ansichten vertreten, an verschiedene Dinge glauben, an verschiedenen Dingen Gefallen finden und in verschiedenen Ansichten, auf die sie sich stützen, ihre Zuflucht suchen.
"Es sind etliche Asketen und Brahmanen, die glauben und verkünden: ,Ewig ist das Ich und die Welt; ... usw. ....’

"Und diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen (Leute) schlagen und verletzen sich gegenseitig mit scharfen Worten: ,So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so.’"

"Ihr Mönche, blind und augenlos erkennen die Wanderasketen verschiedener Richtungen nicht, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt; sie erkennen nicht die Wahrheit und was nicht die Wahrheit ist. In Unkenntnis dessen, worauf es ankommt und worauf es nicht ankommt, und in Unkenntnis der Wahrheit und dessen, was nicht die Wahrheit ist, schlagen und verletzen sich diese zänkischen, hadernden, in Streitrede geratenen Leute gegenseitig mit scharfen Worten: ,So ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so.’"

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Dies Geschlecht ist dem Gedanken "Ich" ergeben, ist behaftet mit dem Gedanken "ein anderer". Diese (zwei irrigen Ansichten) 371) haben einige nicht verstanden, haben darin nicht den Stachel gesehen. Aber für den klar Sehenden, der diesen Stachel unschädlich gemacht hat 372), gibt es nicht den Gedanken: ,Ich schaffe’, es gibt für ihn nicht den Gedanken: ,Ein anderer schafft 373).’ Dem Dünkel ist dieses Geschlecht unterworfen, durch Dünkel gefesselt, durch Dünkel gebunden; auf Grund seiner Ansichten kommt es nicht aus dem Lauf der Wiedergeburten heraus."


370) Die folgende Rahmenerzählung deckt sich vollständig mit der vorhergehenden, aber nur S. gibt den vollen Text.
371) Der Komm. erklärt etad durch ditthidvayam.
372) U. z. dadurch, daß er alles als nicht-Ich erkannt hat, so daß ihm nicht einmal mehr der bloße Gedanke an sich selbst kommt. patikacca (so nach S. und M.) wörtl. "ausgebessert, ersetzt habend".
373) Sondern nur den Gedanken: "es entsteht" bzw. "es wird zum Entstehen gebracht".


Ud.VI.7 Subhūti

So habe ich gehört: Einst weilte der .Erhabene bei Sāvatthi im Jeta-Haine, im Klostergarten des Anāthapindika. Damals aber saß in der Nähe des Erhabenen mit gekreuzten Beinen und gerade aufgerichtetem Körper der ehrwürdige Subhūti 374), nachdem er die von Vorstellungen freie Konzentration 375) erreicht hatte. Es sah nun der Erhabene den ehrwürdigen Subhūti mit gekreuzten Beinen und gerade aufgerichtetem Körper in seiner Nähe sitzen, wie er die von Vorstellungen freie Konzentration erreicht hatte.

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Wessen Vorstellungen ausgetilgt 376), im Innern alle ganz abgeschnitten 377) sind, der gelangt, nach Überwindung dieser Fessel, frei von Formwahrnehmung 378), und nachdem er die vier Einflüsse 379) überwunden hat, nicht zu einer (neuen) Geburt."


374) Vgl. Nyānatiloka, Einer-Buch, p. 37.
375) Das zweite jhāna.
376) Lies mit S. und M. vidhūpitā.
377) suvikappitā.
378) Ich analysiere: a-rūpasaññi (nicht: arūpa-saññi).
379) yoga. Die vier Yogas sind (nach Childers, s. v.): kāma, bhava, ditthi, avijjā. Yoga ist hier also synonym mit āsava.


Ud.VI.8 Die Dirne

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Rājagaha im Bambus-Haine beim Kalandakanivāpa. Damals aber waren zwei Parteien, die von Leidenschaft und Liebe zu einer Dirne entbrannt waren, in Zank, Streit und Wortwechsel geraten. Mit Fäusten und Erdklumpen, mit Stöcken und Schwertern gingen sie aufeinander los; da kamen sie zu Tode, zu tödlichem Weh.

Und viele Mönche kleideten sich zur Zeit des Vormittags an und gingen, mit Napf und Gewand versehen, nach Rājagaha wegen Almosenspeise. Als sie in Rājagaha betteln gegangen waren, begaben sie sich nach dem Mahle, vom Almosengange zurückgekehrt, hin zum Erhabenen, begrüßten den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzten sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also: "Herr, hier in Rājagaha sind zwei Parteien, die von Leidenschaft und Liebe zu einer Dirne entbrannt waren, in Zank, Streit und Wortwechsel geraten. Mit Fäusten und Erdklumpen, mit Stöcken und Schwertern gehen sie aufeinander los; da kommen sie zu Tode, zu tödlichem Weh."

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Für den, der als Ringender in peinvoller Askese sich müht 380), ist beides: was man erreicht hat und was noch erreicht werden soll, mit Schmutz besudelt 381); und so ist auch der Kern seiner Schulung. Kasteiung 382) und geschlechtliche Enthaltsamkeit bilden den Kern seines sittlichen Strebens. Dies ist das eine Extrem 383).

"Und wer da verkündet: ,In den Sinnengenüssen liegt nichts Arges,’ dies ist das andere Extrem.
"So vermehren diese beiden Extreme die Leichenstätten, und die Leichenstätten fördern die irrigen Ansichten. Ohne diese beiden Extreme erkannt zu haben, bleiben die einen unten hängen, die anderen laufen über das Ziel hinaus 384). Jene aber, die diese (Extreme) erkennend nicht in ihnen 385) befangen sind und nicht also vermeinen 386), für die gibt es keine Fortführung des Daseinslaufes mehr 387)."


380) Es ist mir kaum zweifelhaft, daß sich āturass’ anusikkhino auf einen Vertreter der abtötenden Askese bezieht. Vgl. Itiv. 49, wo dieselben beiden Extreme erklärt werden. Vgl. auch Ang. IV, 196.
381) Wörtl. "mit Staub bestreut".
382) S. Childers s. v. silabbata.
383) Ich punktiere mit S. hinter anto und tilge den Punkt hinter evamvādino in der folgenden Zeile.
384) Vgl. Itiv. 49.
885) Wörtl. "dort".
886) M. liest besser tena ca na maññimsu.
387) D. h. sie schalten aus dem Samsāra aus.


Ud.VI.9 die Motten 391)

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Sāvatthi im Jeta-Haine, im Klostergarten des Anāthapindika. Damals aber saß der Erhabene in stockfinsterer Dunkelheit bei Nacht unter freiem Himmel, während Öllampen brannten. Zu der Zeit aber gerieten viele Motten, die an die Öllampen heranschwirrten und von allen Seiten hineinfielen, in großes Elend, in großes Mißgeschick, in großes Elend und Verderben. Es sah nun der Erhabene, wie die vielen Motten, die an die Öllampen heranschwirrten und von allen Seiten hineinfielen, in großes Elend, in großes Mißgeschick, in großes Elend und Verderben gerieten.

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Sie eilen mit Ungestüm heran, zu dem Wesentlichen gelangen sie nicht; immer wieder erneuern und verstärken sie ihre Fessel. In die Flamme fallen sie wie die Motten; von dem, was sie sehen und hören, werden die einzelnen angezogen."


Ud.VI.9 das Glühwürmchen 392)

So habe ich gehört: Einst weilte der Erhabene bei Sāvatthi im Jeta-Haine, im Klostergarten des Anāthapindika. Da begab sich der ehrwürdige Ananda hin zum Erhabenen, begrüßte den Erhabenen ehrfurchtsvoll und setzte sich ihm zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Ananda zum Erhabenen also: "Herr, solange auch immer Vollendete, Heilige, völlig Erwachte in der Welt nicht erscheinen, solange werden die andersgläubigen Wanderasketen geehrt, wertgeschätzt, hochgeachtet, respektvoll gegrüßt und mit Aufmerksamkeiten bedacht und erhalten die erforderlichen Dinge, nämlich Gewandung, Almosenspeise, Lagerstätte und Arznei für Krankheitsfälle; sobald nun aber, Herr, Vollendete, Heilige, völlig Erwachte in der Welt erscheinen, werden die andersgläubigen Wanderasketen nicht geehrt noch wertgeschätzt, nicht hochgeachtet noch respektvoll gegrüßt, noch mit Aufmerksamkeiten bedacht und erhalten nicht die erforderlichen Dinge, nämlich Gewandung, Almosenspeise, Lagerstätte und Arznei für Krankheitsfälle. Gegenwärtig nun, Herr, wird der Erhabene geehrt, wertgeschätzt, hochgeachtet, respektvoll gegrüßt und mit Aufmerksamkeiten bedacht und erhält die erforderlichen Dinge, nämlich Gewandung, Almosenspeise, Lagerstätte und Arznei für Krankheitsfälle, und auch die Mönchsgemeinde erhält es."

"So ist es, Ananda, [so ist es, Ananda!] 388). Solange auch immer, Ananda, Vollendete, Heilige, völlig Erwachte in der Welt nicht erscheinen, solange werden die andersgläubigen Wanderasketen geehrt, wertgeschätzt, hochgeachtet, respektvoll gegrüßt und mit Aufmerksamkeiten bedacht und erhalten die erforderlichen Dinge, nämlich Gewandung, Almosenspeise, Lagerstätte und Arznei für Krankheitsfälle. Sobald nun aber, Ananda, Vollendete, Heilige, völlig Erwachte in der Welt erscheinen, werden die andersgläubigen Wanderasketen nicht geehrt noch wertgeschätzt, nicht hochgeachtet noch respektvoll gegrüßt, noch mit Aufmerksamkeiten bedacht und erhalten nicht die erforderlichen Dinge, nämlich Gewandung, Almosenspeise, Lagerstätte und Arznei für Krankheitsfälle. Gegenwärtig nun wird der Vollendete geehrt, wertgeschätzt, hochgeachtet, respektvoll gegrüßt und mit Aufmerksamkeiten bedacht und erhält die erforderlichen Dinge, nämlich Gewandung, Almosenspeise, Lagerstätte und Arznei für Krankheitsfälle, und auch die Mönchsgemeinde erhält es."

Da tat der Erhabene, nachdem er erkannt, was dies zu bedeuten hatte, bei jener Gelegenheit folgenden feierlichen Ausspruch:

"Es leuchtet das Glühwürmchen, solange der Lichtbringer 389) nicht emporsteigt. Wenn erst die Sonne aufgegangen ist, dann ist sein Glanz dahin, und es leuchtet nicht mehr.

"Genau so ist das Leuchten der Andersgläubigen: Solange völlig Erwachte in der Welt nicht erscheinen, glänzen keine Denker und auch keine Jünger, und die im Irrtum schmachten, werden vom Leiden nicht erlöst."


388) Die Wiederholung nur in S.
389) Die Sonne.

390) Die Titel 2-7 sind nach M. gegeben.
391) Im Original upāti; das sind die drei ersten Silben des Ud. (upātidhāvanti). Im Inhaltsverzeichnis und hier habe ich dafür den Titel "die Motten" gewählt.
392) Das Original hat: "uppajjanti: sie erscheinen".
 


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Das sechste Kapitel: Die Blindgeborenen.
Übersicht:
Das Aufgeben des Lebens (1), die Jatilas390) (2), die Betrachtung (3), drei (erzählen von) den Andersgläubigen (4-6), Subhūti (7), die Dirne (8), die Motten391) (9) und das Glühwürmchen 392) (10), das sind die zehn.